«Die Asiatische Hornisse frisst uns die ganze Biodiversität weg»
15.01.2026 TennikenMaria Corpataux kämpft an vorderster Front mit langer Lanze und Aktivkohle gegen die Invasion des schädlichen Insekts in der Region Basel
Als Koordinatorin der Bekämpfung der Asiatischen Hornisse in der Region war Maria Corpataux im Sommer und Herbst fast ununterbrochen im ...
Maria Corpataux kämpft an vorderster Front mit langer Lanze und Aktivkohle gegen die Invasion des schädlichen Insekts in der Region Basel
Als Koordinatorin der Bekämpfung der Asiatischen Hornisse in der Region war Maria Corpataux im Sommer und Herbst fast ununterbrochen im Einsatz. Im Interview spricht sie über die Grenzen des Machbaren, über Aktivkohle-Lanzen, gefährliche Stiche – und über den Moment, in dem sie selbst mitten in einem Hornissenschwarm stand.
David Thommen
Frau Corpataux, Sie sind nicht nur «Chefbekämpferin» der Asiatischen Hornisse in der Region, Sie sind auch Imkerin. Sind Ihre Bienen schon von Asiatischen Hornissen attackiert worden?
Maria Corpataux: Ich selbst habe 16 eigene Bienenvölker und führe zusätzlich die Belegstelle Hersbergerweid in Itingen mit 11 Völkern – wir züchten dort Drohnen für die Begattung der Königinnen. Vereinzelt mag es Angriffe durch Asiatische Hornissen gegeben haben, aber nichts Relevantes. Vergangenes Jahr hatte ich Glück, meine Völker standen nicht in einem Hotspot.
Hotspots gab es 2025 aber viele. Wie hat sich die Lage im Baselbiet und in Basel-Stadt entwickelt im Vergleich zu 2024?
Ich beurteile es als dramatisch. Ich würde alles ungefähr mit dem Faktor sieben gegenüber dem Vorjahr beschreiben. Es gab viel mehr Hornissen, viel mehr Nester, viel mehr Meldungen, mehr betroffene Imker und auch mehr Fälle von Stichen.
Was heisst das in Zahlen?
Im Jahr 2024 haben wir in beiden Basel 55 Nester entfernt, 2025 waren es bereits etwa 360. Es gab zudem rund 3000 gemeldete Sichtungen von Hornissen und Nestern aus der Bevölkerung. Die Zahlen sind explodiert.
Haben Sie das so erwartet?
Ich habe früh vor einer exponentiellen Ausbreitung gewarnt. Dass es so schnell so stark wird, hat viele überrascht – mich nicht, da ich die Entwicklung in anderen Ländern genau beobachtet hatte.
Wird das so weitergehen?
Wir sind noch lange nicht am Ende …
Was erwarten Sie für das Jahr 2026?
Wenn das Jahr wettermässig für die Wespenarten günstig wird, rechne ich mit bereits 1500 bis 2000 Nestern in beiden Basel.
Was erneut einer Verfünffachung entsprechen würde. Wie viele Nester könnten es mittelfristig werden?
Vergleicht man mit Hotspots in anderen Regionen Europas, kommen wir meiner Meinung nach in beiden Basel irgendwann auf ungefähr 8000 Nester. Jedenfalls, wenn sich das ungebremst so weiterentwickelt. In anderen Hotspots in Europa ist die Nestdichte auf 18 Nester pro Quadratkilometer gestiegen, dies ist auch bei uns ein mögliches Szenario.
8000 Nester – eine Katastrophe?
In meinen Augen ja. Aber ich will auch nicht Panik machen …
Was bedeutet das für uns Menschen?
Wir werden den Hornissen sehr häufig begegnen. Einerseits werden vermehrt Menschen bei Gartenarbeiten auf Primärnester stossen und gestochen werden, andererseits werden wir die Insekten künftig auf dem Schinkenbrot und anderen Lebensmitteln haben … Vor allem im Spätsommer und Herbst werden sie uns um die Ohren schwirren und sich an Kuchen, Obst, Imbissständen und so weiter bedienen. Damit verbunden werden wir eine deutlich zunehmende Zahl an Stichvorfällen sehen.
So, wie wir das bisher von den Wespen in ausgeprägten «Wespenjahren» kennen?
Mit Wespen kenne ich mich weniger gut aus. Der Unterschied ist, dass die Asiatische Hornisse riesige Nester mit 3000 bis 5000 Individuen bildet. Zum Vergleich: In einem Nest der einheimischen Hornisse hat es nur etwa 500 Tiere. Wo ein Nest der Asiatischen Hornisse in der Nähe ist – was letztlich fast überall der Fall sein dürfte –, wird man den Hornissen zwangsläufig fortlaufend begegnen. Mit entsprechenden Folgen.
