Der unbeugsame Wirt aus Hölstein
02.10.2025 BaselbietHans Gysin – Freiheitskämpfer, Vermittler und Überlebender des Bauernkriegs
Er war Wirt, Amtspfleger und Gastgeber an einer der wichtigsten Handelsachsen des Landes. Dann wurde er zum Anführer eines Aufstands: Hans Gysin (1601– 1666) stellte sich im Bauernkrieg ...
Hans Gysin – Freiheitskämpfer, Vermittler und Überlebender des Bauernkriegs
Er war Wirt, Amtspfleger und Gastgeber an einer der wichtigsten Handelsachsen des Landes. Dann wurde er zum Anführer eines Aufstands: Hans Gysin (1601– 1666) stellte sich im Bauernkrieg mutig gegen die städtische Obrigkeit – und entkam dem Galgen nur knapp.
Hanspeter Gautschin
Im Sommer 1653 schrillten die Glocken des Basler Münsters über die Stadt hinweg. Sie kündigten ein Exempel an. Sieben Anführer des Baselbieter Bauernaufstands wurden zum Steinentor geführt – zur Hinrichtung. Nur zwei fehlten: Isaak Bowe aus Bretzwil, dem die Flucht gelungen war, und Hans Gysin aus Hölstein, der sich im Gefängnis befand. Er lebte noch.
Geboren wurde Johannes Gysin – wie er im Taufregister genannt wird – am 13. September 1601 in Hölstein. Sein Vater war Heinrich Gysin, seine Mutter Anna Bürgi. 1620 heiratete er Marie Häfelfinger. Beruflich war er längst eine respektierte Figur: Wirt zum «Rössli», Amtspfleger und wohlhabender Mann. Als Gastgeber an der wichtigen Route über den Oberen Hauenstein war er mittendrin im Geschehen – und so gut mit den städtischen Vögten gestellt, dass sie ihm 1642 ein kunstvoll gefertigtes silbernes Pferd überreichten. Dieses sogenannte «Rösslein» – heute im Kulturhistorischen Museum Basel – ist nicht nur kunstvoll, sondern auch ein Symbol: Gysin galt als verlässlich, wohlhabend, ehrenhaft. Ein Mann, mit dem man rechnete.
Ausgenutzte Landbevölkerung
Doch die Verhältnisse im Land waren angespannt. Hohe Steuern, vor allem das sogenannte «Soldatengeld», steigende Salzpreise, obrigkeitliche Willkür – das Landvolk fühlte sich ausgenutzt. Auch aus dem Baselbiet schlossen sich Bauern dem grossen Aufstand an, der 1653 in der Eidgenossenschaft aufflammte. Hans Gysin stand nicht abseits. Er öffnete sein Wirtshaus für Versammlungen, mahnte zunächst zur Ruhe – doch als klar wurde, dass die Stadt Basel auf Konfrontation aus war, stellte auch er sich hinter die Forderungen der Bauern: Steuererlass, Salzfreiheit, Schutz vor städtischer Willkür.
Gysin unterschrieb den Bauernbund, leistete den Eid, unterstützte die Reise von Delegierten nach Huttwil, wo sich die aufständischen Gemeinden vereinigten. Am Landtag auf dem Altmarkt in Liestal war er dabei – nicht als radikaler Anführer, sondern als Stimme der Entschlossenen, die sich nicht mehr vertrösten lassen wollten.
Nach der militärischen Niederlage der Bauern bei Wohlenschwil und der Besetzung des Baselbiets durch städtische Truppen wurde auch Gysin verhaftet. Die Stadt wollte Härte zeigen. Sie richtete sieben Männer hin. Auch Gysin war vorgesehen. Doch etwas Entscheidendes unterschied ihn: Er hatte Fürsprecher. Amtsleute aus Rheinfelden, Badenweiler und dem Elsass erinnerten sich an Gysins Rolle im Dreissigjährigen Krieg. Als Flüchtlinge aus dem zerstörten Südwesten ins Baselbiet kamen, war es Gysin, der ihnen Unterkunft und Essen gab. «Ein solcher Mann», hiess es in den Bittschriften, «verdient keine Hinrichtung.»
Gnade für Gysin
Basel schwankte. Einerseits wollte man ein Zeichen setzen. Andererseits fürchtete man diplomatische und wirtschaftliche Spannungen mit dem nahen Ausland. Und so wurde Gysin begnadigt – zu zwei Jahren Gefängnis und einer Vermögensabgabe. Nach seiner Freilassung kehrte er nach Hölstein zurück. Er betrieb das «Rössli» weiter, wirtschaftete gut und baute sogar aus. Das Inventar von 1666 zeigt ein stattliches Anwesen: 24 Hektar Land, mehrere Pferde, Rinder, ein Dutzend Silberlöffel – und das silberne Rösslein. Ein sichtbares Zeichen seiner einstigen Ehre – und seines überstandenen Falls.
Hans Gysin war kein Märtyrer. Er war auch kein Rebell im modernen Sinn. Vielmehr war er ein Vertreter jener Landbevölkerung, die nicht länger bereit war, sich kleinhalten zu lassen. Ein Mann, der Verantwortung übernahm – für seine Nachbarn, für die Flüchtlinge in der Not, für seine Heimat. Und der wusste, wann man kämpfen musste.
Ein stiller Held, den die Geschichtsbücher übersehen haben. Zeit, ihn aus dem Schatten zu holen.
Künstler, Dichter, Macher und Visionäre
vs. In unserer Serie stellt Hanspeter Gautschin Menschen aus dem Oberbaselbiet vor, die einst prägend wirkten, heute aber fast vergessen sind. Es sind Künstlerinnen, Dichter, engagierte Macherinnen, stille Visionäre – ebenso wie Unternehmer, Tüftler und Gestalter der Industriewelt, die mit Innovationsgeist und Tatkraft die Entwicklung unserer Region vorantrieben. Persönlichkeiten, die das kulturelle, soziale, geistige oder wirtschaftliche Leben des Oberbaselbiets nachhaltig geprägt haben. Mit erzählerischem Gespür und einem feinen Blick für das Wesentliche lässt Gautschin diese Lebensgeschichten wieder aufleuchten – als Erinnerung, Inspiration und als Beitrag zur regionalen Identität.
Hanspeter Gautschin (1956) lebt in Oberdorf und blickt auf eine facettenreiche Laufbahn im Kulturbereich zurück. Als ehemaliger Impresario, Kulturförderer und Museumsleiter erzählt er mit Vorliebe Geschichten über Menschen, Kultur und das Leben im Alltag.

