Die Mäusejagd hat noch nicht ausgedient
09.10.2026 BaselbietMäuseschwänze bringen vielerorts noch Geld
In Hersberg ist nächstes Jahr Schluss mit der Schwanzprämie. Anderswo im Oberbaselbiet wird weiterhin eine Prämie für getötete Mäuse ausbezahlt. Während einige Gemeinden damit eine Tradition pflegen, ...
Mäuseschwänze bringen vielerorts noch Geld
In Hersberg ist nächstes Jahr Schluss mit der Schwanzprämie. Anderswo im Oberbaselbiet wird weiterhin eine Prämie für getötete Mäuse ausbezahlt. Während einige Gemeinden damit eine Tradition pflegen, wird die Mäusejagd auch kritisch hinterfragt.
Fiona Findlay
Für den Hersberger Gemeinderat entspricht die Mäuseschwanzprämie nicht mehr dem Zeitgeist: Per 1. Januar 2027 schafft die Gemeinde deshalb die Prämie für abgegebene Schwänze ab. «Heute hat diese Massnahme kaum noch die gleiche Bedeutung wie früher», erklärt Gemeindeverwalter Hakan Sürüci. Bisher gab es in Hersberg pro Schwanz 1 Franken.
Ursprünglich sollte die Mäuseschwanzprämie dazu beitragen, die Wühl- und Schermausbestände zu regulieren und damit Schäden in der Landwirtschaft zu verhindern. Denn die Nager fressen Getreide, Gemüse und Wurzeln. Alle paar Jahre kommt es zu einem sogenannten Mäusejahr, in dem sich die Tiere besonders stark vermehren. Wühlmäuse vermehren sich nämlich mit einer der höchsten Fortpflanzungsraten aller Säugetiere. Ein einziges Mäusepaar kann innerhalb eines Sommers Hunderte Nachkommen hervorbringen.
Meist 1 Franken pro Schwanz
Mit der Mäuseschwanzprämie schufen die Gemeinden einen finanziellen Anreiz, Mäuse zu fangen. Vor allem für Kinder und Jugendliche war das Mausen zugleich eine Möglichkeit, das Sackgeld aufzubessern. Manche entwickelten sich dabei zu regelrechten Mäuseschrecken: Einzelne Jägerinnen und Jäger brachten jährlich viele Hundert Mäuseschwänze zu den Gemeindeschaltern (die «Volksstimme» berichtete mehrfach). Auf den Feldern suchen sie mit Eisenstäben nach den Mäusegängen. In diesen platzieren sie mechanische Rohrfallen. Mit dieser Methode lassen sich die Mäusebestände reduzieren, ohne Gas oder Gift einzusetzen.
Reich werden die Mauser damit kaum. Auch für die Gemeinden halten sich die Ausgaben heute in Grenzen. In allen von der «Volksstimme» befragten Dörfern, in denen die Prämie noch besteht, wird pro abgegebenem Mäuseschwanz 1 Franken ausbezahlt.
Die jährlichen Ausgaben pro Gemeinde bewegen sich häufig nur im zwei- oder dreistelligen Bereich. Ausnahmen gibt es jedoch: Sissach zahlt bei jährlich 1000 bis 2000 abgegebenen Schwänzen entsprechend bis zu 2000 Franken aus.
Mancherorts längst verschwunden
Vielerorts ist die Schwanzprämie allerdings längst Geschichte. In Lausen wird seit über 20 Jahren keine Prämie mehr ausgerichtet. Seit Jahren bestehe keine Nachfrage mehr danach, erklärt der zuständige Leiter Bau und Unterhalt, Martin Senekowitsch. Die Landwirte hätten die Mäuseproblematik selbst im Griff. Auch Reigoldswil, Buckten, Itingen oder Ramlinsburg richten seit vielen Jahren keine Entschädigung mehr aus. Reigoldswil hat die Prämie im Jahr 2013 abgeschafft. In Gelterkinden kenne man eine solche Prämie gar nicht, sagt Gemeindeverwalter Christian Ott auf Anfrage.
