Dunkel war’s
28.08.2026 PersönlichEs ist einige Jahre her. Wir sitzen gemütlich auf unserer kleinen Hotel-Terrasse in Colonia (Yap, Mikronesien), auf der sprichwörtlich anderen Seite der Erde.
Es ist 16.30 Uhr, als es plötzlich diesig wird. Nein, nicht wirklich dunkel, nur fast dunkel, diesig eben. Lichter ...
Es ist einige Jahre her. Wir sitzen gemütlich auf unserer kleinen Hotel-Terrasse in Colonia (Yap, Mikronesien), auf der sprichwörtlich anderen Seite der Erde.
Es ist 16.30 Uhr, als es plötzlich diesig wird. Nein, nicht wirklich dunkel, nur fast dunkel, diesig eben. Lichter flackern, wir denken an einen möglichen Stromausfall. Ob man vergessen hat, Dieselöl für die Stromgeneratoren nachzukaufen?
Es könnte aber auch eine grosse, dunkle Wolke gewesen sein, welche die Sonne kurzfristig abgedeckt hat. Ein kurzer Blick zum Himmel belehrt uns eines Besseren. Keine Wolke ist weit und breit zu sehen: Es ist eine Sonnenfinsternis, die uns die Sicht auf die Aussicht genommen hat. Kurz darauf schüttelt uns auch noch ein Erdbeben durch. Wir befürchten einen Weltuntergang oder noch etwas viel Schlimmeres.
Etwas später ist es wieder hell, alles scheint wie vorher zu sein. Unsere Nachfrage bei einem Einheimischen («War was mit der Sonne los und hat tatsächlich die Erde gebebt?») ergibt keine konkrete Antwort, nur ein nichtssagendes Schulterzucken. Der Besitzer des Hotels meint, so etwas interessiere hier schon lange niemanden mehr. «Wir sitzen hier auf dem Pazifischen Feuerring, es schüttelt uns immer mal wieder durch und die Sonne soll machen, was sie will, es ist sowieso heiss. Mit dem Yap-Graben haben wir auch noch eine der tiefsten Stellen der Erde zu bieten. Denkst du wirklich, eine läppische Sonnenfinsternis und das kleine Beben könnten uns aus den Socken hauen?»
Am 12. August 2026, kurz nach 20 Uhr, wurde es im Baselbiet finster. Da man hier nicht viel davon mitbekam (ausser man hatte spezielle Brillen), übertrug man die Finsternis live aus Spanien und Island. In den folgenden Tagen waren die Zeitungen voll von Zeugnissen dieses Ereignisses. «Phänomenal, grossartig, eindrücklich, einmalig.»
Einmalig war sie mit Sicherheit nicht. Für die Presse aber war es eine Wohltat, denn das Ereignis fiel genau in die Zeit, die man auch Sommerloch, Sommerflaute oder Sauregurkenzeit nennt. Woher stammt eigentlich die Redewendung mit den sauren Gurken? Leider hat auch das Internet keine nachvollziehbare Erklärung.
In den Sprachen Mikronesiens gibt es keinen Ausdruck für die ereignislose Zeit. Nur gerade in Papua-Neuguinea hat sich, neben den selbsterklärenden «sing-sing» und «weg-weg», das Wort «nix-nix» eingebürgert.
Seit dieser Woche ist sie endlich vorbei, die Zeit der sauren Gurken. In Liestal tagt wieder der Landrat. Auch in Bern (ab 14. September) wird wieder über mehr oder weniger Unwichtiges getratscht und in den Redaktionsstuben herrscht endlich wieder Hochbetrieb. Demgegenüber wird die Zeit der Dorffeste langsam, aber sicher vorbei sein. Beginnt etwa bereits die nächste Sauregurkenzeit? Nein, denn schon bald kommt die kalte Jahreszeit. Und mit ihr die Berichte über Vereine und Generalversammlungen.
PS: Am 3. September 2081 wird die nächste totale Sonnenfinsternis im Baselbiet zu sehen sein. Ich werde diese nicht mehr erleben.
Der Autor, Kolumnist Hanspeter Gsell, lebt seit mehr als 40 Jahren in Sissach.

