«Die Rollen sind so vielseitig wie die Betriebe»
03.07.2026 BaselbietVerbandspräsidentin Evelyne Gasser zum Jahr der Frauen in der Landwirtschaft
2026 ist von der UNO zum Jahr der Landwirtinnen ausgerufen worden. Im Interview spricht Evelyne Gasser, Präsidentin der Bäuerinnen und Landfrauen beider Basel, über die Rolle der Frauen in der ...
Verbandspräsidentin Evelyne Gasser zum Jahr der Frauen in der Landwirtschaft
2026 ist von der UNO zum Jahr der Landwirtinnen ausgerufen worden. Im Interview spricht Evelyne Gasser, Präsidentin der Bäuerinnen und Landfrauen beider Basel, über die Rolle der Frauen in der Landwirtschaft und erklärt, warum der Dialog mit der Bevölkerung wichtiger denn je ist.
Evelyne, die Vereinten Nationen haben 2026 zum Jahr der Bäuerinnen und Landwirtinnen ausgerufen. Was bedeutet das für dich als Präsidentin des Bäuerinnen- und Landfrauenvereins beider Basel?
Evelyne Gasser: In erster Linie bedeutet es Aufmerksamkeit für uns Bäuerinnen und Landwirtinnen. Es ist verdiente Aufmerksamkeit, die schon lange hätte kommen sollen. Aber mit einem Jahr ist es nicht getan.
Warum ist die Aufmerksamkeit auch darüber hinaus so wichtig?
Weil die Frauen in der Landwirtschaft oft mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auf den Betrieben arbeiten, nach aussen manchmal «unsichtbar sind» und vielerorts nicht erkannt wird, wie wichtig der Anteil der Frauen auf den Betrieben ist. Ich spreche hier von vielfältigsten Aufgaben, sei es als Bäuerin oder auch als Landwirtin.
Du erwähnst die zwei Berufsbezeichnungen. In der öffentlichen Wahrnehmung ist Bäuerin oft das Gleiche wie Landwirtin.
Das ist aber nicht so. Erzähl, was sind die Unterschiede?
Wie so vieles in der Landwirtschaft lässt sich das nicht in wenigen Worten erklären. Etwas vereinfacht: Die Landwirtin führt die Arbeiten des Bauern aus, sozusagen den technischen Part. Sie arbeitet auf dem Feld, oft auch mit Maschinen, sowie im Stall, also eher draussen auf dem Betrieb. Falls sie die Ausbildung absolviert hat, verfügt sie über die dreijährige Berufslehre zur Landwirtin EFZ.
Und was macht eine Bäuerin?
Zur Bäuerin habe ich einmal eine gute Beschreibung gelesen: Die Bäuerin verbindet das Innen und Aussen. Sie ist eine unverzichtbare Unternehmerin, die Agrarwirtschaft, ökonomische und soziale Aspekte auf dem Hof zusammenführt. Oft führt sie auch den Haushalt und den Selbstversorgergarten. Vielleicht hat sie die Bäuerinnenschule gemacht, die heute «Bildung Bäuerin/bäuerlicher Haushaltsleiter mit Fachausweis» heisst. Der modular aufgebaute berufsbegleitende Lehrgang kann nur absolviert werden, wenn jemand zuvor schon eine Grundausbildung abgeschlossen hat. Natürlich können die einzelnen Module auch separat besucht werden. Aber auch eine Bäuerin ohne Bäuerinnenschule ist eine «richtige» Bäuerin, das ist mir ganz wichtig zu betonen.
Welche Rolle hat eine Frau heute auf einem Landwirtschaftsbetrieb? Hat sich diese in den vergangenen Jahren verändert?
Ich hoffe sehr, dass sie sich verändert hat. In vielen Fällen sind Frau und Mann heute gleichberechtigt auf den Betrieben unterwegs, das war früher sicher anders. Die Rolle der Frauen auf den Betrieben ist genauso vielseitig wie die Betriebe selber. Die Betriebe unterscheiden sich stark. Es gibt heute viele Frauen in der Landwirtschaft, die auswärts arbeiten, mit kleinem oder grossem Pensum. Von denen, die «nur» in ihrer Freizeit mithelfen, bis hin zu jenen, die voll mitarbeiten und mitentscheiden oder auch selbstständig einen Betriebszweig führen, ist alles dabei.
