Die Männer, die den Winter in den Sommer retteten
24.09.2026 BaselbietWie die «Eiser» mit Sägen, Pickeln und Flösserhaken Natureis für die Bierkeller gewannen
Bevor sich Kälte jederzeit technisch erzeugen liess, waren Brauereien auf frostige Winter angewiesen. Männer schnitten Eis aus Weihern und lagerten es in Kellern ...
Wie die «Eiser» mit Sägen, Pickeln und Flösserhaken Natureis für die Bierkeller gewannen
Bevor sich Kälte jederzeit technisch erzeugen liess, waren Brauereien auf frostige Winter angewiesen. Männer schnitten Eis aus Weihern und lagerten es in Kellern ein. Dort kühlte es das Bier bis weit in den Sommer hinein.
Hanspeter Gautschin
Miggel hatte in dieser Nacht schlecht geschlafen. Eigentlich hiess er Emil, doch im Dorf riefen ihn alle Miggel. Mehrmals war er aufgestanden und hatte die Hand gegen die Fensterscheibe gelegt. Draussen lag Gelterkinden unter einer harten Frostdecke. Das war gut. Noch vor Tagesanbruch zog er seine schweren Schuhe an, schlang sich den Schal um den Hals und trat vor das Haus. Rauch hing über den Dächern, unter seinen Sohlen knirschte der gefrorene Schnee. Miggel nahm den Pickel über die Schulter und machte sich auf den Weg zu den Weihern in Richtung Rickenbach.
Ob unter den damaligen Eisern tatsächlich ein Miggel war, ist nicht überliefert. Er steht in dieser Geschichte stellvertretend für die Tagelöhner, Landarbeiter und Brauereigehilfen, die während der kältesten Wochen des Jahres eine besonders schwere Arbeit verrichteten.
Der Winter entschied
Am Weiher warteten bereits die anderen Männer. Vor den Fuhrwerken standen Pferde, deren Atem in weissen Wolken aufstieg. Einer der Arbeiter klopfte mit einem Pickel auf die gefrorene Fläche. Das Eis hielt. Die Arbeit konnte beginnen.
Für den Brauer war eine kräftige Eisdecke von grossem Wert. Bier verlangte während der Gärung und Lagerung tiefe Temperaturen. Kühlanlagen, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht. Man behalf sich mit tiefen Kellern und dem, was der Winter lieferte. Die Gewinnung von Natureis war keineswegs eine Besonderheit Gelterkindens. Im Baselbiet und in weiten Teilen Europas nördlich der Alpen gehörte die Eisernte während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zur winterlichen Arbeit. Brauereien, Gastwirtschaften, Metzgereien und Molkereien waren auf die Kälte aus gefrorenen Gewässern angewiesen.
In Gelterkinden bestand seit 1862 eine Brauerei, die zunächst unter dem Namen «Bierbrauerei Buess» geführt wurde. Nach einem Konkurs und einem Besitzerwechsel übernahm Max Flüge-Hassler den Betrieb 1883. Er liess 1884 ausserhalb des Dorfes zwei Weiher anlegen. Sie sollten in kalten Wintern genügend Natureis für die Lagerkeller liefern. Schon bald wurde «Farnsburger Bier» bis nach Basel vertrieben.
Blieb der Frost aus, gab es vor Ort nichts zu ernten. In solchen Wintern mussten die Brauereien Eis aus gefrorenen Gewässern in höheren Lagen zukaufen und ins Tal transportieren lassen. Der zusätzliche Aufwand verteuerte die Herstellung und schliesslich auch das Bier.
Kam das Tauwetter zu früh, schwand auch eine bereits entstandene Eisdecke wieder. Hielt die Kälte aber mehrere Nächte an, mussten rasch genügend Männer zusammengerufen werden. An diesem Morgen war es so weit: Miggel setzte vorsichtig einen Fuss auf den Weiher, dann den zweiten. Unter ihm knackte es. Einer der Männer begann mit einer langen Säge, die gefrorene Fläche einzuschneiden. Ihr raues Kreischen zog über das Wasser. Andere schlugen mit Pickeln Rinnen in das Eis.