Doch selbst dort, wo die Prämie formal noch besteht, wird sie teilweise kaum noch beansprucht. In Frenkendorf etwa sei laut Gemeindeverwalter Thomas Schaub seit Jahren kein Mäuseschwanz mehr abgegeben worden. Einen Betrag dafür budgetiere die Gemeinde deshalb nicht mehr. Sollten jedoch wieder Schwänze von Schermäusen vorbeigebracht werden, würde Frenkendorf weiterhin 1 Franken pro Schwanz beziehungsweise pro erlegte Maus bezahlen.
Ähnlich sieht es in Füllinsdorf aus. In den vergangenen 30 Jahren wurden dort nach Angaben der Gemeinde lediglich etwa zweimal Mäuseschwänze abgegeben. Die letzte Auszahlung liege mehr als zehn Jahre zurück.
Wo im Oberbaselbiet noch Schwanzprämien ausbezahlt werden, steht neben der Schädlingsbekämpfung vor allem die Traditionspflege im Vordergrund: «Gegenwärtig erfüllt die Prämie ihren früheren Zweck hinsichtlich einer Reduktion der Mäusepopulation nicht mehr», erläutert der Bretzwiler Gemeindeverwalter Rolf Schweizer. Derzeit seien es in Bretzwil hauptsächlich Kinder, die kleine Mengen abgeben und damit ihr Sackgeld aufbessern. Trotzdem sieht die Gemeinde keinen Anlass, die Prämie abzuschaffen. Die heutigen Auszahlungen seien für die Gemeindekasse keine grosse Belastung und das Mausen eine langjährige Tradition, die weitergegeben werde. Auch in Oberdorf wird die Traditionspflege als heutiger Zweck der Prämie genannt.
Andere Gemeinden sehen hingegen noch immer die Schädlingsbekämpfung als Zweck der Prämie. Für den Tenniker Gemeinderat bleibt die Entschädigung ein «sinnvoller und unkomplizierter Anreiz», Privatpersonen zur Mäusebekämpfung zu animieren. Hölstein betrachtet die mechanische Fallenjagd als ökologische und giftfreie Möglichkeit zur Regulierung der Mäusebestände.
Kritik aus Tierschutzsicht
Tierschutzorganisationen stellen jedoch das Prämiensystem grundsätzlich infrage. Ungeeignete oder falsch verwendete Fallen könnten laut dem Schweizer Tierschutz STS zu Verletzungen, Fehlfängen und anhaltendem Leiden führen.
«Die Schwanzprämie bietet einen Anreiz für ein möglichst hohes Fangergebnis», sagt die rechtswissenschaftliche Mitarbeiterin Sibel Konyo der Stiftung für das Tier im Recht (TIR). Eine tierschutzgerechte Vorgehensweise werde dabei aber nicht berücksichtigt. Mit der blossen Abgabe eines Schwanzes lasse sich zudem nur eingeschränkt überprüfen, unter welchen Umständen die Tiere getötet wurden. «Dass Prämien Fehlanreize schaffen können, zeigen Berichte aus Gemeinden, in denen plötzlich ungewöhnlich grosse Mengen von Mäuseschwänzen abgegeben wurden», fügt Konyo hinzu. Die Regulierung der Mäusebestände schliessen die Tierschutzorganisationen nicht grundsätzlich aus. Der STS fordert jedoch, zunächst vorbeugende Massnahmen und natürliche Fressfeinde zu fördern. Ist eine direkte Regulierung notwendig, solle diese gezielt, fachgerecht und tierschonend erfolgen.
Während Hersberg ab 2027 einen Schlussstrich unter die Tradition zieht, lebt sie vielerorts weiter. Ob zur Schädlingsbekämpfung, zum Sackgeldverdienen oder als Brauch: Verschwunden ist das Mausen im Oberbaselbiet noch nicht.

