«Eigenes Wissen ist heute wichtiger denn je»
26.06.2026 Bezirk LiestalGymnasium-Rektor Andreas Langlotz über den Umgang mit KI an seiner Schule
Kein Verbot, aber klare Regeln: Am Gymnasium Liestal gehört Künstliche Intelligenz oder KI längst zum Schulalltag. Rektor Andreas Langlotz erklärt, wie die Schule mit dem Wandel umgeht ...
Gymnasium-Rektor Andreas Langlotz über den Umgang mit KI an seiner Schule
Kein Verbot, aber klare Regeln: Am Gymnasium Liestal gehört Künstliche Intelligenz oder KI längst zum Schulalltag. Rektor Andreas Langlotz erklärt, wie die Schule mit dem Wandel umgeht – und warum er trotz KI-Tutoren keine Angst um die Zukunft der Lehrpersonen hat.
Nicolas Jermann
Herr Langlotz, Hand aufs Herz: Wie oft nutzen Sie selbst im Alltag bereits Künstliche Intelligenz?
Andreas Langlotz: Eigentlich noch sehr wenig. Wenn ich KI nutze, dann hauptsächlich als praktische Unterstützung für Übersetzungen, beispielsweise, wenn ich E-Mails an Kolleginnen und Kollegen in der Romandie oder im Tessin schreibe.
Angesichts des rasanten Fortschritts gibt es bereits Forderungen nach einem eigenen Schulfach für KI.
Wie stehen Sie dazu?
Davon halte ich wenig. Ein eigenes Fach greift zu kurz, denn der Einsatz von KI ist extrem fachspezifisch. Im Sprachunterricht braucht man andere Ansätze und Werkzeuge als in der Mathematik oder im Kunstunterricht. Unser Ziel an der Schule muss es sein, KI-Kompetenz integrativ in allen bestehenden Fächern zu vermitteln. Nur so bereiten wir die Schülerinnen und Schüler praxisnah auf die Zukunft vor.
Das klingt sehr offen. Gibt es an Ihrer Schule Verbote oder klare Richtlinien im Umgang mit «ChatGPT» und Co.?
Ein generelles KI-Verbot gibt es bei uns nicht, das wäre auch realitätsfern. Aber wir haben klare Leitlinien. Das wichtigste Werkzeug hierbei ist eine strikte «Deklarationspflicht» bei schriftlichen und anderen Arbeiten. Die Schüler müssen transparent machen, wo und wie sie KI eingesetzt haben. Und natürlich gilt weiterhin: Betrug im Prüfungskontext bleibt ohne Wenn und Aber verboten.
Besteht nicht dennoch die Gefahr, dass Jugendliche das Denken verlernen, weil die KI alles auf Knopfdruck erledigt?
Diese Gefahr des sogenannten «Cognitive Offloading» existiert durchaus. Wenn KI nur genutzt wird, um unbequeme Denkprozesse zu umgehen, bleibt der Lerneffekt komplett aus. Genau deshalb ist eigenes Basiswissen heute wichtiger denn je. Nur wer selbst über fundiertes Wissen verfügt, besitzt auch die kritische Urteilsfähigkeit, um die Ergebnisse einer KI überhaupt prüfen, hinterfragen und korrigieren zu können.
Gerade bei grossen Abschlussarbeiten wie der Maturarbeit ist die Versuchung gross, die KI als sogenannten «Ghostwriter» zu nutzen. Wie wollen Sie das kontrollieren?
Unsere Lösung zu diesem Problem heisst deshalb: «enge Prozessbetreuung». Wir setzen auf den persönlichen, kontinuierlichen Austausch während der Entstehung einer Arbeit. Wenn eine Lehrperson im direkten Gespräch gezielte mündliche Fragen zum Thema stellt – ganz ohne Computer –, merkt sie sofort, ob das Wissen beim Schüler da ist oder nicht. Zudem fällt ein plötzlicher Wechsel des Schreibstils im Vergleich zu früheren Arbeiten im Unterricht schnell auf.
Wenn KI-Tutoren in Zukunft unendlich geduldig den Stoff erklären können: Werden Lehrpersonen dann bald überflüssig?
Auf keinen Fall. KI-Tutoren bieten zwar grossartige Chancen, etwa für individuelles Training oder die gezielte Prüfungsvorbereitung im eigenen Tempo. Aber Schule ist mehr als reine Wissensvermittlung. Menschen sind soziale Wesen. Es braucht auch in Zukunft das Coaching, die Empathie und die Orientierung durch echte Menschen. Die Rolle der Lehrperson verschiebt sich lediglich: weg vom «Vortragen» vor der Klasse, hin zur Begleitung und Unterstützung im Lernprozess.