Nach und nach entstanden grosse Platten. Durch die Schnitte drang dunkles Wasser. Mit Flösserhaken, langen Stangen mit eisernen Spitzen lösten die Männer die Eisstücke voneinander und lenkten sie zum Ufer.
Dort begann der gefährlichste Teil: Die nassen, glatten Stücke mussten aus dem Wasser gehoben werden. Dazu dienten Greifer, Zangen, Bretter und Leitern. Verlor ein Mann den Halt oder löste sich ein Block aus der Zange, drohten schwere Verletzungen. Auch ein Sturz in das eisige Wasser konnte lebensgefährlich werden. Bald waren Miggels Handschuhe durchnässt. Die Finger wurden steif, der Rücken schmerzte. Zeit zum Aufwärmen blieb kaum. Solange die Witterung günstig war, musste die Ernte eingebracht werden.
Kälte für den Sommer
Das beladene Fuhrwerk setzte sich langsam in Bewegung. Die Blöcke gelangten in einen Eiskeller. Ein solcher Keller ist an der Strasse von Gelterkinden nach Rünenberg erhalten geblieben. Im Innern schichteten die Arbeiter das Eis dicht aufeinander. Stroh und Sägemehl halfen, die Wärme fernzuhalten und das Schmelzen zu verlangsamen.
So lagerte tief unter der Erde ein Stück Winter. Draussen blühten Wochen später die Obstbäume, das Gras wurde gemäht und die Sommersonne brannte auf die Dächer. Im Keller kühlte das langsam schmelzende Eis weiterhin die Bierfässer.
Auch Gastwirtschaften, Metzgereien und Molkereien waren auf Eis angewiesen. Später fanden Eisschränke den Weg in manche Haushalte. Darin bewahrte ein Eisblock verderbliche Lebensmittel vor der Wärme. Kälte hatte damals ein beträchtliches Gewicht: Sie musste gewonnen, zerteilt, transportiert und sorgfältig aufbewahrt werden.
1907 wechselten die Gelterkinder Brauerei und die dazugehörenden Eisweiher zur Basler Brauerei Warteck. Im Volksmund erhielten die Gewässer dadurch einen Namen, der sich lange hielt: Man sprach von den «Warteck-Weihern».
Mittlerweile konnten Maschinen die benötigte Kälte erzeugen. Für die Brauereien bedeutete dies eine grosse Erleichterung. Für die Eiser dagegen verschwand damit eine Verdienstmöglichkeit. In Gelterkinden dauerte es noch einige Jahrzehnte, bis diese Arbeit endgültig der Vergangenheit angehörte. Der Winter 1949/50 brachte den letzten Einsatz für die Brauerei Warteck. Danach rückten keine Männer mehr aus, um das Eis aus den Weihern zu holen.
Die Gewässer blieben, einige Werkzeuge ebenso: In der Ortssammlung Gelterkinden erinnern eine Eissäge, ein Eisgreifer, Pickel, Holzhämmer und Flösserhaken an die schwere Winterarbeit.
Die Namen der meisten Männer gingen vergessen. Doch Männer wie Miggel hat es gegeben. Sie verliessen frühmorgens ihre Häuser, wagten sich auf die gefrorenen Weiher und brachten die Kälte in die Keller. Wenn Monate später die Sommerhitze über Gelterkinden lag, wirkte ihre Arbeit noch immer nach.
In unserer Rubrik «Von Hand gemacht» erinnert Autor Hanspeter Gautschin an (fast) verschwundene Handwerke im Oberbaselbiet. Die Serie wird fortgesetzt.
Quelle und weitere Informationen
hpg. Historische Angaben zu den Eisweihern und zur Eisgewinnung finden sich bei Dominik Wunderlin: «Ohne Eiskälte kein Biergenuss. Von Eisweihern, Eiskellern und einem eiskalten Geschäft», erschienen in den Baselbieter Heimatblättern, 80. Jahrgang, Heft 4, 2015.
Der Verein Bierchäller Gelterkinden hat den ehemaligen Eiskeller der Brauerei Farnsburg wieder zugänglich gemacht und als kulturhistorischen Ort erhalten. Der «Bierchäller» und das dazugehörige Museum erinnern an die Gelterkinder Brauereigeschichte und an die frühere Nutzung des Natureises. Besichtigungen sind nach Voranmeldung möglich.