Stichen?
Ja, vor allem in Nestnähe. Diese Hornissenart verteidigt ihre Nester äusserst aggressiv – und das im Verbund. Meist sticht nicht nur ein Insekt zu, es kann zu Vorfällen mit 10, 20 oder noch mehr Stichen kommen. Nach dem ersten Stich ist man durch einen Duftstoff markiert, was den anderen Hornissen das Signal gibt, dort ebenfalls zuzustechen.
Ab wann wird es für Menschen gefährlich?
Das ist individuell. Das Gift der Asiatischen Hornisse ist leicht allergener als das einer einheimischen Wespe oder Hornisse. Heute nimmt man an, dass es schon ab zehn Stichen auch für Nicht-Allergiker sehr unangenehm bis gefährlich werden kann. Bei Allergikern reicht natürlich schon ein Stich.
Sie halten es tatsächlich für möglich, dass bald einmal Personen von einem ganzen Schwarm dieser Hornissen gestochen werden?
Leider wird es dazu kommen.
Wer ist in erster Linie gefährdet?
Die Hornissen bauen ihre Primärnester ab Frühling in Bodennähe, gerne auch im Siedlungsgebiet. Gefährdet sind also Personen, die bodennah arbeiten oder sich im Unterholz bewegen – Gärtner, Leute, die Hecken schneiden, Baustellenarbeiter, Kinder auf Spielplätzen, wo Nester in der Nähe hängen. Auch in Storenkästen, Gartengrills, Häckslern und so weiter siedeln sie sich an. Will man ein Gerät ein erstes Mal im Jahr in Betrieb nehmen, kann es ungemütlich werden …
Wie sah es 2025 mit den Stichen aus?
Konkrete Zahlen aus beiden Basel liegen nicht vor. Ich weiss aber von etlichen Vorfällen. Mindestens vier Gärtner und zwei Gerüstbauer mussten deswegen sogar ins Spital.
Sie bekämpfen die Hornissennester professionell – wurden Sie ebenfalls schon gestochen?
Ja. Einmal gab es drei Stiche aufs Mal ins Bein, was eine ziemlich schmerzhafte Erfahrung war. Das Nest befand sich an der Unterseite eines Dolendeckels und fiel in den Schacht hinunter, nachdem wir den Deckel angehoben hatten. Einige Sekunden später stand ich in einem ganzen Schwarm … Seither schütze ich mich noch besser. Aber selbst mit Schutzanzug ist es unangenehm, wenn 20 oder mehr dieser grossen Insekten im Sturzflug auf einen losgehen, ist es den Hornissen doch möglich, das Gift durch das Gitter des Schleiers zu spritzen. Trotz des Visiers hat man das Gift dann auch auf der Gesichtshaut.
Stiche sind das eine – doch was bedeutet die Ausbreitung der Hornisse für unsere Biodiversität?
Die Asiatische Hornisse frisst bekanntlich 1400 andere Insektenarten – nicht nur Honigbienen. Erste Studien aus Frankreich legen nahe, dass dort Wildpflanzen mittlerweile weniger bestäubt werden. Vor allem leiden Pflanzen, die auf ganz spezifische Bestäuber angewiesen sind, sofern diese auf dem Speiseplan der Hornisse stehen. Fehlen die spezifischen Bestäuber, fehlen auch bald die entsprechenden Pflanzen. Und den insektenfressenden Säugern und Vögeln fehlt die Nahrung!
In Frankreich, Spanien oder Portugal kommt die Hornisse schon deutlich länger vor. Was bekommen Sie von dort mit – speziell auch aus der Landwirtschaft?
Vieles ist wenig ermutigend. In Teilen Portugals berichten Leute, dass sich der Gemüseanbau kaum mehr lohnt, weil Bestäuber fehlen. In Frankreich sieht man starke lokale Probleme, gerade im Wein- oder Obstbau, wo es teils zu beträchtlichen Ausfällen bei der Ernte und Problemen mit Stichen während der Erntezeit kommt. Wir müssen daraus lernen: die Bevölkerung mobilisieren, die Früherkennung verbessern und Schutzmassnahmen treffen – zum Beispiel mit Netzen über den Kulturen, sobald die Früchte reif werden.
Können wir in der Schweiz also vom Wissen anderer Länder profitieren?
Ein Stück weit ja. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass man die Erfahrungen immer zuerst selbst machen muss, bevor man die richtigen Schlüsse zieht.
Wir müssen uns also mit der Situation arrangieren und fortlaufend dazulernen?
