«Die Jugend gibt es nicht»
29.05.2026 Persönlich, KänerkindenDie offene Jugendarbeit Sissach feiert dieses Wochenende ihr 30-jähriges Bestehen (siehe auch Seite 10). Hans Eglin schildert, was er über «die Jugend» in 30 Berufsjahren gelernt hat.
Peter Sennhauser
Herr Eglin, Sie sind 1960 geboren ...
Die offene Jugendarbeit Sissach feiert dieses Wochenende ihr 30-jähriges Bestehen (siehe auch Seite 10). Hans Eglin schildert, was er über «die Jugend» in 30 Berufsjahren gelernt hat.
Peter Sennhauser
Herr Eglin, Sie sind 1960 geboren – wo haben Sie als 13-, 14-Jähriger Ihre Freizeit verbracht?
Hans Eglin: Ich bin in Känerkinden aufgewachsen. Wir waren auf dem Schulhausplatz und haben Fussball gespielt. Känerkinden hatte aber auch eine Jugendgruppe vom Blauen Kreuz mit verschiedenen Angeboten. Das hat mich geprägt, und es war eigentlich ein Vorläufer der offenen Jugendarbeit. Heute gibt es eine Jugendmusikschule, aber wir haben damals in der Blau-Kreuz-Musik musiziert. Das war eine Schulung für unser soziales Verständnis.
Das «Underground» in Sissach ist 1996 entstanden. Was gab es den Jugendlichen, das sie in der Schule oder zu Hause nicht hatten?
Die Entwicklung der offenen Jugendarbeit hat sich aus den 80er-Jahren heraus entwickelt. Historisch gesehen haben die Zentrumsgemeinden in Baselland damals mit ersten Zweigen der offenen Jugendarbeit angefangen …
Weshalb?
Ich glaube, es entstand das Bedürfnis, aus den Vereinsstrukturen herauszutreten und ein offenes Angebot zu schaffen. Das gab den Jugendlichen mehr Gestaltungsraum.
Gab es einen konkreten Anlass? Suchtproblematik und Platzspitz, zum Beispiel?
Diese Ereignisse haben zweifellos in den 90er-Jahren ein Bewusstsein für Prävention geschaffen. Jugendarbeitslosigkeit, Drogen, das waren Themen, die öffentlich sichtbar wurden. Der Gedanke war, den Raum zu schaffen, wo sich junge Menschen entwickeln konnten, eigene Projekte verfolgten und einbezogen wurden.
… um zu verhindern, dass sie auf eine schiefe Bahn gerieten?
Darum geht es auch heute in erster Linie. Sehen Sie: Reparativ macht man viel. Die Prävention dagegen ist immer im Hintertreffen. Wie im Gesundheitswesen: Prävention macht zwei bis vier Prozent des Aufwandes aus. Der Rest ist reparativ.
Prävention bestand anfänglich aus Töggelikasten und Billard?
Sie waren ein wichtiger Teil, ganz bestimmt: Der Töggelikasten ist heute so beliebt wie damals, er hat Generationen durch ihre Jugend begleitet. In der offenen Jugendarbeit wurden aber vor allem auch Projekte lanciert. Wie das von Thomas Furrer aufgebaute DJ-Trainingsprogramm. Ebenso wichtig ist das Jugendcoaching, ein Projekt, in dem Jugendliche gezielt in ihren Talenten gefördert werden. Oder das Parkour-Projekt, für das am Schulplatz Bützenen Parkour-Elemente aufgestellt wurden.
Die Angebote der Jugendsozialarbeit reichen bis zu betreutem ambulantem Wohnen. Wir haben uns von der Verdingkinder-Tragödie in wenigen Jahren zu einer Auffanggesellschaft entwickelt – was hat sich gesellschaftlich verändert?
Es gibt einen politischen Konsens, dass mit Investitionen in Prävention eine Wirkung erzielt werden kann. Sie ist nicht leicht nachweisbar, aber eigentlich wissen alle, dass diese Angebote Menschen davon abhalten können, falsche Wege zu gehen.
Warum beklagen wir uns dann noch genauso über die «heutige Jugend» wie unsere Grosseltern?
(Zögert) Nun, jede Generation muss ihre Identität finden. «Jugend» bleibt eben «Jugend», mit der eine bestimmte Kultur einhergeht. Aktuell erleben wir eine relativ angepasste Jugend: Sie konsumiert weniger Alkohol und Suchtmittel, legt mehr Wert auf Sport. Und trotz diesem Eindruck, dieser Verallgemeinerung: «Die Jugend» gibt es nicht. Es sind immer Gruppierungen innerhalb einer Generation.
Sie sagen, die Jungen sind relativ angepasst. Andere bezeichnen sie als empfindlich oder bequem …
(lächelt) Das liegt immer am Fokus, auch an dem der Medien. Während und nach der Pandemie war die psychische Gesundheit im Fokus. Mag sein, dass die Jugendlichen selber mehr darüber geredet haben. Das macht das Thema sichtbarer. Aber dass die psychische Belastung generell zugenommen hat, das glaube ich so nicht.
Heute haben die Jungen viel mehr Angebote, warum haben sie gefühlt auch so viel mehr
Probleme?
Vielleicht just wegen der grossen Auswahl. Das Angebot im Freizeitbereich, im Bildungswesen, im Beruf, das kann ja auch überfordern. Wir hatten nicht so viele Entscheide, die wir fällen mussten: Tschutten auf dem Schulplatz und Blau-Kreuz-Musik, das war’s. Die Komplexität macht es dem Einzelnen schwerer. Wir haben uns schleichend in eine Multi-Options-Gesellschaft entwickelt.
Die politische Diskussion rund um soziale Projekte dreht sich stets darum, dass ihr Nutzen nicht quantifizierbar ist.
Mehr Prävention könnte noch mehr bewirken. Aber der Nachweis, der bleibt ein ewiges Thema. Es gibt Studien zu einzelnen Projekten. Aber Statistiken über Besucherzahlen sind immer relativ. Es liegt in der Natur der Prävention, dass man nicht sagen kann, was passiert wäre, wenn … Deswegen setzen wir jetzt im Jubiläum der offenen Jugendarbeit Sissach auf die Darstellungen von «Ehemaligen», die erzählen, was die Zeit für sie bedeutet – und was sie ihnen gebracht hat.
Zur Person
sep. Der Sissacher Hans Eglin (66) ist Gründer und ehemaliger Geschäftsführer der Stiftung Jugendsozialwerk Blaues Kreuz BL JSW. Die Stiftung JSW hat 2004 die Trägerschaft der Offenen Jugendarbeit Sissach übernommen. In den ersten Jahren bildete ein Trägerverein mit politischen Gemeinden und zwei Kirchgemeinden die Trägerschaft. Der pensionierte Vater von vier erwachsenen Kindern und siebenfache Grossvater hat ursprünglich eine Lehre als Werkzeugmacher, danach eine Sozialausbildung und ein Nachdiplomstudium in NPO-Betriebswirtschaft absolviert.

