«Die beste Übung ist die, die man macht»
16.10.2026 PersönlichDas Pflegeheim Mülimatt in Sissach führt eine Aktionswoche zum Thema Sturzprävention durch. Friederike Schulte, Mitgründerin des «Sturzzentrums Schweiz», erklärt, warum ältere Personen von Stürzen besonders betroffen sind.
Tobias ...
Das Pflegeheim Mülimatt in Sissach führt eine Aktionswoche zum Thema Sturzprävention durch. Friederike Schulte, Mitgründerin des «Sturzzentrums Schweiz», erklärt, warum ältere Personen von Stürzen besonders betroffen sind.
Tobias Gfeller
■ Frau Schulte, wie wichtig ist es, dass man sich mit dem Thema Sturzprävention befasst?
Friederike Schulte: Jedes Wissen kann helfen, den nächsten Sturz zu verhindern. Man kann nie genug über das Thema Prävention hören. Das Alters- und Pflegeheim Mülimatt macht dies hervorragend. Auf den Winter hin ist das Thema nochmals relevanter, da es auf Eis und Schnee häufiger zu gefährlichen Situationen kommt. Alles, was man verhindern kann, hilft schlussendlich dem grossen Ziel, die Sturzverletzungen zu mindern.
■ Das Thema Sturzprävention im Alter ist heute deutlich präsenter als noch vor einigen Jahren. Ist die Gesellschaft sensibler gegenüber Stürzen im Alter geworden, oder gibt es mehr folgenschwere Stürze, weil es mehr ältere Menschen gibt?
Die Gesellschaft ist sicherlich sensibler geworden. Wir sehen eine deutliche Zunahme an Stürzen im Alter, mit und ohne Verletzungsfolgen. Gemäss Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) ist jede dritte Person ab 65 Jahren einmal im Jahr von einem Sturz betroffen. Ab 80 Jahren ist es jede zweite Person. In einem Pflegeheim sind rund 70 Prozent der Bewohnenden im Jahr von einem Sturz betroffen. Das ergibt rund 90 000 Sturzverletzungen pro Jahr in der Altersgruppe «65plus». Dies führt zu Gesundheitskosten von 1,6 Milliarden Franken pro Jahr.
■ Weshalb trifft es ältere Menschen häufiger?
Im Alter steigt aufgrund des Abbaus der Muskelmasse das Risiko, zu stürzen. Die Verletzungen können aufgrund des Abbaus der Knochen schwerwiegender sein und die Rehabilitation dauert länger. Neben den physischen Komponenten sind solche Stürze auch mit starken psychischen Folgen verbunden. Die Angst besteht darin, dass ein Sturz in eine Spirale mündet und dass es anschliessend körperlich nur noch bergab geht. Man hat Angst vor einem längeren Spitalaufenthalt und einem früheren Eintritt ins Pflegeheim.
■ Welche Tipps geben Sie älteren Menschen zur Sturzprävention?
Es gibt drei Bereiche, bei denen es sich lohnt, sich fit zu halten: Gleichgewicht, Kraft und Kognition. In den vergangenen Jahren kam immer mehr auf, dass das Training der kognitiv-motorischen Komponente das Sturzrisiko signifikant senken kann. Das geht mit einfachen Übungen: Man läuft zum Beispiel wie einer Schnur entlang geradeaus und gibt sich gleichzeitig eine Aufgabe, bei der man das Gehirn braucht. Dadurch erfüllt man zwei Aufgaben gleichzeitig. Ich erhalte häufig Rückmeldungen von Sturzopfern, dass sie während des Spazierens gedanklich abgelenkt waren und deshalb die Wurzel oder den Stein nicht gesehen haben.
■ Die meisten Stürze passieren in den eigenen vier Wänden.
Genau. Das liegt daran, dass man die meiste Zeit zu Hause verbringt. Deshalb ist es essenziell, dass man die eigene Wohnung oder das eigene Haus immer wieder durch die Brille der Sturzprävention betrachtet. Teppiche oder Kabel können Stolperfallen sein. Oft ist es so, dass man die Stolperfallen zu Hause gar nicht mehr wahrnimmt. Solche Hindernisse können vor zehn Jahren noch kein Problem dargestellt haben, mittlerweile durch das höhere Alter aber schon. Pantoffeln sind auch ein Thema. Sie sollten vorne und hinten geschlossen sein und einen guten Halt bieten.
■ Kann man Übungen auch im Alltag einbauen, ohne dass man dafür in ein spezielles Training oder in die Physiotherapie muss?
Auf jeden Fall. Für das Gleichgewicht empfehle ich, während eines gewissen Zeitraums – zum Beispiel während des Zähneputzens oder des Telefonierens – auf einem Bein zu stehen. Bei der Kraft spielt die Rumpfstabilität, also der Bauch und der Rücken, eine wichtige Rolle. Dazu kommt die Oberschenkelmuskulatur, die dem Körper Halt gibt. Dafür wären Kniebeugen die klassische Übung.
■ Was sagen Sie Menschen, die das Gefühl haben, sie könnten solche Übungen nicht durchführen, weil sie nicht genügend Kraft haben?
Man kann und soll die Übungen gemäss eigenen Kompetenzen durchführen. Bei den Kniebeugen muss es kein 90-Grad-Winkel sein. Die beste Übung ist jene, die man macht. Hauptsache ist, dass man ins Tun kommt. Ob es zehn Minuten oder eine halbe Stunde sind, ist weniger wichtig. Wichtig ist eine Regelmässigkeit.
■ Wie trainiert man den Bauch oder Rücken im Alter, wenn man sowieso schon Mühe hat, aus einer Liegeposition heraus aufzustehen?
Man muss solche Übungen nicht unbedingt auf dem Boden machen. Es gibt auch Übungen für den Stand, oder man kann die Übungen im Bett durchführen. Die Frage des Alleineaufstehens ist berechtigt und beschäftigt viele ältere Menschen. Wir raten, auch das Aufstehen zu trainieren. Am besten ist es natürlich, wenn am Anfang jemand dabei ist.
■ Nicht alle machen gerne solche Übungen. Kann Spazieren eine Alternative sein?
Spazieren kann die spezifischen Übungen zur Sturzprävention nicht ersetzen. Es ist eine gute Ergänzung, mehr aber nicht.
■ Wie können ein Pflegeheim oder andere Institutionen ein solches Thema aufnehmen?
Das Pflegeheim Mülimatt Sissach macht es vorbildhaft. Es geht einerseits um Aufklärung, aber auch darum, die Betroffenen zu animieren, selber über ihre eigene Situation nachzudenken. Wichtig ist auch die Wissensvermittlung. In den Pflegeheimen gibt es auch regelmässig Kurse und Physiotherapien. Neu ist es sogar möglich, dass die Krankenkasse eine vom Hausarzt verschriebene spezifische Physiotherapie zur Sturzprävention bezahlt. Dieses Angebot ist wirklich toll, und es lohnt sich, es anzunehmen.
Zur Person
vs. Friederike Schulte ist promovierte Biomechanikerin, Forscherin an der ETH Zürich und Mitgründerin des «SturzZentrums Schweiz» mit Sitz in Zürich. Schulte beschäftigt sich heute vor allem damit, wie Erkenntnisse aus der Sturzforschung praktisch genutzt werden können, um Stürze und deren Folgen zu verhindern.
Bewegungswoche mit Spezialprogramm für Bewohner und Angehörige im Alters- und Pflegeheim Mülimatt in Sissach, Montag, 19., bis Samstag, 24. Oktober.