Selbst wenn wir uns in der Schweiz sehr anstrengen, findet man schätzungsweise nur die Hälfte der Nester; der Rest bleibt verborgen, was eine exponentielle Ausbreitung weiterhin ermöglicht. Ausrotten ist nicht mehr und war nie möglich. Zudem hat sich die Art in unseren Nachbarländern etabliert, und dort wird sie häufig nur wenig oder gar nicht bekämpft. Frankreich hat eine nationale Strategie, die anderen Länder verfolgen regionale und über die EU finanzierte Projekte. Natürlich gibt es in den anderen betroffenen Ländern auch riesige Landstriche, in denen kaum Menschen leben. Daher kann sich die Hornisse ungehindert ausbreiten – und fliegt immer wieder bei uns ein.
Bedeutet das: «Populationsmanagement» statt Ausrottung?
Genau. Ziel ist, den Reproduktionszyklus soweit als möglich zu unterbrechen, sodass weniger neue Königinnen und damit neue Nester entstehen. Es lohnt sich, mit der Bekämpfung weiterzumachen. Die Bevölkerung soll weiterhin Sichtungen melden. Jedes entdeckte Nest bis auf die letzte Hornisse zu bekämpfen, wäre allerdings weder realistisch noch finanzierbar. Das haben wir bereits 2025 nicht mehr ganz geschafft.
Gleichwohl: Als der Japankäfer kürzlich in der Region Basel auftrat, hatte man das Gefühl, dass der Bund gleich die halbe Armee in Marsch setzte, um das Insekt sofort auszurotten. Bei der Asiatischen Hornisse hat man diesen Eifer nicht festgestellt.
Beim Japankäfer gilt vom Bund her eine strikte Bekämpfungspflicht, da er als massive Gefahr für die Landwirtschaft eingestuft wird – wie die Tigermücke für das Gesundheitswesen. Hier kann die Eindämmung tatsächlich auch noch gelingen. Die Asiatische Hornisse hingegen wird vom Bund als etwas weniger bedrohlich taxiert – was ich bedaure: In meinen Augen fehlt das Bewusstsein, dass uns dieses Insekt über kurz oder lang die ganze Biodiversität wegfrisst.
Das heisst, dass Ihrer Meinung nach mehr Geld in die Bekämpfung der Hornissen fliessen sollte?
Die Plage bekommen wir, wie gesagt, nicht mehr weg, aber man muss versuchen, sie so klein wie möglich zu halten. Heute sind in den beiden Basel lediglich ich und ein Kollege professionell mit der Bekämpfung der Hornissen befasst – im Auftrag des Bienenzüchterverbands beider Basel und auf Rechnung des Kantons. Im Jahr 2025 mit 360 Nestern haben die finanziellen Mittel vielleicht halbwegs gereicht, doch sprechen wir von 8000 Nestern in wenigen Jahren, so braucht es deutlich mehr Personal, eine bessere Logistik, mehr Ausrüstung und damit deutlich mehr Geld.
Bei der Bekämpfung der Nester setzen Sie seit diesem Jahr auf Aktivkohle. Wie kam es dazu?
Die Bekämpfung hat sich grundlegend verändert. Noch vor kurzem kletterte man auf Bäume oder arbeitete mit Hebebühnen und spritzte Biozide in die Nester – was Gefahren für die Bekämpfer, hohe Kosten und Umweltbelastung mit sich brachte. Ich und meine Auftraggeber wollten hingegen möglichst wenig Insektizide anwenden und haben früh nach neuen Methoden gesucht – und sind auf Aktivkohle gestossen. Sie ist umweltverträglich und für uns Bekämpfer ungefährlich. Eine wissenschaftliche Studie hat die hohe Wirksamkeit von Aktivkohle soeben belegt. Die Tiere verenden schnell und zuverlässig. Mittlerweile klettern wir auch nicht mehr auf die Bäume, sondern stechen die Nester vom Boden aus mit bis zu 30 Meter langen Lanzen an und blasen die Aktivkohle mit Druckluft durch die Lanze in die Nester. In einem deutschen Bundesland wird diese Methode schon seit einiger Zeit praktiziert. Ich habe Kontakt zum Entwickler dieser Methode aufgenommen. Heute gebe ich Tipps für die Anwendung in der halben Schweiz …
Naheliegend wäre auch die Bekämpfung der Nester in der Höhe mit Drohnen …
Das wird mancherorts auch gemacht. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass zumindest kleine Drohnen zum Absturz gebracht werden, wenn sich ein ganzer Hornissenschwarm in die Propeller stürzt … Zudem: Eine Drohne kommt nicht durchs dichte Geäst – und wo soll sie nach dem Einsatz wieder landen? Sie wird stundenlang von wütenden Hornissen verfolgt (lacht). Beispielsweise setzt der Kanton Zürich in manchen Fällen Drohnen ein, die Heisswasserdampf in die Nester spritzen. Insekten zu verbrühen, wirft allerdings ethische Fragen auf – zumindest mehr als bei Aktivkohle.