Ist für dich als Präsidentin des Bäuerinnen- und Landfrauenvereins beider Basel dieses Jahr etwas anders als sonst?
Nicht unbedingt. Anders ist, dass wir Bäuerinnen und Landwirtinnen präsenter sind in den Zeitungen oder auch in Sozialen Medien, und dadurch bin ich vielleicht etwas stärker gefragt.
Was sind deine Hauptaufgaben als Vereinspräsidentin?
Ich leite bis zu zwölf Vorstandssitzungen pro Jahr, vertrete unseren Verein an der Präsidentinnenkonferenz des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbands und bin als Vertreterin der Bäuerinnen und Landfrauen Mitglied des Landwirtschaftsrats, dem erweiterten Vorstand des Bauernverbands beider Basel. Als meine Hauptaufgaben sehe ich die Repräsentation nach aussen und die Mitarbeit in verschiedenen Gremien.
Du bist selber Bäuerin, Hausfrau, Mutter, Vereinspräsidentin, bringst dich in vielen Gremien ein und arbeitest zudem Teilzeit auswärts als Pflegefachfrau. Wie bringst du das alles unter einen Hut?
Manchmal besser, manchmal weniger gut. Wichtig sind eine möglichst vorausschauende Planung und genügend Flexibilität und Lockerheit. Und eine Familie im Rücken, die mich unterstützt.
Kommen wir zum Thema soziale Absicherung: Aufgrund einer Änderung in der Direktzahlungsverordnung müssen sich derzeit die Bauernbetriebe darum kümmern, dass die mitarbeitenden Partnerinnen oder Partner genügend abgesichert sind. Sonst werden ab kommendem Jahr Direktzahlungen gestrichen. Was hältst du von dieser «Zwangsmassnahme»?
Ich vergleiche es immer mit dem Frauenstimmrecht. Irgendwann sagten einmal ein paar schlaue Männer Ja dazu. Heute ist es selbstverständlich. Das Hauptziel ist, dass wir in Zukunft nicht mehr darüber nachdenken müssen, ob Mitarbeitende eines bäuerlichen Familienbetriebs bei Krankheit, Invalidität oder gar Todesfall abgesichert sind, sondern dass es einfach selbstverständlich dazugehört – so wie die Krankenkasse oder eine Haftpflichtversicherung fürs Auto.
Wie engagieren sich die Berufsverbände für die Absicherung der Bäuerinnen?
Mit ganz viel Aufklärungsarbeit. Das macht vor allem unser Dachverband mit einer professionellen Geschäftsstelle, mit Kampagnen, Links auf der Website oder der Vermittlung von Formularen und Fachpersonen. Ich persönlich versuche immer, das Positive der sozialen Absicherung hervorzuheben. Denn es braucht nach wie vor viel Aufklärung, erstaunlicherweise vor allem auch bei den Frauen selber, nicht nur bei den Männern auf den Betrieben.
Was macht der Verein der Bäuerinnen und Landfrauen sonst noch für seine Mitglieder?
Unser Kantonalverband ist geografisch in vier Kreise eingeteilt. Die Kreisvorstände sowie auch wir als Kantonalvorstand organisieren Kurse, Weiterbildungen und gesellige Anlässe. Wir vernetzen die Frauen auf dem Land und informieren über Themen, welche die Frauen vom Land betreffen. Mitglied werden können neben den Bäuerinnen und Landwirtinnen auch alle Landfrauen ohne eigenen Bauernbetrieb.
Im Kanton Luzern haben sich die Bäuerinnen und Bauern kürzlich zu einem grossen Verein zusammengeschlossen. Im Baselbiet sind der Bauernverband und der Bäuerinnenund Landfrauenverein schon seit längerer Zeit partnerschaftlich unterwegs. Ist hier ein Zusammenschluss auch ein Thema?
Für mich ist das kein Thema. Nach wie vor haben wir viele Frauenthemen, die sehr wichtig sind und im Bauernverband nicht gleich präsent sind. Darum braucht es beide Verbände. Zudem ist es gut, wenn wir ausserhalb der Landwirtschaft bei Diskussionen über die Landwirtschaft mit zwei Verbänden respektive Stimmen vertreten sind. Momentan ist das gerade der Fall bei kantonalen Diskussionen über Klima- und Ernährungsstrategien.
