Die gestiefelte Pizza
26.06.2026 PersönlichAls Schweizer sind wir nicht wirklich verwöhnt mit fussballerischen Meistertiteln. Nur in Randsportarten oder Spezialdisziplinen wie Grillieren, Frisieren und Glassammeln gelingt uns der Griff zu weltmeisterlichen Pokalen. Im Laufe der Evolution hat sich deshalb der Homo Helveticus – ...
Als Schweizer sind wir nicht wirklich verwöhnt mit fussballerischen Meistertiteln. Nur in Randsportarten oder Spezialdisziplinen wie Grillieren, Frisieren und Glassammeln gelingt uns der Griff zu weltmeisterlichen Pokalen. Im Laufe der Evolution hat sich deshalb der Homo Helveticus – mit Ausnahme einiger Mutanten aus der Muttenzerkurve – zum perfekten Zuschauer entwickelt. Diese Tugend ist nicht nur mir in den vergangenen Tagen völlig abhandengekommen.
Gnadenlos servieren uns sämtliche Medien rund um die Uhr Geschichten von bewegten Männern und deren kriselnden Kniescheiben. Der tägliche Einkauf wird zur Tortur und die Suche nach Zahnpasta oder Zahnbürste zum Spiessrutenlauf durch fussballerische Devotionalienmärkte.
Die Industrie lässt keine Peinlichkeit aus, um auch noch dem letzten Ladenhüter ein weltmeisterliches Outfit zu verpassen. Und so kommt es, dass manch gestandene Grossmutter neben der Haftcreme plötzlich auch noch einen Weltmeisterschafts-Schüblig, ein Birchermüesli mit einem Gutschein für ein Embolo-Poster und ein Müsterli After-Shave mit Murat-Yakin-Autogrammkarte im Einkaufskorb vorfindet.
In den Bars und Pubs landauf und landab wird hart um Gäste und Bälle gekämpft. Vor riesigen Leinwänden mit schwitzenden und spuckenden Fussballern veranstalten Grossbrauereien dursttreibende Tupperware-Partys für ihre Produkte. Der Sauglattismus erreicht einen neuen Höhepunkt und das ganze Land feiert fröhlich mit.
Auch Kari Koch, die Lichtgestalt der Baselbieter Gastronomie und begeisterter Linksaussen in der siebten oder achten Liga, gibt sich weltoffen. Je nach Spielbetrieb an der Fussball-Weltmeisterschaft serviert er andere Spezialitäten.
Obwohl Italien bereits seit längerer Zeit nicht mehr weltmeisterlich unterwegs ist, steht das Land auf der Menükarte seiner Beiz. Sein Unwissen kann man entschuldigen, nicht jedoch die Pizza «Bella Italia». Er serviert diese zwar in Form des italienischen Stiefels. Bei genauerer Betrachtung seines Staatsgebiets handelt es sich jedoch mitnichten um Italien, sondern um den Gemeindebann von Sissach.
Seine Erklärung dazu, die beigelegte Tomate würde Ostuni in Apulien repräsentieren und der Peterli liege genau auf Palermo, ist politisch unhaltbar. Meiner Meinung nach liegt die holländische Tomate etwas neben dem Zunzger Büchel. Und die dänische Petersilienstaude – sie hat sowieso nichts auf einer Pizza verloren – bedeckt eindeutig die Gemeindeverwaltung von Thürnen.
Auch sein südamerikanischer Beitrag zur EM ist etwas delikat: Aus einem ordinären Schweinskotelett wird noch lange kein argentinisches Steak, nur weil es ein Papierfähnchen in den Landesfarben trägt. Auch nicht, wenn es vom bosnischen Hilfskellner im Tangoschritt serviert wird!
Sie wollten noch wissen, was Kari Koch serviert, wenn die iranischen Fussballer auf die Amerikaner treffen? Ich weiss es nicht. Vielleicht verschleierte Pommes frites für die Eltern und eine Raketenglace für die Goofen zum Dessert.
Der Autor, Kolumnist Hanspeter Gsell, lebt seit mehr als 40 Jahren in Sissach.