Sie sind Imkerin. Honigbienen sind eine leichte Beute für die Hornissen – streichen wir hierzulande schon bald das letzte Honigbrot?
Das denke und hoffe ich nicht. Alle Imkerinnen und Imker werden lernen müssen, ihre Völker aktiv zu schützen – zum Beispiel mit engen Eingangsbegrenzungen, damit die Hornissen nicht in die Bienenstöcke eindringen können. Auch in einem anderen Punkt haben wir schon gelernt: Lauern vor einem Bienenstock Asiatische Hornissen, sind die Bienen schlagartig von einer Flugparalyse ergriffen. Das heisst, sie fliegen schlicht und ergreifend nicht mehr aus und verhungern im schlimmsten Fall. Wir haben festgestellt, dass diese Flugparalyse später einsetzt und sich die Chance für das Überleben des Volkes um 50 Prozent erhöht, wenn man ein Gitter, eine Voliere, vor dem Stock montiert …
… die Hornissen werden also schon mit einiger Distanz zum Stock abgeblockt?
Nein. Die Maschen der Voliere dürfen nicht zu eng sein, weil die Bienen sonst den gesammelten Pollen dort abstreifen. Die Hornissen kommen daher ebenfalls durch dieses Gitter
– und machen entsprechend viel Beute. Interessanterweise legen die Bienen ihre Flugstarre wegen dieses Gitters aber ab und fliegen wieder aus. Man kann sich dieses Phänomen bisher nicht erklären – aber Hauptsache, die Bienen arbeiten wieder. Wir Imkerinnen und Imker erleiden wegen der Hornissen zwar grosse Verluste, doch das lässt sich mit dem Aufbau von mehr Jungvölkern kompensieren. Letztlich dürfte der Honig dadurch teurer werden. Und weil Aufwand und Stress immer grösser werden, dürften einige Imker aufgeben.
Haben Imker weitere Mittel?
Zum Beispiel Hornissenfallen?
Manche greifen dazu. Ich rate jedoch dringend davon ab: Fallen sind nicht selektiv – sie fangen alles Mögliche: Bienen, Wildbienen, einheimische Wespen, andere Nützlinge. Fallen schädigen die Biodiversität. Genau das wollen wir ja verhindern.
Gibt es Anzeichen für Gegenkräfte in der Natur – Räuber, Krankheiten –, welche im Kampf gegen die Hornissen Hoffnung machen? In Frankreich soll die «Grosse Wespendickkopffliege» die Hornissenbrut schädigen …Her damit … (lacht). Von dieser Fliege habe ich zwar noch nie gehört, aber die Natur wird über kurz oder lang eine Antwort bereithalten. In Frankreich etwa hat der Wespenbussard in seiner Populationsdichte zugenommen und frisst heute ebenso viele Nester, wie durch die Behörden zerstört werden. Es gibt auch Pilze und Mikroorganismen, welche die Brut infizieren können. Solche natürlichen Regulierungsmechanismen können langfristig dämpfend wirken, aber komplett verschwinden wird die Art nicht – Frankreich hat sie seit zwei Jahrzehnten und hat immer noch Probleme.
Wenn Sie einen Wunsch für 2026 frei hätten, welcher wäre es?
Ich hätte viele Wünsche. Mehr Personal und Budget, Digitalisierung der Meldesysteme, gezielte Aufklärung der Bevölkerung, damit die Menschen weder überreagieren noch gar nicht reagieren, wenn sie die Hornisse sehen. Einen ganz speziellen Wunsch hätte ich aber doch noch: einen warmen März, damit die Asiatische Hornisse aktiv wird, und danach einige Nächte mit deftigem Spätfrost. Das würde helfen, die Ausbreitung etwas zu verlangsamen …
Zur Person
vs. Maria Corpataux (50) ist Koordinatorin für die Bekämpfung der Asiatischen Hornisse in der Region Basel. Angestellt ist sie beim Bienenzüchterverband beider Basel. Finanziert wird die Bekämpfung der Hornissennester nach Aufwand über kantonale Mittel. Corpataux war zuletzt an einer wissenschaftlichen Studie zur Anwendung von Aktivkohle gegen Asiatische Hornissen beteiligt; sie gilt bei dieser Methode als Pionierin in der Schweiz.
Die 50-jährige Tennikerin betreut selber 27 Bienenvölker, ist Leiterin der Task Force Asiatische Hornisse bei Bienen Schweiz und Zuchtberaterin beim Dachverband Bienen Schweiz und leitet die Belegstelle Hersbergerweid in Itingen, wo Drohnen – also «Bienenväter» – gezüchtet werden. Corpataux, die auch in Teilzeit im Tenniker Dorfladen mitarbeitet, ist zudem in der Pferde- bzw. Reitausbildung tätig und besitzt drei Pferde.

