Desaster statt Aster
28.07.2026 PersönlichKennen Sie das Restaurant «Alpbad»? Es liegt hoch über Sissach, die Aussicht ist weit, der Garten mit den alten Kastanienbäumen lauschig und das Essen gut. Doch ich erwähne das «Alpbad» hier aus einem anderen Grund: Zwischen Gartenbeiz und Landwirtschaftsland ...
Kennen Sie das Restaurant «Alpbad»? Es liegt hoch über Sissach, die Aussicht ist weit, der Garten mit den alten Kastanienbäumen lauschig und das Essen gut. Doch ich erwähne das «Alpbad» hier aus einem anderen Grund: Zwischen Gartenbeiz und Landwirtschaftsland zieht sich ein langer Saum mit prächtigsten Blumen hin – Dahlien in all ihren Ausprägungen, Gladiolen, Sonnenhüte, allerlei Korbblütler, Stockrosen, Phlox und gerade machen sich, falls ich das richtig erkannt und in Erinnerung habe, die ersten Astern bereit für ihren grossen Auftritt.
Ich stand kürzlich lange vor diesem prächtigen Gartengesamtkunstwerk und dachte niedergeschlagen und nicht ganz neidlos: Hier ist nicht ein Gärtner mit einem grünen, sondern einer mit einem äusserst farbenfrohen Daumen am Werk!
Also das genaue Gegenteil von mir.
«Du», sagte ich schimpfend zu mir, «du hast maximal einen braunen Daumen!»
Denn nichts als Braun in all seinen 50 Schattierungen habe ich in meinem Garten vorzuweisen. Zuerst hatte ich den Zeitpunkt für die Aussaat im frühen Frühling zu optimistisch gewählt – der Frost schlug zu. «Tant pis», dachte ich und säte das ganze Programm nochmals aus. Die aussergewöhnliche Trockenheit im April führte jedoch dazu, dass kaum etwas keimte. Und als danach der Regen doch noch kam, kamen auch die Schnecken. Mit 50 Sonnenblumen hatte ich gerechnet, übrig geblieben ist – ungelogen – eine einzige. Auch bei den Zinnien, meinen heimlichen Lieblingen, konstatiere ich so gut wie einen Totalschaden. Was dennoch gekeimt hat, kümmert angesichts des gnadenlosen Hitze- und Trockensommers vor sich hin. Meine grossen Flächen mit Trinkwasser zu bewässern, verbietet sich in Zeiten, in denen man angehalten wird, während des Zähneputzens doch bitte schön den Wasserhahn zuzudrehen.
Bei mir wächst nicht einmal mehr das Unkraut. Sogar die verhasste Hirse zeigt sich in diesem Jahr kaum. Ich hätte niemals gedacht, dass ich das einmal bedauern könnte … Die wenigen Gladiolen und Dahlien, die gekommen sind, behelfen sich mittlerweile mit einer jämmerlichen Notblüte. Selbst die herrlichen Wunderblumen, die ich als Samen einst aus dem furztrockenen Zypern mitgebracht hatte und die normalerweise ungehörig buschig wuchern, haben das Wachstum längst eingestellt und sind statt gut 150 keine 10 Zentimeter hoch. «Ich bin ein richtig toller Bonsai-Gärtner …», sagte ich jüngst ironisch zu meiner lieben Gärtnerin.
Und meine liebe Gemüsegärtnerin? Für ihren Gartenteil holen wir an einem öffentlich nutzbaren Dorfhydranten Fass um Fass. Ihre Beete sehen noch einigermassen aus, doch Fenchel, Rübkohl und Konsorten bleiben eher klein – und sind rasch holzig.
Vor einem Jahr, als unser Garten in allen Farben leuchtete und freudig wucherte, haben wir noch fröhliche Partys veranstaltet. Heute lasse ich niemanden mehr herein. Dabei haben sich Gäste angekündigt. «Wir sollten sie auswärts einladen», sage ich zu meiner lieben Gärtnerin. Am besten ins «Alpbad». Dort können wir zeigen, wie mein Blumengarten gemeint gewesen wäre.
David Thommen, Chefredaktor «Volksstimme»

