«Die Landwirtschaft trifft es hart»
11.08.2026 BaselbietBund und Kanton reagieren mit Sofortmassnahmen auf Dürreprobleme
Ernten fallen aus, Futter wird knapp und Tiere werden früher als geplant geschlachtet. Besonders betroffen sind die Bauern im Oberbaselbiet. In Wittinsburg informierte der Direktor des Bundesamts für ...
Bund und Kanton reagieren mit Sofortmassnahmen auf Dürreprobleme
Ernten fallen aus, Futter wird knapp und Tiere werden früher als geplant geschlachtet. Besonders betroffen sind die Bauern im Oberbaselbiet. In Wittinsburg informierte der Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft über die angespannte Lage.
Janis Erne
Temperaturen von bis zu 38 Grad und kaum Regen: Das Wetter im Oberbaselbiet ist diesen Sommer so aussergewöhnlich, dass sogar das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) hierhin einlädt. Doch auch ohne die Ausführungen der BLW-Spitze sind die Folgen der Dürre überall sichtbar: Der Weg von Sissach zur Pressekonferenz oberhalb von Wittinsburg ist gesäumt von ausgetrockneten Äckern, Feldern mit dürrem Mais oder Apfelbäumen und Sonnenblumen, deren Blätter schlaff herunterhängen.
Am höchsten Punkt Wittinsburgs flimmert die Hitze über den Feldern. Eine leichte Brise und ein Schatten spendender Baum sorgen für Abkühlung. BLW-Direktor Christian Hofer ergreift das Wort. «Die Landwirtschaft trifft es hart», beginnt er. Die Trockenheit und die hohen Temperaturen stellten Bauernbetriebe im ganzen Land vor «grosse Herausforderungen». Viele Betriebe müssen Wintervorräte anzapfen, teures Futter zukaufen oder Tiere verkaufen – oder alles zusammen. Weil der Regen ausbleibt, wächst in der Schweiz schlichtweg zu wenig Gras, das zu Heu verarbeitet werden könnte. Beim Futtermais sieht es ähnlich schlecht aus.
Das war auch im bisherigen Rekord-Hitzejahr 2003 schon so. Doch anders als damals, als die Landwirte Futter aus dem Elsass kaufen konnten, trifft die Dürre dieses Jahr ganz Mitteleuropa. «Gewisse Futterhändler nehmen das Telefon schon gar nicht mehr ab», erzählt Bruno Zumbrunn, Landwirt aus Wittinsburg. Finanziell unterstützt der Bund die Bauern beim Futterkauf zwar, doch wenn das Angebot fehlt, greift auch diese Massnahme nicht. «Die Tiere können ja kein Geld essen …», so Zumbrunn.
Kühe leiden unter Hitzestress
Der Regen fehlt – und wie: Laut Christian Hofer gab es in den vergangenen 30 Tagen auf den Jurahöhen 60 bis 80 Prozent weniger Niederschlag als normal. Ähnlich stark betroffen seien das westliche und östliche Mittelland. Und auch die Alpenregionen leiden unter der Trockenheit. Viele Kühe und Schafe mussten früher als geplant von den Alpweiden geholt werden. Einige Tiere sind der Dürre zum Opfer gefallen: Auch aufgrund von Futtermangel wurden im Juni und Juli 15 Prozent mehr Rinder geschlachtet als im Vorjahr, bei den Milchkühen beträgt die Quote sogar rund 33 Prozent.
Auch Bruno Zumbrunn und sein Sohn Elias, die eine Betriebsgemeinschaft bilden, schliessen diesen Schritt nicht aus. Noch können sie ihren Bestand von 40 Milchkühen halten. Doch besonders die älteren Tiere würden unter der Hitze leiden, erzählt Elias Zumbrunn. Sie seien anfälliger für Durchfall und andere Keimkrankheiten. Um ihnen zu helfen, kühlen die Zumbrunns den Stall fast durchgehend und duschen die betroffenen Tiere zwei- bis dreimal pro Tag mit Wasser.
