«Die Massnahmen sind einschneidend»
13.03.2026 RegionDie Knotenkrankheit (Lumpy-Skin-Disease) rückt näher. Für Rinderhalter wächst damit die Sorge vor einer hochansteckenden Tierseuche. Die Baselbieter Kantonstierärztin Marie-Louise Bienfait erklärt, worauf Bauern achten sollten.
David ...
Die Knotenkrankheit (Lumpy-Skin-Disease) rückt näher. Für Rinderhalter wächst damit die Sorge vor einer hochansteckenden Tierseuche. Die Baselbieter Kantonstierärztin Marie-Louise Bienfait erklärt, worauf Bauern achten sollten.
David Thommen
■ Frau Bienfait, der Bund hat die Sömmerung von Schweizer Rindern in Frankreich verboten. Rückt die Tierseuche Lumpy-Skin-Disease (LSD) tatsächlich näher?
Marie-Louise Bienfait: Es ist eine Vorsichtsmassnahme, weil Lumpy-Skin-Disease grenznah zirkuliert.
■ Ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Krankheit die erreicht?
Das Risiko besteht natürlich.
■ Wie beurteilen Sie konkret das Risiko für das Baselbiet?
Das Risiko ist zur Zeit in den Kantonen Genf, Waadt und Wallis aufgrund der Nähe zu den Ausbrüchen in Frankreich höher.
■ Was genau ist die LSD?
Die LSD ist eine Viruserkrankung des Rindes. Die Symptome sind zu Beginn unspezifisch: Fieber, Milchrückgang, geschwollene Lymphknoten. Später treten die namensgebenden Knoten in der Haut auf.
■ Woran können Landwirte erkennen, dass Tiere erkrankt sind?
Anfangs ist das aufgrund der unspezifischen Symptome schwer. Es ist daher ausserordentlich wichtig, dass Landwirte ihre Tiere gut beobachten und unklare oder gehäufte Erkrankungen sofort ihrem Tierarzt melden. Dieser kann dann eine Ausschlussuntersuchung veranlassen, die bei negativem Befund für den Betrieb keine Sperrmassnahmen und Kosten zur Folge hat.
■ Wie verbreitet sich das Virus?
Das Virus wird über stechende Mücken und Fliegen und seltener von Tier zu Tier übertragen, es ist eine rein mechanische Übertragung.
■ Für Menschen besteht abschliessend keine Gefahr?
Nein, weder durch Tierkontakt noch durch den Konsum des Fleischs.
■ Viele Bauern hatten schon mit der Blauzungenkrankheit zu tun.
Ist LSD das gleich grosse Übel?
Die Sterblichkeit ist eher niedriger als bei der Blauzungenkrankheit. LSD ist jedoch in der Tierseuchenverordnung als hochansteckende Seuche eingestuft. Die Massnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung sind daher einschneidender.
■ Welche wirtschaftlichen Folgen hätte ein Ausbruch für die Betriebe im Baselbiet?
Über die tierseuchenrechtlichen Massnahmen hinaus entstehen für die Betriebe Tierarztkosten und natürlich ein enormer Mehraufwand. Sinkende Milchleistung und Schäden an der Haut der Tiere führen zu Mindereinnahmen. Bei einem Ausbruch würde zudem schweizweit der Handel mit Rindfleisch sowie Rohmilchprodukten und Fellen mit der EU und Drittstaaten praktisch zum Erliegen kommen.
■ Wie gut ist das Baselbiet auf einen Ausbruch vorbereitet?
Es bestehen für den Fall eines Ausbruchs einer hochansteckenden Tierseuche Notfallpläne, die zusammen mit dem Krisenstab erarbeitet wurden. Massnahmen würden zudem durch den Bund schweizweit koordiniert.
■ Welche Massnahmen wären die ersten, wenn LSD entdeckt würde?
Auf dem betroffenen Betrieb würde umgehend eine Sperre für sämtlichen Tier-, Personen- und Warenverkehr ausgesprochen, um eine Verschleppung zu verhindern.
