«Die Unklarheit ist ihre grösste Sorge»
24.02.2026 BaselbietFast 2800 Ukrainerinnen und Ukrainer leben im Kanton
Heute jährt sich der Beginn der russischen Vollinvasion zum vierten Mal. Nach Kriegsausbruch im Februar 2022 flohen viele Ukrainerinnen und Ukrainer, um Schutz zu suchen – auch in das Baselbiet. Eine Übersicht.
...Fast 2800 Ukrainerinnen und Ukrainer leben im Kanton
Heute jährt sich der Beginn der russischen Vollinvasion zum vierten Mal. Nach Kriegsausbruch im Februar 2022 flohen viele Ukrainerinnen und Ukrainer, um Schutz zu suchen – auch in das Baselbiet. Eine Übersicht.
Timo Wüthrich
Der Morgen des 22. Februar 2022 markierte für viele Ukrainerinnen und Ukrainer einen tief greifenden Einschnitt: russische Militärfahrzeuge passierten die Grenze. Rasch wurde klar, dass diese Eskalation weitreichende Konsequenzen haben würde. Das Leben der Bevölkerung veränderte sich grundlegend.
Bilder von Menschen, die vor dem Krieg flohen, prägten die Berichterstattung. Während einige in Polen oder Rumänien Zuflucht fanden, setzten andere ihre Flucht Richtung Westen fort. Am 12. März aktivierte der Bundesrat den Schutzstatus S für ukrainische Flüchtende. In den folgenden Wochen stieg die Zahl der Gesuche stark an. Mitte März 2022 wurden innert Wochenfrist 411 Schutzgesuche im Baselbiet eingereicht – der bisherige Höchstwert.
Aktuell halten sich fast 2800 geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer im Baselbiet auf. Ende Januar wohnten 539 ukrainische Schutzsuchende in einer Gemeinde der beiden Oberbaselbieter Bezirke, die meisten in Sissach. Hinzu kommen 118 Personen in Arisdorf, Bubendorf, Hersberg, Lausen, Lupsingen, Ramlinsburg, Seltisberg und Ziefen (Bezirk Liestal). Nach Angaben des Baselbieter Asylkoordinators Marco Ramseier sind 59 Prozent der Personen mit Schutzstatus S weiblich. Der Anteil Minderjähriger liegt bei 29 Prozent.
Fast jeder Zweite hat einen Job
Der Schutzstatus war wiederholt Gegenstand politischer Debatten. Seit November hängt die Aufnahme von der Herkunftsregion der Flüchtenden ab: Personen aus westlichen Oblasten wie Lwiw haben kein Anrecht auf den Schutzstatus S. Zudem setzte sich der Bundesrat zum Ziel, die Erwerbsquote von Personen, die sich seit mehr als drei Jahren in der Schweiz aufhalten, auf 50 Prozent zu erhöhen. Für die Kantone gelten individuelle Zielwerte. Ramseier sagt: «Die Vorgabe für Baselland lag per Ende 2025 bei 45,5 Prozent, im November lag die Zahl der Erwerbstätigen bei 44, 6 Prozent. Obwohl noch keine definitiven Zahlen vorliegen, wurde die Quote am Jahresende wahrscheinlich erreicht.»
Die bundesrätlichen Vorgaben beurteilt Ramseier als eher kritisch, da Integration ein langfristiger Prozess sei. Der Asylkoordinator hebt die Wichtigkeit der Sprache hervor: «Früh haben wir die Gemeinden darauf hingewiesen, dass bei Ukrainerinnen und Ukrainern der Schwerpunkt auf der Sprachförderung liegen sollte.»
Das Rote Kreuz Baselland (SRK) unterstützt die Geflüchteten nicht direkt bei der Stellensuche. Es bietet jedoch Hilfe, indem Interessierte in administrativen Belangen wie dem Verfassen von Bewerbungen begleitet werden. «Oft erhalten ukrainische Geflüchtete Absagen aufgrund unzureichender Sprachkenntnisse», sagt SRK-Mitarbeiterin Hamiyet Vural. Den ukrainischen Schutzsuchenden stehen zudem Programme offen, die beim Umgang mit Stress helfen. Auch Freiwilligenbegleitung und Sprachtreffen unterstützen sie.
Eine zentrale Rolle bei der Eingliederung der ukrainischen Kinder spielen die Schulen. «Zu Beginn des Kriegs war der Umgang mit schulpflichtigen Geflüchteten eine Herausforderung für das System», reflektiert Philipp Loretz, Präsident des Lehrerverbands Baselland. «Denn kurz zuvor belastete die Corona-Pandemie die Schulen. Auch für die Lehrpersonen war die Situation nicht einfach.» Loretz hält fest, dass Migrationsströme gut bewältigt wurden: «Als im Zuge des sri-lankischen Bürgerkriegs, der gewaltsamen Auflösung Jugoslawiens oder des Vietnamkriegs viele Flüchtende ins Baselbiet kamen, leisteten die Schulen wertvolle Arbeit.»
Caroline Stähelin, Konrektorin der Sekundarschule Waldenburgertal, berichtet: «Unsere Schule besuchen einige wenige ukrainische Jugendliche, die sich bestens eingelebt haben.» Die gelungene Integration führt Stähelin unter anderem auf das System der Fremdsprachenklassen zurück: «Wenn einer Gemeinde schulpflichtige Minderjährige zugewiesen werden, die kein Deutsch sprechen, müssen diese zuerst eine Fremdsprachenklasse besuchen. Bei ausreichenden Sprachkenntnissen wechselt das Kind an die zuständige Schule seiner Wohngemeinde.»
Ob Ukrainerinnen und Ukrainer weiterhin im Ausland Schutz suchen, hängt von den Entwicklungen des Kriegs ab. Für das laufende Jahr rechnet der Bund mit rund 12 000 Anträgen für den Schutzstatus S, im vergangenen Jahr waren es 12 897. «Wie ich von ukrainischen Geflüchteten höre, ist die Unklarheit momentan deren grösste Sorge. Zurzeit ist unklar, wie lange der Krieg noch dauern wird – das belastet viele», bilanziert Hamiyet Vural vom Roten Kreuz.
