Die Tschudin-Wette
13.10.2026 PersönlichUnsere lieben Mit-Zeitungen haben sich dazu entschieden, die Baselbieter Regierungsratswahlen zum Fortsetzungsroman zu machen. Kaum eine Ausgabe ohne neue Hauptfigur: Bätscher, Meschberger, Koller, Frey, Oberbeck, Jermann, Brunner, Kirchmayr, Tribelhorn, Ballmer … Man kommt mit dem ...
Unsere lieben Mit-Zeitungen haben sich dazu entschieden, die Baselbieter Regierungsratswahlen zum Fortsetzungsroman zu machen. Kaum eine Ausgabe ohne neue Hauptfigur: Bätscher, Meschberger, Koller, Frey, Oberbeck, Jermann, Brunner, Kirchmayr, Tribelhorn, Ballmer … Man kommt mit dem Lesen kaum nach, geschweige denn mit dem Vergessen.
Auslöser ist der Rückzug von Anton Lauber («Mitte»). Die Fantasien wuchern seither wild. Die SP will zwei Mandate, die FDP liebäugelt ebenfalls damit. Nur: Mit gerade einmal 18 Prozent Wähleranteil bei der Landratswahl 2023 gleich zwei von fünf Regierungssitzen besetzen, liebe FDP? Das grenzt an Übermut. Die GLP würde mit gut 8 Prozent ebenfalls gerne mitregieren. Wir haben mit der EVP allerdings schon eine Kleinpartei in der Exekutive. Irgendwann ist es auch einmal gut.
Die Grünen hätten mit gut 12 Prozent mehr vorzuweisen als die «Mitte». Doch Favorit Philipp Schoch verzichtet. Andrea Sulzer aus Waldenburg wäre aus Oberbaselbieter Sicht eine valable Kandidatin, ist kantonsweit aber wohl zu unbekannt. Und wer politische Lager zusammenzählt, sollte Thomi Jourdan nicht übersehen: Die EVP bildet mit den Grünen im Landrat weiterhin eine Fraktion. Die Verwandtschaft besteht also – trotz gelegentlichem Streit, wie er in den besten Familien halt vorkommt.
Bleibt die «Mitte», die ihren Sitz natürlich behalten möchte. Bei Parteichef Simon Oberbeck hält sich die Begeisterung offenbar in den eigenen Reihen in Grenzen, wie ich gehört habe. Sandra Bätscher aus Tenniken wäre eine Alternative, doch bei ihr hapert es mit der Bekanntheit. Mich beschäftigt allerdings weniger, wer für die «Mitte» kandidiert, sondern ob sie den Sitz überhaupt behalten kann. Meine Wette: Der Sitz wird stabil im bürgerlichen Lager bleiben, aber die Parteifarbe wechselt – von der «Mitte» zur SVP. Und zwar zu Reto Tschudin, dem noch nicht nominierten Landrat aus Lausen. Ansonsten dürfte sich – wie fast immer – nichts ändern.
Schon bei der Ersatzwahl für Isaac Reber hätte es Tschudin schaffen können. Doch als Landratspräsident hielt er einen Wahlkampf für unvereinbar mit seinem Amt. Als höchster Baselbieter war er dafür im ganzen Kanton dauerpräsent, nun ist der Weg frei. Die SVP ist mit knapp 23 Prozent die stärkste Partei. Auch das begründet bei einer Majorzwahl keinen Anspruch auf zwei Sitze, aber Tschudin, dem das Format nachgesagt wird, dürfte den Unterschied ausmachen.
Vielleicht hat der gelassen wirkende SVP-Chef Peter Riebli diesen Ausgang längst vo rausgedacht: Seine Partei hat für die Ständeratswahl dem Kandidaten Pascal Ryf von der kleinen «Mitte» die Unterstützung zugesagt. Es wirkt wie ein Trostpflaster, schon aufgeklebt, bevor der Patient überhaupt realisiert, wo es schmerzen wird.
Prognosen sind bekanntlich schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Ich lege mich trotzdem fest: Tschudin. Irre ich mich, darf man es mir nach der Wahl um die Ohren hauen. Unsere Konkurrenz hat es da leichter: Wer täglich neue Namen nennt, hat am Schluss bestimmt einmal recht …
David Thommen, Chefredaktor «Volksstimme»

