Die Buche verdurstet
01.10.2026 BaselbietWald ist im Klimastress – das sind die Folgen
Der Hitzesommer 2026 hat den Baselbieter Wäldern zugesetzt. Besonders die Buche leidet unter Trockenheit und hohen Temperaturen. Kein Wunder: Allein in Liestal fehlen 750 Schwimmbecken Wasser. Das Waldbild wird sich ...
Wald ist im Klimastress – das sind die Folgen
Der Hitzesommer 2026 hat den Baselbieter Wäldern zugesetzt. Besonders die Buche leidet unter Trockenheit und hohen Temperaturen. Kein Wunder: Allein in Liestal fehlen 750 Schwimmbecken Wasser. Das Waldbild wird sich verändern.
Daniel Aenishänslin
Sie sind hoch. Vielleicht 35 Meter. Und sie sind dürr. Vor allem ganz oben, in ihren Kronen. Dort, wo die Blätter eigentlich dicht und sattgrün stehen sollten, klaffen Lücken. Die Buche, die Mutter der Baselbieter Wälder, stirbt. Sie stirbt den Hitzetod. Und sie verdurstet.
«Hier sieht es aus wie im Hardwald 2018», sagt Daniel Wenk. Er steht auf der Sichtern und lässt den Blick über die Bäume schweifen. Einige von ihnen werden den nächsten Frühling nicht erleben. Wenk leitet die Bürgergemeinde Liestal. Zusammen mit seinem Forstteam kümmert er sich um rund 2000 Hektaren Wald in Liestal, Lausen, Bennwil, Hölstein und Ramlinsburg.
«Erhebliche Schäden» habe der Sommer 2026 hinterlassen, sagt Wenk. Entscheidend sei gewesen, dass es im Juni und Juli nicht regnete. Von den 900 Millimetern Regen, die pro Jahr auf seinen Wald fallen, hätten deswegen 150 Millimeter gefehlt. «Das kann nicht mehr aufgeholt werden.» Wie gross der Mangel ist, versucht der Liestaler Forstbetrieb im Gemeindeanzeiger «Liestal aktuell» plastisch darzustellen. Auf den 1000 Hektaren Liestaler Wald entsprechen 10 Millimeter Regen rund 100 Millionen Litern Wasser oder dem Inhalt von 50 gefüllten Aussenschwimmbecken des Gitterlibads. Doch ein Teil dieses Wassers verschwindet schnell wieder. Rund 3 Millimeter Niederschlag verdunsten im Wald täglich. Das entspricht 15 Schwimmbecken. Das Fazit der Förster ist ein saftiges Defizit: «Dem Liestaler Wald fehlen 750 Schwimmbecken voll Wasser!»
Sicherheitsmassnahmen verstärkt
Das Team von Wenk räumt nun auf. Räumt die Gefahren weg. An Orten, an denen sich Menschen länger aufhalten – etwa Rastplätzen, Feuerstellen oder Parkplätzen – schauen die Forstleute ganz genau hin. Welche Bäume stehen noch sicher? Welche Äste könnten abbrechen? Insgesamt investiert die Bürgergemeinde Liestal jährlich 1 Million Franken in ihren Wald.
Entlang der Waldstrassen wird der Sicherheitsradius vergrössert. Buchen, die bis zu 10 bis 15 Meter an die Strasse heranreichen, werden herausgenommen. Auch mit Blick auf den September 2027: Dann finden auf der Sichtern die Waldtage beider Basel statt. Rund 20 000 Besucher sollen an vier Tagen den Wald erleben können. Wenk stellt sicher, dass ihnen kein Baum auf den Kopf fällt.
Das gewohnte Waldbild verschwindet. Grosse, alte Bestände werden dem Holzschlag übergeben. «Von einem Tag auf den anderen – und zwar grossflächig», sagt Daniel Wenk.
