Die sizilianischen Verwandten
24.04.2026 Natur, BaselbietEigentlich sind wir Mitte März nach Sizilien, um etwas Wärme und Sonne zu tanken und die blühenden Mandelbäume zu bewundern. Doch dann war alles anders. Die Mandelbäume blühten wegen der Wärme im Februar und Anfang März sehr früh. Die kleinen ...
Eigentlich sind wir Mitte März nach Sizilien, um etwas Wärme und Sonne zu tanken und die blühenden Mandelbäume zu bewundern. Doch dann war alles anders. Die Mandelbäume blühten wegen der Wärme im Februar und Anfang März sehr früh. Die kleinen Früchte hingen bereits Ende März an den Mandelbäumen. Die rosaroten Blüten waren vom Winde verweht und kein attraktives Fotomotiv mehr.
Andres Klein Text und Bilder
Die Natur und die freundlichen sizilianischen Gastgeber mit ihrer sagenhaft guten Küche halfen aber, die Enttäuschung zu vergessen, denn die Pflanzen blühten so intensiv und häufig, dass einem der Atem stockte. Viele Blumen sahen fast genau wie unsere aus, aber doch nicht ganz. Es waren oft einfach nähere oder fernere Verwandte. Einige wenige aus dem Westteil der Insel stelle ich hier vor:
Fenchel | Bereits am ersten Tag fielen uns die grossen gelb blühenden Stauden auf, die das Landschaftsbild prägten. Es waren die wilden Riesen-Fenchel. Bei uns gibt es hie und da den viel kleineren verwilderten Garten-Fenchel zu sehen.
Aronstab | Nicht wie bei uns im eher dunkeln Buchenwald, sondern mitten in einem Weinberg auf etwa 500 Metern über Meer erwarteten uns gelbe, durchscheinende Blüten vom Italienischen Aronstab. Die Blüten sind im Aufbau sehr ähnlich und haben denselben Bestäubungsmechanismus wie unser mitteleuropäischer Aronstab. Sie sperren die bestäubenden Insekten ein und lassen sie erst wieder ziehen, wenn die Befruchtung geschehen ist. Ob die Blätter auch so scharf sind wie bei unserem Roonechrutt, wenn man sie kocht, haben wir nicht getestet. Die schmackhaften sizilianischen Artischocken haben wir hingegen probiert, und sie mundeten wunderbar.
Schwertlilie | Ein botanischer Höhepunkt war die Entdeckung der kleinen Mittags-Schwertlilie auf extrem trockenem Sandboden. Unsere heimische
Sibirische Schwertlilie wächst in nassen Streuwiesen und ist genauso bewundernswert.
Schmetterlingsblütler | Bei uns gibt es sehr viele Schmetterlingsblütler wie die Berg-Kronwicke, welche gelb blüht. Doch was uns da die sizilianische Flora anbietet, ist grandios. Beinahe die ganze Farbpalette von weiss über gelb zu rosa, hell und dunkelrot sowie blau und violett wird präsentiert. Die zweifarbige Purpur-Platterbse war besonders hübsch.
Sauerklee | Die über 500 Sauerkleearten sind fast auf der ganzen Welt zu finden. Viele Arten haben sich zum Teil, dank dem globalisierten Handel, weit über ihr Ursprungsgebiet hinaus verbreitet, so auch bei uns auf Kieswegen und Hausplätzen oder in Sizilien in fast allen Wiesen oder Olivenhainen. Besonders viele Arten gelangen über die Erde von Topfpflanzen direkt in unsere Gärten. Die einheimische Art ist der Hasenklee oder Wald-Sauerklee, der im Wald wächst. In Sizilien leuchten jetzt die Blüten des aus Südafrika stammenden Nickenden Sauerklees. Er ist so dominant wie unser Löwenzahn und leuchtet intensiver. Alle Sauerklee-Arten sind keine echten Klee-Arten aus der Familie Schmetterlingsblütler, sondern stammen aus der Familie der Oxidalic daceae. Sie werden so genannt, weil sie sehr viel Oxalsäure enthalten.
Orchideen | Wer im Frühling ans Mittelmeer fährt und Pflanzen liebt, der schaut sich nach Orchideen um. Wir haben viele gefunden, so zum Beispiel auch Knabenkräuter und Ragwurzarten. Viele pilgern in diesem und im nächsten Monat in eines der Baselbieter Orchideen-Paradiese, um dort vor allem die verschiedenen Ragwurz-Arten zu bewundern und zu fotografieren. Die Blüten sind eher klein und nahe dem Boden. Wer Glück und ein geschultes Auge hat, findet dort auf mageren Böden die Kleine Spinnen-, die grazile Fliegen-, die Bienen- und die Hummel-Ragwurz. Die Sizilianische, die Braune, Bertolonis und die Grosse Spinnen-Ragwurz sind in Sizilien immer wieder anzutreffen. Am meisten hat mich die Wespen-Ragwurz mit ihrer Farbenpracht begeistert. Es gibt dazu noch weitere Ragwurz-Arten zu sehen und zu entdecken.
In diesem Artikel sind nur einige wenige Gattungen gestreift worden. Die Ferien müssten um einiges länger und die «Volksstimme» um einiges dicker sein, wenn nur 10 Prozent der sizilianischen Verwandten gebührend gezeigt werden wollten. Auf jeden Fall hat es sich gelohnt, einen kleinen Teil dieser fruchtbaren Insel auch wegen seiner spannenden Geschichte zu besuchen. Und dann gibt es ja noch die wunderbare Küche mit unzähligen guten Rezepten mit einheimischem Gemüse, Kräutern und Wein aus verschiedenen lokalen Rebsorten.
Andres Klein ist Botaniker. Er lebt in Gelterkinden.



















