«Die ‹Bravo› habe ich ‹gefressen›!»
28.08.2026 BaselbietDie Zeitschrift verbindet seit 70 Jahren Generationen
Von den Grosseltern bis zur Jugend: Auch die Menschen im Baselbiet sind über Generationen hinweg mit der «Bravo» aufgewachsen. Zum diesjährigen Jubiläum hat die «Volksstimme» Leserinnen und Leser nach ...
Die Zeitschrift verbindet seit 70 Jahren Generationen
Von den Grosseltern bis zur Jugend: Auch die Menschen im Baselbiet sind über Generationen hinweg mit der «Bravo» aufgewachsen. Zum diesjährigen Jubiläum hat die «Volksstimme» Leserinnen und Leser nach ihren Erinnerungen an die Zeitschrift befragt.
Lea Wieser
Für die «Bravo» habe sich in den vergangenen sieben Jahrzehnten «alles – aber gleichzeitig auch nichts – verändert», sagt die ehemalige Chefredakteurin Yvonne Huckenholz. Bei ihrer Gründung am 26. August 1956 trägt die «Bravo» noch den Untertitel «Zeitschrift für Film und Fernsehen», auf der Titelseite lächelt einem Marilyn Monroe entgegen. Schon bald rückt der Film in den Hintergrund, und die «Bravo» wird immer mehr zum Musikmagazin – mit Stars wie Elvis Presley und später den «Beatles».
Im Lauf der Jahre sind viele neue, bis heute beliebte Rubriken entstanden: 1959 erscheint der erste «Bravo-Starschnitt». Jahrzehntelang haben Leserinnen und Leser eifrig über Wochen und Monate aus jeder Ausgabe einen neuen Teil der am Schluss lebensgrossen Promi-Poster ausgeschnitten und mit diesen stolz ihre Zimmerwände geschmückt. Die erste «Fotolovestory» entstand etwa zehn Jahre später – ein weiterer Klassiker der Zeitschrift. Die kitschigen Liebesgeschichten in Form von Fotos und Sprechblasen lösen bei vielen Lesenden eine Mischung von Kichern und Fremdscham aus. Während die aktuellsten Neuigkeiten und die Gerüchteküche der Promi-Welt einen grossen Teil der Zeitschrift ausmachen, ist die wohl populärste Rubrik «Dr. Sommer»: Seit 1969 beantwortet dieser vorurteilsfrei und sachlich Fragen über Liebe, Pubertät und das Teenie-Leben, die Millionen Jugendliche ihm stellen.
Heute Internet und Social Media
Diese Rubriken und auch das ganze Magazin sehen heute anders aus. Seit diesem Jahrzehnt fokussiert sich die «Bravo» stark auf das Internet und die Sozialen Medien. 2001 wagt die Zeitschrift den Schritt, neben der herkömmlichen Print-Ausgabe eine Online-Version zu betreiben. Ab 2020 erscheint die «Bravo» aufgrund sinkender Print-Auflagen statt zweiwöchentlich nur noch monatlich. Selbst «Dr. Sommer» ist heute nicht mehr der Alte. Martin Goldstein, der Psychotherapeut, der bei der Gründung dieser Rubrik 1969 mit von der Partie war und fortan 15 Jahre lang hinter dem Pseudonym steckte, ist bereits 2012 verstorben. Während die Jugendlichen früher Briefe an «Dr. Sommer» geschrieben haben, erhält dieser heute überwiegend E-Mails, die grossteils von freien Mitarbeitenden beantwortet werden. Ein «Dr. Sommer»-Team im früheren Sinne gibt es nicht mehr. Aufgeklärt wird zwar weiterhin, aber auf der «Bravo»-Website, denn die Zeitschrift hat «Dr. Sommer» bereits 2014 verlassen.
Zum Anlass des Jubiläums hat die «Volksstimme» Menschen aus dem Baselbiet – von Jung bis Alt – zu ihren Erinnerungen zur Zeitschrift befragt. dabei wird klar: Die «Bravo» hat die Jugend mehrerer Generationen geprägt. Auf die Frage, ob sie in ihrer Jugend auch die «Bravo» gelesen hat, antwortet die 81-jährige Monika aus Bennwil: «Nein, ich habe sie ‹gefressen›! Das Magazin war für mich ein riesiger Bestandteil meiner Jugend.» Sie und ihre Freundinnen seien von «Dr. Sommer» aufgeklärt worden, und über die Stars hätten sie alles gewusst. Stolz erzählt Monika von der mit Postern tapezierten Zimmerwand und ihrem vollständigen Brigitte-Bardot-Starschnitt – übrigens dem ersten, den die «Bravo» veröffentlichte.
«Dr. Sommer» klärte Jugend auf
Schmunzelnd erzählt die 66-jährige Sissacherin Doris von ihrem David-Cassidy-Starschnitt: «Er war damals der grosse Mädchenschwarm.» Auch sie habe den «Dr. Sommer» mit ihren Freundinnen ausführlich diskutiert: «Von ihm sind wir damals mehr aufgeklärt worden als von den eigenen Eltern. Weil es ihnen unangenehm war und ‹Dr. Sommer› nicht.»
Die etwas jüngeren Generationen wurden genauso von der «Bravo» durch ihre Jugend begleitet. Die 51-jährige Claudia aus Zunzgen erzählt: «Mein älterer Bruder hatte Poster und Starschnitte von Nena und anderen Stars gesammelt.» Da sie die Ausgaben von ihren Geschwistern übernehmen durfte, sei sie selbst schon in jungen Jahren in den Genuss der «Bravo» gekommen.
Chris, 45, aus Birsfelden, hat von seinen Grosseltern jeweils ein «Bravo»-Abo geschenkt bekommen. Auch seine stärkste Erinnerung sind die Poster. Für Chris und Claudia war «Dr. Sommer» nicht mehr ganz so relevant wie für die ältere Generation. «Die Sachen, die dort besprochen werden, sollte man eigentlich auch ohne ‹Dr. Sommer› wissen», meint Chris.
Das zeigt sich auch bei den jüngeren Menschen aus dem Baselbiet. Der 28-jährige Timo aus Diegten erinnert sich gerne daran, in seiner Jugend «Bravo»-Poster – etwa von «High School Musical» – gesammelt und diese in der Schule getauscht zu haben. Aber «Dr. Sommer» sei auch für ihn nicht wirklich relevant gewesen.
Selma, 21, aus Gelterkinden: «Ich und meine Freundinnen haben ‹Dr. Sommer› zwar immer gerne gelesen, aber eher weil es lustig war und weniger aus Aufklärungsgründen.» Die Poster sowie Quiz und Rätsel in der «Bravo» seien aber auch für sie ein grosser Teil der Jugend gewesen.
Auch die 14-jährige Gelterkinderin Annika hat ab und zu die «Bravo» gelesen. Die Zeitschrift sei für sie aber nicht so präsent. In ihrem Zimmer hängen keine «Bravo»-Poster, und den «Dr. Sommer» brauche es heutzutage auch nicht mehr.

