Die leisen Töne einer grossen Schauspielerin
13.06.2025 Kultur, BaselbietEllen Widmann (1894–1985), Bühnenkünstlerin, Pädagogin und Theatermutter mit Wurzeln in Liestal
Sie spielte an der Seite von Heinrich George und glänzte im Filmklassiker «M – Eine Stadt sucht einen Mörder» von Fritz Lang. Doch das Leben von ...
Ellen Widmann (1894–1985), Bühnenkünstlerin, Pädagogin und Theatermutter mit Wurzeln in Liestal
Sie spielte an der Seite von Heinrich George und glänzte im Filmklassiker «M – Eine Stadt sucht einen Mörder» von Fritz Lang. Doch das Leben von Ellen Widmann war weit mehr als eine Künstlerinnenkarriere – es war ein Dienst am Wort, an der Sprache, an der Menschlichkeit.
Hanspeter Gautschin
Ellen Widmann war eine jener Persönlichkeiten, die auf der Bühne wirkten und doch nie den Boden unter den Füssen verloren. Geboren 1894 in Altdorf (UR), aufgewachsen in einem kultivierten Elternhaus in Liestal – ihr Grossvater war kein Geringerer als der bekannte Schriftsteller Josef Viktor Widmann –, fand sie schon früh zum Theater.
Im Alter von 19 Jahren stand sie in Darmstadt auf der Bühne, bald darauf in Düsseldorf, Bochum und schliesslich an der Berliner Volksbühne. Dort war Ellen Widmann Teil einer neuen, kritischen Theatersprache, spielte unter Regisseuren wie Erwin Piscator, mit Kollegen wie Helene Weigel oder Alexander Granach.
Die Rolle ihres Lebens fand sie in «§ 218», einem Theaterstück über Schwangerschaftsabbruch – damals ein Skandalthema. Mehr als 300 Mal verkörperte sie die Mutterfigur, auch in der Schweiz. Ebenso eindrücklich: ihre stille, eindringliche Präsenz als Mutter im Film «M – Eine Stadt sucht einen Mörder» (1931), ein Meisterwerk der frühen Tonfilmzeit.
Viele Rollen in der Schweiz
1933, im beginnenden Nazi-Terror, wurde ihr Engagement zur politischen Hypothek. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schauspieler Adolf Manz, verliess sie Berlin. Die Rückkehr in die Schweiz wurde auch zur künstlerischen Heimkehr. Zürich, Basel, St. Gallen wurden neue Wirkungsorte. Allein am Zürcher Schauspielhaus spielte sie über 50 Rollen. Daneben prägte sie als Pädagogin eine Generation junger Künstlerinnen und Künstler, unterrichtete am Konservatorium und gründete den Zürcher Kammersprechchor, der internationale Anerkennung fand – in Salzburg, an der Mailänder Scala, in Paris.
Auch der Schweizer Film wusste Ellen Widmanns Können zu schätzen. In der Verfilmung von Friedrich Glausers «Wachtmeister Studer» (1939) übernahm sie die Rolle der mysteriösen Anastasia Witschi – eine intensive Nebenfigur, in der sie psychologische Tiefe mit stiller Präsenz verband.
In «Gilberte de Courgenay» (1942) war sie an der Seite von Anne-Marie Blanc zu sehen. Während Blanc mit der Titelrolle zur nationalen Symbolfigur wurde, verlieh Ellen Widmann ihrer mütterlich-unterstützenden Figur jene stille Würde, für die sie bekannt war. Und in «Uli der Knecht» (1954), Franz Schnyders Klassiker nach Jeremias Gotthelf, spielte sie die Bäuerin vom Zyberlihoger – eine Charakterrolle, die sie mit zurückhaltender Kraft und ländlicher Glaubwürdigkeit füllte.
Besondere Würde
Wahre Grösse zeigte sie auch im Privaten. In einem berührenden Brief berichtet ein Kollege, wie sie einst ihre Ferien opferte, um für einen schwerkranken Schauspieler in Deutschland eine Kur in der Schweiz zu ermöglichen – mit Spenden, die sie bei Freunden und Bekannten sammelte. Solche Gesten blieben unbeachtet von der Öffentlichkeit – und sind doch ein Teil jener besonderen Würde, die sie umgab.
1970 wurde Ellen Widmann mit dem Hans-Reinhart-Ring ausgezeichnet – der höchsten Schweizer Auszeichnung für darstellende Kunst. Ihr Name ist heute kaum noch präsent. Dabei gehört sie in jene «geheimnisvolle Gruppe des Theaters», wie ein Laudator schrieb, «zu den Müttern des Theaters», die nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Berufung wirkten. Unauffällig, prägend, unvergessen.
Künstler, Dichter, Macher und Visionäre
vs. In unserer Serie stellt Hanspeter Gautschin Menschen aus dem Oberbaselbiet vor, die einst prägend wirkten, heute aber fast vergessen sind. Es sind Künstlerinnen, Dichter, engagierte Macherinnen, stille Visionäre – ebenso wie Unternehmer, Tüftler und Gestalter der Industriewelt, die mit Innovationsgeist und Tatkraft die Entwicklung unserer Region vorantrieben. Persönlichkeiten, die das kulturelle, soziale, geistige oder wirtschaftliche Leben des Oberbaselbiets nachhaltig geprägt haben. Mit erzählerischem Gespür und einem feinen Blick für das Wesentliche lässt Gautschin diese Lebensgeschichten wieder aufleuchten – als Erinnerung, Inspiration und als Beitrag zur regionalen Identität.
Hanspeter Gautschin (1956) lebt in Oberdorf und blickt auf eine facettenreiche Laufbahn im Kulturbereich zurück. Als ehemaliger Impresario, Kulturförderer und Museumsleiter erzählt er mit Vorliebe Geschichten über Menschen, Kultur und das Leben im Alltag.