Wir diskutieren im Vorstand in diesem Zusammenhang immer wieder darüber, wie man die Wichtigkeit saisonaler Ernährung an einen grösseren Teil der Bevölkerung vermitteln könnte. Warum ist es so schwierig, mit diesem Thema an die Menschen heranzukommen?
Für mich persönlich wurde die Wichtigkeit einer gesunden und saisonalen Ernährung in der Politik noch nicht erkannt. Die Themen Ernährung und Hauswirtschaft werden oft aussen vor gelassen, es werden Lektionen in der Grundausbildung der Kinder und Jugendlichen gestrichen und oft passiert die Diskussion darüber «nebenbei» und die berühmte Lobby ist zu schwach. Ich bin der Meinung, die Wichtigkeit in der politischen Agenda muss von weiter oben kommen. Wir als kleiner Fisch können nichts erreichen. Meiner Meinung nach wird nicht erkannt und anerkannt, wie viele Probleme mit einer gesunden und saisonalen Ernährung gelöst werden könnten.
Was meinst du konkret?
Einerseits die Gesundheit der Menschen: Eine ausgewogene, saisonale Ernährung ist die beste Prävention gegen viele gesundheitliche Probleme. Andererseits können auch im Klimabereich mit einer saisonalen regionalen Ernährung Probleme gelöst werden, etwa bei den Emissionen. Zudem möchte man einen höheren Selbstversorgungsgrad – auch dieser könnte über mehr saisonale und regionale Ernährung erreicht werden.
Ist es auch ein Wohlstandsproblem, dass die Ernährung in unserer einen so kleinen Stellenwert hat?
Ja, natürlich. Man kann heute alles zu jeder Zeit kaufen, dennoch muss die Ernährung in vielen Familien möglichst günstig sein. Denn man hat andere Prioritäten im Leben, wofür man Geld ausgibt.
Du bist seit 2019 Präsidentin unseres Vereins. Hat sich in der Landwirtschaft in unserer Region seither etwas verändert?
Nicht so viel, wie ich mir erhofft habe. Die Stimmung ist angespannt, viele Betriebe kämpfen ums Überleben. Und der Dialog zwischen Bevölkerung und Landwirtschaft findet nach wie vor zu wenig statt.
Du sprichst den Dialog an. Euer Betrieb ist nur etwa zehn Gehminuten vom Liestaler Stadtrand entfernt. Wie oft kommst du mit den Menschen, die dort wohnen, in Kontakt?
Eigentlich jedes Mal, wenn wir den Hof verlassen. Wir haben viel wertschätzenden Kontakt mit der Bevölkerung, aber auch mitunter sehr schwierigen.
Was führt zu Konflikten?
Vor allem Naturschutzthemen: Mal haben wir die Wiese zu früh, mal ein Bord zu sauber gemäht. Oder wir güllen unsere Flächen aus Sicht der Bevölkerung zum falschen Zeitpunkt oder arbeiten zu lange abends. Viele vergessen, dass dahinter ganz viele betriebsspezifische und wetterbedingte Überlegungen stecken und sehr viel miteinander zusammenhängt. Wir machen das nicht, um jemandem zuleide zu leben, sondern weil es manchmal einfach nicht anders geht. Es gibt aber auch viele positive Begegnungen mit Menschen, die uns sagen, dass sie es schätzen, dass wir arbeiten, während andere frei haben, oder auch die Handarbeit auf den Feldern machen.
Du stammst selber nicht von einem Bauernhof. Ist das für die Vereinsarbeit im bäuerlichen Umfeld eher ein Vor- oder Nachteil?
Ich betrachte es als Vorteil. Man kennt und sieht beide Seiten. Eher negativ ist, dass ich mir viel Fachwissen härter erarbeiten musste, das ich nicht einfach beim Aufwachsen miterlebt habe.
Was rätst du Frauen, die mit nichtbäuerlichem Hintergrund in einen Hof «einheiraten»?