Doch selbst das Fällen der Bäume wird schwieriger. «Eine Buche kann man jetzt schon nicht mehr sicher fällen», sagt er. Abgestorbene Kronenteile können unvermittelt herunterbrechen, Äste spontan abbrechen. Die Forstleute müssen deshalb zunehmend auf Distanz arbeiten. Seilwinden und ferngesteuerte Keile kommen zum Einsatz. «Damit wird es teurer und komplexer.»
Und was, wenn man die Bäume einfach stehen lässt? Teile des Waldes würden über Jahre kaum mehr nutzbar. Nicht nur für die Menschen, die ihn besuchen, auch für jene, die ihn bewirtschaften. Wenk sagt: «Ich könnte keinen Mitarbeiter mehr hineinschicken. Es wäre für ihn lebensgefährlich.»
Wenk betont die Gefahren, denen sein Team ausgesetzt ist. Statistisch gehöre die Waldarbeit zu den gefährlichsten Tätigkeiten überhaupt. «Unsere Leute sind gut geschult. Wer eine Gefahr kennt, kann besser mit ihr umgehen.»
Gleichzeitig appelliert Daniel Wenk an die «Eigenverantwortung» der Waldbesucherinnen und -besucher. Manche würden die Verantwortung nur allzu gerne auf andere abwälzen, sagt er, statt sich zu überlegen, wie sie sich selbst im Wald verhalten. «Im Wald gibt es nie eine 100-prozentige Sicherheit.» Das klingt angesichts der dürren Buchen zunächst überraschend. Doch Wenk bleibt dabei: «Der Wald ist nicht weniger sicher als früher.»
Keine Erholung
Linden, Douglasien, Weisstannen, Eichen, Spitzahorn: Das Forstteam beobachtet sie. Anfang August lag der erste Zwischenbericht auf Daniel Wenks Schreibtisch. Ende September folgte der zweite. Bei den Buchen zeichnet sich bereits ab: Jene, die ihr Laub frühzeitig abgeworfen haben und denen danach die Zeit fehlte, noch ordentliche Knospen zu bilden, werden sich «mit grösster Wahrscheinlichkeit» nicht mehr erholen.
Doch das endgültige Ausmass der Schäden lässt sich noch nicht abschätzen. «Die Reaktion auf diesen Hitzesommer ist immer noch am Laufen», sagt Wenk. «Sie wird uns noch Jahre beschäftigen.»
Klimaveränderungen habe es immer schon gegeben, sagt Wenk. Vor 7000 Jahren habe im Baselbiet noch die Weisstanne dominiert. Neu sei jedoch die Geschwindigkeit des Wandels. In «extrem» kurzer Zeit seien die Temperaturen angestiegen. «Das Ökosystem hat so nicht mehr die Zeit, sich anzupassen.»
Der Hitzesommer hat dem Forstbetrieb nicht mehr Arbeit gebracht. Aber andere. Die Zwangsnutzung dominiert inzwischen die ordentliche Nutzung. Das bedeutet: Bäume müssen geerntet werden, die ohne den Klimastress erst später gefällt und verarbeitet worden wären. Gleichzeitig steigt dadurch der Wert des Holzes nicht. Im Gegenteil: Wenn grosse Mengen geschädigten Holzes gleichzeitig auf den Markt kommen, kann das den Preis unter Druck setzen.
Zwangsnutzungen kennt der Forstbetrieb auch nach Stürmen oder schweren Schneefällen. Nun ist es die Hitze, die den Rhythmus vorgibt. Der Borkenkäfer hingegen ist bislang nicht aktiv. Wenk führt das auf die Hitze zurück und auf die Tatsache, dass in dem von ihm betreuten Wald nur wenige Fichten stehen. Sie gehören zur Leibspeise des Borkenkäfers.
Und dann wartet bereits die nächste Aufgabe: die Pflege der zusätzlich entstandenen Jungwaldflächen. Jede Krise sei auch eine Chance, sagt Daniel Wenk. «Der Wald hat mich zwei Dinge gelehrt: Demut und Gelassenheit.»


