«Die Fusion brachte mehr Durchschlagskraft»
08.04.2026 RegionPräsidentin der HKBB über 150 Jahre Wirtschaftspolitik für den Standort
Handelskammern gelten als schwerfällig. Dem trete die HKBB mit Nähe zur Wirtschaft, raschem Handeln und politischer Präsenz entgegen, sagt Präsidentin Elisabeth Schneider-Schneiter ...
Präsidentin der HKBB über 150 Jahre Wirtschaftspolitik für den Standort
Handelskammern gelten als schwerfällig. Dem trete die HKBB mit Nähe zur Wirtschaft, raschem Handeln und politischer Präsenz entgegen, sagt Präsidentin Elisabeth Schneider-Schneiter im Interview zum 150-jährigen Bestehen der Organisation. Ausserdem beschreibt sie die Auswirkungen des Kriegs am Golf auf die Region.
Daniel Aenishänslin
Frau Schneider-Schneiter, in der «Bilanz» werden Handelskammern als «verknöchert, bürokratisch und kaum agil» beschrieben. Die HKBB wird als eine von vier Ausnahmen genannt. Was machen sie anders?
Elisabeth Schneider-Schneiter: Wir sind mit unseren Fachkommissionen und unserem Vorstand nah an der Wirtschaft dran und arbeiten stark lösungsorientiert. Wenn Unternehmen ein konkretes Problem haben – sei es bei Exportfragen, Regulierung oder Infrastruktur –, agieren wir rasch und bringen die Akteure an einen Tisch, um Lösungen zu erarbeiten. Zudem sind wir politisch breit aufgestellt, bringen uns früh in Debatten ein und sind kommunikativ auf zahlreichen Kanälen aktiv. Diese Mischung macht uns effizient.
In ihrer jetzigen Form gibt es die HKBB erst seit 1997 und dem Zusammenschluss des Verbands der «Industriellen von Baselland» und der Basler Handelskammer. Wozu diente diese Fusion?
Die wirtschaftliche Realität war längst eine gemeinsame Region. Unternehmen denken nicht in Kantonsgrenzen, sondern in Märkten und Wertschöpfungsketten. Mit der Fusion wollten unsere beiden Vorgängerorganisationen diese Realität abbilden und die Interessen der Region mit noch mehr Gewicht vertreten. Wir haben damit wirtschaftspolitisch die Kantonstrennung aufgehoben.
Was hat die Fusion bewirkt?
Vor allem mehr Durchschlagskraft. Heute sprechen wir mit einer Stimme gegenüber unseren Regierungen oder auch gegenüber Bundesbern. Gleichzeitig hat es geholfen, die Zusammenarbeit zwischen Basel-Stadt und Baselland zu vertiefen – gerade bei grossen Themen wie Verkehr, Wirtschaftsflächen oder Standortentwicklung. Wir haben einiges erreicht wie den Bildungsraum Nordwestschweiz, die gemeinsame Trägerschaft unserer Universität oder den Zusammenschluss der Rheinhäfen, um ein paar konkrete Bespiele zu nennen. Wir verstehen uns als Brückenbauerin und setzen uns auch in Zukunft für eine effiziente Zusammenarbeit und abgestimmte Planungen der beider Kantone ein.
Welches sind in Ihren Augen die Meilensteine auf dem 150-jährigen Weg der Handelskammer?
Als Wirtschaftsverband konnten wir in den vergangenen 150 Jahren wichtige Impulse für einen starken Standort setzen – bei uns in der Region, aber auch schweizweit. Interessant ist, dass die Herausforderungen für gute Standortbedingungen für Unternehmen dieselben bleiben: offene Märkte, gute Erreichbarkeit, attraktive Steuern, Abbau von Regulierungen und staatlichen Eingriffen, Bildung fördern, technologieoffen sein, Innovationen und Investitionen fördern. Dafür haben wir uns seit unserer Gründung eingesetzt und werden dies auch in Zukunft tun. Konkret engagierten wir uns Ende des 19. Jahrhunderts für die Gotthardbahn und bekämpften Schutzzölle. Um die Jahrhundertwende machten wir uns für den Ausbau des Bundesbahnhofs und den Bau des Basistunnels Hauenstein stark. Wir unterstützten die geplante Schweizer Mustermesse während des ersten Weltkriegs und den Bau des Zollfreilagers kurz danach. Während der Hochkonjunktur in den 1950er-Jahren forderten wir Steuersenkungen, setzten uns für den Staatsvertrag mit der Europäischen Freihandelsassoziation ein und wirkten auf den Anschluss unserer Region an das Autobahnnetz in den 1960er-Jahren hin. Früh engagierten wir uns zudem für die Berufsbildung, die Handelsschule sowie unsere Hochschulen. Dies nur ein paar Beispiele aus unserer Geschichte. In jüngerer Zeit sind Themen wie Innovation, Life Science und globale Vernetzung prägend.
Sie vertreten die Interessen von Weltfirmen wie Roche oder Novartis, aber auch von kleinen KMU-Betrieben. Wie gehen Sie es an, damit nicht die Interessen der Grossen dominieren?
Die KMU machen den Grossteil unserer Mitglieder aus, und ihre Anliegen sind sehr präsent. Gleichzeitig haben grosse Unternehmen natürlich Gewicht – aber am Ende geht es meist um gemeinsame Themen: gute Verkehrsverbindungen, funktionierende Energieversorgung, Zugang zu Fachkräften oder stabile Handelsbeziehungen für die Unternehmen unserer exportorientierten Region. Wir achten bewusst darauf, dass Lösungen für den ganzen Standort funktionieren.
