«Die Berufslehre ist kein ‹Plan B›»
30.04.2026 PersönlichAb Montag findet die «Woche der Berufsbildung beider Basel» statt. Thomas von Felten ist Leiter der Hauptabteilung Berufsbildung der Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion. Er gibt Auskunft.
David Thommen
Was genau ist die «Woche ...
Ab Montag findet die «Woche der Berufsbildung beider Basel» statt. Thomas von Felten ist Leiter der Hauptabteilung Berufsbildung der Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion. Er gibt Auskunft.
David Thommen
Was genau ist die «Woche der Berufsbildung» – und warum braucht es dafür eine eigene Aktionswoche?
Thomas von Felten: Die Woche der Berufsbildung ist eine nationale Initiative der Schweizerischen Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK), mitfinanziert durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Dieses Jahr beteiligen sich 23 Kantone an der nationalen Aktionswoche, darunter der Kanton Baselland. Ziel ist es, die Berufsbildung regional sichtbar zu machen und Einblicke zu ermöglichen. Erstmals organisieren die beiden Basel die Woche gemeinsam. Zusammen mit regionalen Wirtschaftsverbänden und über 200 Betrieben ist ein vielfältiges Angebot entstanden.
Sie führen Schülerinnen und Schüler gezielt in Betriebe.
Geht es dabei primär um Orientierung – oder auch um Nachwuchsgewinnung für die?
Im Zentrum steht klar die Orientierung. Die Angebote richten sich an Jugendliche im Berufswahlalter, aber auch an Eltern sowie jüngere Schülerinnen und Schüler. Bei den «Offenen Türen der Betriebe» können Jugendliche verschiedene Berufe kennenlernen, praxisnah und ohne aufwendige Bewerbung. Unter dem Motto «Mitmachen statt nur Zuschauen» erhalten sie authentische Einblicke. Je nach Alter geht es um erste Begegnungen mit der Arbeitswelt oder bereits um die Berufswahl.
Was unterscheidet diese Woche konkret von einer Schnupperlehre?
Der wichtigste Unterschied ist die erlebbare Vielfalt in kurzer Zeit. Während eine längere Schnupperlehre vertieft Einblick in einen einzelnen Betrieb gibt, können Jugendliche während der Woche der Berufsbildung zahlreiche Berufe entdecken – von Abdichterin respektive Abdichter bis Zimmermann respektive Zimmerin. Die Woche eignet sich besonders für Jugendliche, die ihre Interessen noch erkunden möchten.
Was soll für die Jugendlichen danach anders sein als vor der Woche der Berufsbildung?
Berufliche Orientierung ist ein Prozess. Die Woche soll helfen, Interessen zu entdecken und Perspektiven kennenzulernen.
Nach welchen Kriterien werden Betriebe ausgewählt?
Sie melden sich auf einen Aufruf hin. Voraussetzung ist, dass sie selbst Lernende ausbilden.
Gibt es Branchen, die besonders präsent sind – und andere, die im Hintergrund bleiben?
Das Gesundheitswesen ist stark vertreten, was auch mit dem Fachkräftebedarf zusammenhängt. Insgesamt ist die Branchenvielfalt aber breit.
Ein Betriebsbesuch dauert oft nur kurz. Wie tief kann ein solcher Einblick überhaupt gehen?
Das stimmt, die Besuche dauern zwei bis drei Stunden. Das reicht aber meist, um einen Betrieb oder Beruf kennenzulernen, Interesse zu wecken und erste Kontakte zu knüpfen. Schnupperlehren ersetzen sie jedoch nicht.
Die «Family Events» richten sich bereits an Kinder der 4. bis 6. Klasse. Beginnt die Einflussnahme auf die Berufswahl damit nicht sehr früh?
Die «Family Events» richten sich an Kinder, die gemeinsam mit ihren Eltern erste Einblicke in die Berufsbildung erhalten. Ziel ist es, die Kinder spielerisch an die Arbeitswelt heranzuführen und den Austausch in der Familie anzuregen. Im Fokus steht nicht eine frühe Berufswahl, sondern das Wecken von Neugier.
Welche Rolle spielen Eltern aus Ihrer Sicht: Orientierungshilfe – oder manchmal auch «Bremsklötze», die gewisse Wege verbauen?
Die Eltern und Erziehungsberechtigten sind die wichtigsten Bezugspersonen für Kinder und Jugendliche. Diese Rolle nehmen sie in vielen Fällen auch in der Berufswahl ein. Fatal ist, wenn Eltern ihre eigenen Wünsche auf ihre Kinder projizieren und die Interessen und Fähigkeiten des Kindes nicht berücksichtigen.
Was kostet die Berufsbildungswoche die öffentliche Hand? Und wer zahlt sonst noch?
Die öffentliche Hand investiert neben umfangreichen personellen Eigenleistungen einen mittleren fünfstelligen Betrag. Dieser fliesst in die Organisation der «Offenen Türen der Betriebe» sowie in den Anlass «Tag der Lernenden», organisiert vom Kompetenzzentrum Berufsbildung des «Haus der Wirtschaft». Das Bund unterstützt zudem die Berichterstattung der Medienpartner.
Woran würden Sie erkennen, dass diese Woche nicht nur gut gemeint ist, sondern tatsächlich einen nachhaltigen Effekt hat?
Die Förderung der dualen Berufsbildung und deren gesellschaftliche Anerkennung ist ein konstanter Prozess. Die übergeordneten Ziele sind einerseits die Konsolidierung und allenfalls Erhöhung der Quote von Jugendlichen, die den Weg der beruflichen Grundbildung wählen, und andererseits, dass 95 Prozent der 25-Jährigen einen Abschluss auf Sekundarstufe II besitzen.
Welche Fehlvorstellung von der Berufslehre möchten Sie korrigieren?
Die Berufslehre wird oft unterschätzt. Sie ist kein «Plan B», sondern bietet vielfältige Karrierewege bis hin zu höheren Fach- und Hochschulen. Das Imageproblem liegt vor allem in veralteten Vorstellungen über Entwicklungsmöglichkeiten.
Was sagen Sie einem Jugendlichen, der trotzdem sagt: Der schulische Weg passt besser zu mir?
Wenn dieser Entscheid nach einem intensiven Prozess der Laufbahngestaltung gefällt wird, ist das absolut in Ordnung. Entscheidend ist, dass wir als Kanton die gesellschaftliche Anerkennung von schulischer und beruflicher Ausbildung gleichermassen fördern. Problematisch wird es, wenn Jugendliche aus opportunistischen Gründen den vermeintlich einfacheren schulischen Weg wählen oder wenn Eltern ihre Kinder in weiterführende Schulen drängen, weil sie dies für den einzig erfolgreichen Weg halten.
Woche der Berufsbildung
vs. Vom 4. bis 9. Mai führen die Kantone Baselland und Basel-Stadt gemeinsam die «Woche der Berufsbildung» durch. Ziel ist es, Jugendlichen, Eltern und Schulen Einblicke in die Berufswelt zu geben und die Berufswahl zu unterstützen.
Im Zentrum stehen die «Offenen Türen der Betriebe»: Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe besuchen Lehrbetriebe und lernen verschiedene Berufe kennen. Die Woche ist Teil einer nationalen Initiative und wird von den beiden Kantonen gemeinsam mit Wirtschaftsverbänden der Region getragen.

