Drei Rollen
04.08.2026 PersönlichDas Mittagessen mit meinem Altherren-Club an der feinen Adresse in Muttenz bot mir endlich die Gelegenheit, nach 60 langen Jahren meinen inneren Seelenfrieden zu finden. Es handelte sich nicht ganz um meinen ersten Besuch dort in dieser langen Zeit. Wir luden einmal meine inzwischen spürbar ...
Das Mittagessen mit meinem Altherren-Club an der feinen Adresse in Muttenz bot mir endlich die Gelegenheit, nach 60 langen Jahren meinen inneren Seelenfrieden zu finden. Es handelte sich nicht ganz um meinen ersten Besuch dort in dieser langen Zeit. Wir luden einmal meine inzwischen spürbar älteren Eltern in dieses Restaurant ein, das mit seinem Namen an die dortige Weinbau-Tradition erinnert. Wir wollten mit ihnen dort an diesem Sommerabend einfach im «Wäisch no?» schwelgen. Ich verbarg damals aber zur Sicherheit mein Gesicht, sobald sich jemand mit Speis oder Trank unserem Vierertisch näherte. Und beim Trinkgeld erwies ich mich als ungewohnt grosszügig.
Vielleicht haben die Leute damals nicht vergessen, was wir uns rund vier Jahrzehnte zuvor in diesem Haus zuschulden kommen liessen. Als leidenschaftlicher Waggis werkelte mein Vater damals an den Samstagen vor Fasnacht mit seinen Cliquenfreunden am Wagen. Wir Kinder durften ihn immer begleiten. Der Heustock und der Bauernhof des damals berühmtesten Muttenzers, von Schwingerkönig Peter Vogt, war für uns dabei ein Paradies. Uns erging es aber nicht besser als vor uns Adam und Eva, die sich im Garten Eden auch schnell einmal langweilten.
So beschlossen wir, gemeinsam eine Schnitzeljagd entlang der Rebstöcke hinauf auf den Wartenberg zu unternehmen. Er wurde schon damals, ich schwöre es, als Ruine bezeichnet. Doch ohne Schnitzel keine Jagd. Also hielten wir Kriegsrat. Im ersten Stock der Dorfbeiz, in der es nach dem Wagenbau immer noch reichlich Kaffi fertig für die durchgefrorenen Wagenbauer und den Schwingerkönig sowie einen Sirup für uns Kinder gab, hat es doch im ersten Stock Toiletten. Dorthin schlichen meine Cousine und ich und klauten drei Rollen WC-Papier. Ich nahm eine, sie mit ihrem Antlitz eines Unschuldsengels sogar zwei.
Auf die Schnitzeljagd verzichteten wir wohlweislich, weil wir damit ja die Polizei direkt auf unsere Fährte geführt hätten. So blöd wäre ja nicht einmal Sid, Tom Sawyers Bruder. Wir wollten uns lieber nicht darauf verlassen, dass uns Peter – wir durften den König duzen – da rausgehauen hätte. Auch verloren wir plötzlich jede Lust auf den Sirup und fühlten uns plötzlich auch zu erwachsen, um unsere Väter weiterhin zum Wagenbau zu begleiten. Mit diesem Raub dürfte auch im Zusammenhang stehen, dass sich meine Cousine, kaum den Kinderschuhen entwachsen, für immer nach Zürich ins Exil verabschiedete.
Nun aber bot sich mir beim dritten Besuch die einmalige Chance, alles wieder zurechtzurücken. Unbemerkt schlich ich während des Essens in den ersten Stock hoch. Dank meiner nicht zu übersehenden Alterszulagen auf den Rippen waren auch die drei Rollen WC-Papier von zu Hause unter meinem Kurzhemd nicht zu erkennen. So konnte ich die Rollen unbemerkt auf die beiden Toiletten verteilen. Um den hintersten und letzten Verdacht auszuräumen, verzichtete ich beim Bezahlen auf das Aufrunden. Daheim rief ich sogleich nach Zürich an, die Cousine könne heimkehren.
Jürg Gohl ist Autor «Volksstimme» und Kulturpreisträger des Kantons Baselland 2025