■ In Teilen der Westschweiz wird bereits geimpft. Sollte man auch in anderen Regionen impfen?
Bei der LSD wird aufgrund der Erfahrungen betroffener Länder und der Verfügbarkeit von wirksamen Impfstoffen zur Verhinderung der Ausbreitung eine Impfzone eingerichtet. Dies war in den Teilen der Westschweiz der Fall, die sich in einem Radius von weniger als 50 Kilometern zu den Seuchenherden in Frankreich befanden. Eine Impfung ausserhalb der vom Bund festgelegten Impfzone verbietet die Tierseuchengesetzgebung.
■ Welche Vor- und Nachteile hätte eine breite Impfkampagne?
Geimpfte Tiere sind für die Dauer von etwa einem Jahr vor LSD geschützt, müssten also jährlich nachgeimpft werden. Produkte von geimpften Tieren können nicht verwertet werden, was zu wirtschaftlichen Einbussen führt. Erfahrungen betroffener Länder zeigen, dass die Einrichtung einer Impfzone von 50 Kilometern um den Ausbruchsherd eine effektive Bekämpfung bei möglichst geringen wirtschaftlichen Verlusten für die Landwirtschaft ermöglicht.
■ In Frankreich wurden ganze Bestände gekeult (getötet), selbst wenn nur einzelne Tiere infiziert waren. Ist das wirklich notwendig?
Die Massnahme ist drastisch, schützt aber die nicht betroffenen Bestände und verhindert eine Ausbreitung.
■ Die Landwirte sind in Frankreich heftig auf die Barrikaden gestiegen. Haben Sie Verständnis dafür?
Ja, eine solche Massnahme ist für die betroffenen Tierhalter eine sehr grosse, nicht nur wirtschaftliche Belastung.
■ Was würden Sie einem Landwirt sagen, der Angst hat, im Ernstfall seinen ganzen Bestand zu verlieren?
Dass ich die Angst nachvollziehen kann. Es gilt jetzt, zusammen alles zu tun, um einen Eintrag zu verhindern. Alle sollen auf Biosicherheit und Insektenschutz achten und verdächtige Symptome sofort melden. Ein schnelles Eingreifen verhindert die Ausbreitung und rettet so viele weitere Bestände.
■ Was wäre für Sie ein realistisches Szenario für die nächsten Monate: Bleibt die Krankheit ausserhalb derSchweiz – oder müssen wir uns auf einen Ausbruch vorbereiten?
Bund und Kantone sind im engen Austausch mit den betroffenen Ländern, um schnell auf veränderte Risiken reagieren zu können. Natürlich hoffe ich, dass wir verschont bleiben. Die weltweite Tierseuchensituation mahnt jedoch zur Wachsamkeit.
■ Was wäre aus Ihrer Sicht das wichtigste Signal, das Landwirte von den Behörden hören sollten?
Oberste Priorität ist die Verhinderung einer Einschleppung der LSD. Es ist daher wichtig, die Tiere bestmöglich vor Insekten zu schützen, aufmerksam zu beobachten und bei Verdacht den Bestandestierarzt beizuziehen.
LSD kurz erklärt
tho. Lumpy-Skin-Disease (LSD) ist eine Viruserkrankung bei Rindern. Sie wird vor allem durch stechende Insekten wie Mücken oder Fliegen übertragen. Symptome sind Fieber, geschwollene Lymphknoten, sinkende Milchleistung und später knotige Hautveränderungen. Für Menschen ist das Virus ungefährlich.
Fleisch von angesteckten Tieren darf nicht in den Handel gebracht werden, damit sich die Krankheit nicht weiter verbreitet. Wird ein Fall festgestellt, greifen Massnahmen wie Betriebssperren oder sogar die Keulung von Beständen. Die Seuche stammt aus Afrika, breitet sich nun aber auch in Europa und Asien aus.


