Der volle Kühlschrank
10.03.2026 PolitikSandra Jenni, Landrätin FDP, Zunzgen
Am Sonntagmorgen ist er plötzlich da, dieser kurze Moment des Stutzens: Der Kühlschrank ist leerer als gestern. Eine banale Feststellung – und doch steckt mehr darin. Als Kind erschien mir dieser weisse Kasten ...
Sandra Jenni, Landrätin FDP, Zunzgen
Am Sonntagmorgen ist er plötzlich da, dieser kurze Moment des Stutzens: Der Kühlschrank ist leerer als gestern. Eine banale Feststellung – und doch steckt mehr darin. Als Kind erschien mir dieser weisse Kasten wie ein kleines Wunder. Essen war einfach da. Ich dachte nicht darüber nach, wer eingekauft, geplant, getragen und aufgefüllt hatte. Der volle Kühlschrank war selbstverständlich.
Erwachsen werden heisst, genau diese Selbstverständlichkeit zu verlieren. Man versteht: Nichts füllt sich von allein. Hinter dem, was funktioniert, steht immer jemand, der Verantwortung übernimmt. Das gilt nicht nur zu Hause. Es gilt auch für unser Land.
Die Schweiz hat ihren Wohlstand nicht einfach geerbt. Sie hat ihn aufgebaut – durch Menschen, die arbeiten, unternehmerisch handeln, Steuern zahlen, Ämter übernehmen, abstimmen und mittragen. Wirtschaft und Staat sind dabei nicht Gegensätze, sondern aufeinander angewiesen. Unternehmen schaffen Wert. Der Staat sorgt für einen verlässlichen Rahmen. Daraus entstehen Infrastruktur, Bil- dung, Rechtssicherheit und Stabilität – also die Voraussetzungen dafür, dass ein Land funktioniert.
Doch solche Systeme leben nicht von Gewohnheit. Sie leben davon, dass genug Menschen mitmachen. Und genau hier beginnt das Problem. Die Stimmbeteiligung bleibt seit Jahren tief. Parteien verlieren Mitglieder. In Gemeinden wird es immer schwieriger, Menschen für Milizämter zu finden. Das System läuft weiter, ja. Aber es läuft mit immer weniger Trägern. Und wenn immer weniger Verantwortung übernehmen, wächst nicht die Freiheit, sondern der Apparat.
Denn wo Bürger sich zurückziehen, übernehmen andere. Wo niemand gestalten will, wird verwaltet. Wo Verantwortung nicht breit getragen wird, konzentriert sie sich. Das mag bequem sein, aber bequem ist nicht kostenlos.
Wir sprechen gern vom «man». Man sollte etwas tun. Man müsste sich kümmern. Man wird das schon lösen. Doch dieses «man» existiert nicht. Es ist nur die höfliche Umschreibung dafür, dass man hofft, jemand anderes werde es übernehmen. Aber Demokratie funktioniert nicht mit Hoffnung auf andere. Sie funktioniert nur mit Beteiligung.
Nicht abzustimmen ist keine neutrale Haltung. Es ist ein Entscheid – einer mit Folgen. Wer seine Stimme nicht nutzt, verzichtet nicht auf Einfluss. Er überlässt ihn anderen. Wer Verantwortung ablehnt, verhindert Wirkung nicht, sondern verschiebt sie.
Wir erwarten funktionierende Institutionen, stabile Verhältnisse und wirtschaftliche Sicherheit. Doch all das ist kein Naturgesetz. Es ist das Ergebnis von Menschen, die ihren Teil beitragen. Demokratie ist kein Zuschauersport. Freiheit auch nicht.
Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen Kindheit und Erwachsensein: Als Kind glaubt man, jemand werde sich schon kümmern. Als Erwachsener weiss man, dass der Kühlschrank nur voll ist, wenn ihn jemand füllt. Und politisch gilt dasselbe: Wer nicht mitträgt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende andere bestimmen, was drin liegt.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