Der Krieg gegen den Iran führt zur Verknappung und damit Verteuerung von Energie. Was bedeutet das für die Wirtschaft unserer Region?
Die steigenden Energiepreise spüren viele Betriebe direkt. Gerade in einer industriell geprägten Region wie Basel kann das schnell ins Gewicht fallen. Für exportorientierte Unternehmen wird es schwieriger, international konkurrenzfähig zu bleiben. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass selbst Konflikte, die geografisch weit weg stattfinden, ganz konkrete Auswirkungen bei uns haben: Steigen die Ölund Gaspreise auf den Weltmärkten, verteuern sich Produktion, Transport und Mobilität auch in Europa spürbar. Umso wichtiger sind verlässliche Rahmenbedingungen und eine langfristig gesicherte Energieversorgung.
Sind die Herausforderungen andere geworden in den vergangenen 150 Jahren?
Ja und nein. Während die Themen für ein gutes Wirtschaftsumfeld – wie attraktive Steuern, freier Handel, gute Bildung, bezahlbare Energie, optimale Erreichbarkeit und Wirtschaftsflächen – gleich blieben, änderten sich die wirtschaftlichen Schwerpunkte: Früher ging es um Industrialisierung und den Aufbau von Infrastruktur. Heute stehen Globalisierung, geopolitische Spannungen, Digitalisierung und Klimafragen im Zentrum. Gleichzeitig ist die Wirtschaft noch stärker international vernetzt – Entscheidungen im Ausland haben oft direkte Auswirkungen auf unsere Region. So oder so engagieren wir uns dafür, dass Unternehmen auch in Zukunft in unserer Region optimale Bedingungen finden, um erfolgreich zu wirtschaften.
Wie zufrieden sind Sie mit den wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen?
Grundsätzlich sind die Bedingungen in der Schweiz gut. Aber gerade in einer weltweit unsicheren Zeit, die von Protektionismus geprägt und von Konflikten überschattet ist, müssen wir uns auf ein optimales Wirtschaftsumfeld konzentrieren – wir brauchen eine Renaissance der Wirtschaftspolitik. Wir sehen klaren Handlungsbedarf – etwa beim Bürokratieabbau, bei der Verkehrsinfrastruktur und den Rahmenbedingungen für unsere Life-Science-Branchen. Wenn wir hier nicht Schritt halten, verlieren wir an Attraktivität.
Wie hat sich das Verhältnis zu Europa in den vergangenen 150 Jahren verändert?
Sehr stark. Die Aussenwirtschaft hat massiv an Bedeutung gewonnen. Heute ist ein grosser Teil der Wertschöpfung in der Schweiz und in unserer Region vom Export abhängig, und viele Unternehmen sind eng in europäische Lieferketten eingebunden. Gerade für die Region Basel mit ihrer Lage im Dreiländereck sind stabile Beziehungen zur wichtigsten Handelspartnerin EU zentral.
Wohin muss sich Ihrer Ansicht nach die Mobilität in der Region entwickeln?
Die Verkehrsinfrastruktur ist ein Schlüsselthema für den Standort. Wir brauchen leistungsfähige Verbindungen auf der Strasse, auf der Schiene, dem Wasser und beim Luftverkehr – sowohl regional als auch international. Projekte wie der Ausbau des Bahnnetzes, bessere Verbindungen für den Pendlerverkehr oder die Anbindung an den Güterverkehr sind entscheidend. Gleichzeitig geht es auch um Zuverlässigkeit: Staus, Engpässe oder ungenügende Kapazitäten kosten die Unternehmen Zeit und Geld.
Die HKBB hat die Region nun 150 Jahre begleitet.
Was macht diese Region aus?
Die Region Basel ist stark international ausgerichtet, sehr offen, innovativ, forschungsstark und durch eine wertschöpfende Life-Science-Branche geprägt. Die Kombination aus global tätigen Konzernen, vielen spezialisierten KMU und einer engen Zusammenarbeit mit Forschung und Hochschulen ist ein grosser Standortvorteil. Dazu kommt die Lage im Dreiländereck und im Herzen von Europa an der Haupthandelsroute von Nord nach Süd – das ist wirtschaftlich enorm wertvoll.
Was plant die HKBB im Jubiläumsjahr?
Wir nutzen unser Jubiläum, um stärker in den Dialog mit der Bevölkerung zu gehen. Es gibt verschiedene Veranstaltungen und Formate, bei denen wir zeigen, welche Rolle die Wirtschaft für die Region spielt. Gleichzeitig ist es für uns auch ein Anlass, nach vorne zu schauen – insbesondere bei Themen wie Aussenwirtschaft, Infrastruktur und Standortentwicklung.
Zur Person
vs. Elisabeth Schneider-Schneiter (62, Biel-Benken) präsidiert seit 2018 die Handelskammer beider Basel. In dieser Rolle setzt sie sich für die Interessen der regionalen Wirtschaft und gute Rahmenbedingungen im Dreiländereck ein. Als Nationalrätin («Mitte»), Mitglied der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats und der Efta/EU-Delegation bezeichnet sich die Juristin selber als Vollblutpolitikerin.
Das Interview wurde schriftlich geführt.