Ich rate den zukünftigen Bäuerinnen, Zeit in die vielseitige Ausbildung zu investieren. Ich habe sie leider nicht gemacht, weil es bei mir zu dem Zeitpunkt einfach nicht gepasst hat. Es kam damals alles gleichzeitig mit Hofübernahme und Familiengründung. Wohl wäre mir alles etwas einfacher gefallen mit Fachwissen aus der Bäuerinnenschule. Ich hätte mich wohl allgemein besser behaupten können.
Und was rätst du allgemein jungen Frauen in der Landwirtschaft?
Sie sollen ihr Leben und ihren Betrieb so gestalten, wie es für sie stimmt. Und Dinge nicht einfach so machen, wie es schon immer war, wenn es sie unglücklich macht oder betriebswirtschaftlich keinen Sinn ergibt.
Noch etwas zur Statistik in der Landwirtschaft: Die Anzahl der Betriebsleiterinnen ist in den vergangenen Jahren trotz sinkender Anzahl Betriebe gestiegen, bewegt sich aber mit 7,7 Prozent noch immer auf tiefem Niveau. Warum ist das so? Haben Frauen besondere Hürden, wenn sie einen landwirtschaftlichen Betrieb übernehmen wollen?
Die Hürde ist gesellschaftlich gemacht. Und ich denke schon, dass sie nach wie vor da ist. Auf vielen Betrieben ist es «anerzogen», dass die Nachfolge selbstverständlich mit den männlichen Familiennachkommen diskutiert wird. Und leider trauen sich die Frauen selber oft auch zu wenig zu.
Es wird auch immer schwieriger, engagierte Personen für Vereins- und Verbandsarbeit zu finden. Kennen der Bäuerinnen- und Landfrauenverein beider Basel und die «Schwesterorganisationen» aus anderen Kantonen diese Probleme auch?
Ja, auf jeden Fall. Wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten, um unsere freien Posten besetzen zu können. Oft trauen es sich die Frauen nicht zu. Und man will sich heute auch nicht mehr so stark binden und verpflichten.
Auf dem Ballenberg läuft im Rahmen des UNO-Jahrs derzeit die Dauerausstellung «Frauen in der Landwirtschaft – gestern, heute, morgen». Hast du sie selber schon gesehen?
Nein. Ich gehe mit dem Verein anlässlich unserer Kantonalreise am 8. August dorthin und freue mich schon sehr darauf.
Und was soll vom Jahr der Frauen in der Landwirtschaft nachhallen?
Die Frauen sollen selbstbewusster werden und sich und ihren Beruf als wichtig ansehen. Ich wünsche mir, dass das UNO-Jahr dieses Selbstbewusstsein bei den Bäuerinnen und Landwirtinnen fördert.
Zur Person
Evelyne Gasser ist 42 Jahre alt und Mutter von drei Kindern im Alter zwischen 10 und 15 Jahren. Zusammen mit ihrer Familie bewirtschaftet sie einen 25 Hektar grossen Betrieb in Liestal, mit Masthühnern und einer kleinen Mutterkuhherde (13 Kühe mit Kälbern). Sie ist ausgebildete Pflegefachfrau HF und arbeitet in einem Teilzeitpensum in einem Pflegeheim. Wenn es die Zeit zulässt, verbringt sie mit ihrer Familie Zeit in den Bergen beim Wandern oder Skifahren. Sie ist Fasnächtlerin und in einer Jazztanzgruppe engagiert.
Stefanie Spycher-Gass
Interviewerin Stefanie Spycher-Gass ist ehemalige «Volksstimme»-Redaktorin und engagiert sich heute zusammen mit Evelyne Gasser im Vorstand des Bäuerinnenund Landfrauenvereins beider Basel. Deswegen wurde das Interview ausnahmsweise in Du-Form geführt.
Serie zum UNO-Jahr
vs. Die «Volksstimme» veröffentlicht in den kommenden Wochen verschiedene Porträts von Bäuerinnen und Landwirtinnen aus dem Oberbaselbiet. Der erste Beitrag findet sich in der heutigen Ausgabe auf Seite 4. Anlass für die Sommerserie ist das von den Vereinten Nationen ausgerufene Jahr der Bäuerinnen und Landwirtinnen.