Bund lockert Vorgaben
Die Familie Zumbrunn bereitet sich auf verschiedene Weise auf die trockener werdende Zukunft vor. Das grösste Projekt ist der Bau eines neuen Stalls. Dieser ist besser durchlüftet, verfügt über einen 300 000 Liter fassenden Regenwassertank und eine Biogasanlage, die Wärme für zwei Wohnhäuser erzeugen kann. Auf dem Stalldach produziert eine Solaranlage Strom. Und auch auf den Feldern machen sich die Zumbrunns krisenfester: Sie säen unter anderem Luzerne an, die trockenheitsresistenter ist als Gras oder Klee, und nehmen wie 22 weitere Bauernbetriebe im Baselbiet am Projekt «Slow Water» teil. Das vom Bund sowie den Kantonen Baselland und Luzern finanzierte Projekt unterstützt verschiedene Massnahmen, um Regenwasser sowohl auf dem Bauernhof als auch auf den Feldern zurückzuhalten und zu speichern.
Doch solche Investitionen sind Lösungen für die Zukunft. Um die Folgen der akuten Trockenheit zu lindern, haben Bund und Kantone Sofortmassnahmen ergriffen. So werden Direktzahlungen beispielsweise auch dann ausbezahlt, wenn Landwirte aufgrund der Dürre nicht alle Vorgaben hinsichtlich Tierwohl oder Nachhaltigkeit erfüllen können. Zudem werden die Hauptzahlungen früher als üblich entrichtet. Betriebe, die in Zahlungsnot geraten, können zinsfreie Darlehen beantragen. Auch werden die Importzölle für Heu und Futtermais aufgehoben und der Bund beteiligt sich an Versicherungsprämien gegen Trockenheitsschäden.
All diese Massnahmen führen laut BLW-Direktor Hofer nicht zu Mehrausgaben für die öffentliche Hand, da sie im Budget enthalten seien. Langfristig setzt das Bundesamt für Landwirtschaft – ebenso wie das für die beiden Basel zuständige Ebenrain-Zentrum – auf eine «an das Klima angepasste» Landwirtschaft. Dazu gehört die Nutzung von geeignetem Saatgut, humusreichen Böden sowie modernen Technologien. Hofer betont: «Die eine Lösung gibt es nicht, wir müssen in allen Bereichen umdenken.»
Noternte beim Mais
Dass die Bauern im Oberbaselbiet im Sommer mit Trockenhpasen konfrontiert sind, ist nicht neu. Grund dafür sind unter anderem die hiesigen Karstböden, die vergleichsweise wenig Wasser speichern können. Ebenrain-Chef Christoph Böbner: «Die Betriebe hier sind Wasserknappheit gewöhnt.» Doch das aktuelle Jahr übertreffe alle Rekorde. Beim Futtermais zum Beispiel betragen die Ernteausfälle 50 bis 60 Prozent. Die Zumbrunns wollen noch diese Woche mit der Maisernte beginnen, damit die Pflanzen nicht ganz eingehen.
Erhebliche Einbussen gibt es auch bei Kartoffeln und Zuckerrüben. Und der dritte Grasschnitt, der jetzt fällig wäre, fällt dieses Jahr aus. Besser sieht es nur beim Steinobst wie Kirsche oder Zwetschge aus – und beim Getreide, das früher im Jahr angebaut wurde, als es noch regnete.
Für die Zumbrunns wird damit vor allem die Futterversorgung ihrer Kühe zum Problem. Zwar haben sie nach dem Trockenjahr 2003 von Frischgras- auf Silofütterung mit Weideanteil umgestellt und sind damit weniger vom kurzfristigen Graswachstum abhängig. Doch regnet es in den nächsten Wochen weiterhin nicht, müssen auch sie auf Winter- und Frühlingsvorräte zurückgreifen. Erstmals seit dem Jahr 2003 sind sie zudem gezwungen, Futter zuzukaufen. Elias Zumbrunn: «Ich hoffe, es gibt bald Niederschlag – dann kommen wir mit einem blauen Auge davon.»
Futterzukauf, Notschlachtungen und geringere Erträge: Für einige Bauernbetriebe dürfte die Trockenheit dieses Jahr finanzielle Einbussen zur Folge haben. Doch ihre Auswirkungen reichen über die Landwirtschaft hinaus. BLW-Direktor Christian Hofer sagt, dass sie mittelfristig auch die Konsumenten treffen könnten. Zwar seien landwirtschaftliche Produkte in den Einkaufsgeschäften noch nicht teurer geworden. Bliebe der nächste Sommer jedoch ähnlich trocken, könnten die Preise im kommenden Jahr durchaus steigen. Deshalb ruft Hofer die Konsumenten auf, beim Einkauf vermehrt zu Lebensmitteln zu greifen, deren Produktion weniger Wasser benötigt.



