Der Uhrmacher, der noch alles konnte
21.07.2026 BaselbietAus kleinen Lauben heraus begann im Waldenburgertal eine neue industrielle Zeit
Als das Waldenburgertal Mitte des 19. Jahrhunderts seine Bedeutung als Verkehrsachse über den Oberen Hauenstein verlor, suchte Waldenburg nach neuen Wegen. 1853 beschloss die Gemeinde, ein Handwerk ins ...
Aus kleinen Lauben heraus begann im Waldenburgertal eine neue industrielle Zeit
Als das Waldenburgertal Mitte des 19. Jahrhunderts seine Bedeutung als Verkehrsachse über den Oberen Hauenstein verlor, suchte Waldenburg nach neuen Wegen. 1853 beschloss die Gemeinde, ein Handwerk ins Tal zu holen, das dort bisher kaum jemand kannte: die Uhrmacherei.
Hanspeter Gautschin
Noch vor der Eröffnung der für das Waldenburgertal ungünstigen Eisenbahnlinie durch den Hauenstein handelte die Gemeinde. Am 1. September 1853 erhielten neun Lehrmeister aus dem Welschland die Niederlassungsbewilligung. Gleichzeitig liessen sich vier Baselbieter Männer im Welschland zu Uhrmachern ausbilden. Bereits 1854 waren vier Lehrlinge ausgebildet. 41 weitere standen noch in der Lehre. Sie kamen aus Waldenburg, Langenbruck, Arboldswil, Reigoldswil, Liestal, Oberdorf, Arisdorf, Pratteln, Seltisberg und Itingen. Schon 1856 arbeiteten 150 Personen in der jungen Waldenburger Uhrenindustrie.
Stellen wir uns einen dieser jungen Männer vor. Nennen wir ihn Joggi. Vielleicht war er einer jener vier Baselbieter, die sich im Welschland zum Uhrmacher ausbilden liessen. Nach seiner Rückkehr ins Tal sass er als Uhrmacher in einer Waldenburger Laube an der Werkbank. Vor ihm lag ein Handwerk, das höchste Genauigkeit verlangte – und ein Rohwerk, aus dem erst noch eine Uhr werden sollte.
Arbeiten in der Laube
Die ersten Arbeitsräume waren keine grossen Fabrikhallen. An bestehende Häuser wurden kleine Lauben angebaut. Diese vorspringenden Räume sollten möglichst viel Tageslicht einfangen. Wer mit winzigen Teilen arbeitete, brauchte Licht fast ebenso sehr wie Werkzeug.
Vor Joggi stand seine Werkbank, das «établi». Darauf lagen Feilen, Stichel, Pinzetten, kleine Bohrer und Lupen. Mit der Uhrmacherei kamen auch französische Begriffe ins Tal: Pinzetten wurden zu «brucelles», die Unruh zu «balancier», die Hemmung zu «échappement». Mit dem neuen Handwerk zog auch ein Stück Westschweiz ins Waldenburgertal ein.
Vor Joggi lag ein Rohwerk. Noch war es keine Uhr. Eher ein Versprechen auf eine Uhr.
Aus Metall wird Zeit
Zuerst wurden die Platinen bearbeitet. Das sind jene Metallplatten, die später das Gerüst des Uhrwerks bildeten. Winzige Löcher mussten gebohrt, erweitert und genau ausgerichtet werden. Schon kleinste Ungenauigkeiten konnten später dazu führen, dass eine Uhr falsch lief.
Danach folgten Räder, Triebe und Wellen. Mit kleinen Drehbänken entstanden feine Achsen und Zapfen. Sie mussten rund, glatt und präzise gearbeitet sein. Für einen Laien sah manches kaum grösser aus als ein kleiner Metallstift. Für den Uhrmacher war es ein entscheidendes Teil im Zusammenspiel der Uhr.
Auch das Bohren verlangte Geduld. Elektrische Maschinen standen nicht zur Verfügung. Für feine Arbeiten verwendete man einen Fiedelbogen. Eine Schnur trieb dabei den Bohrer an. Das sah einfach aus, verlangte aber eine ruhige Hand.
Nun mussten die einzelnen Teile zusammenspielen. Die Räder durften weder zu straff noch zu locker ineinandergreifen. Dieses Spiel nannten die Uhrmacher «ébat». Es entschied mit darüber, ob die Uhr zuverlässig lief.
Das Herz der Uhr
Besonders heikel war die Hemmung. Sie gab der Uhr ihren Rhythmus. Anker, Gabel, Unruh und Spiralfeder mussten genau zusammenarbeiten. Gerät nur ein Teil aus dem Takt, stimmte am Ende die ganze Uhr nicht mehr.
Die Unruh war das Herzstück. Sie schwang unermüdlich hin und her und bestimmte den Gang der Uhr. Joggi setzte die Spiralfeder ein, richtete sie aus und überprüfte ihre Bewegung. Schon kleinste Unregelmässigkeiten konnten später Minuten oder gar Stunden Unterschied verursachen.
Danach folgten die Lagersteine. Die feinen Achszapfen liefen in Rubinen oder anderen harten Steinen.
Diese mussten gebohrt, eingesetzt und genau angepasst werden. Jede Öffnung musste exakt stimmen. Eine kaum sichtbare Schieflage konnte den Lauf beeinträchtigen.
Nun erst begann das Zusammensetzen. Schraube um Schraube, Rad um Rad, Feder um Feder fand seinen Platz. Alles wurde geprüft, nachgeschliffen und wieder geprüft. Manche Teile mussten noch graviert oder poliert werden. Das Zifferblatt wurde eingesetzt, die Zeiger wurden befestigt, und schliesslich kam das Werk ins Gehäuse.
Doch selbst jetzt war die Arbeit noch nicht beendet. Joggi lauschte seiner Uhr. Er hörte ihr zu wie ein Musiker seinem Instrument. Für andere Menschen klang es einfach nach «ticktack». Joggi hörte mehr. Er bemerkte, ob etwas schleifte, ob ein Rad zu viel Widerstand hatte oder ob die Unruh nicht ganz gleichmässig schwang. Am Klang erkannte er Fehler, lange bevor sie sichtbar wurden.
Eine neue Zeit fürs Tal
Mit der Uhrmacherei begann im Waldenburgertal ein neues Kapitel. Aus kleinen Lauben wurden später Werkstätten und Fabriken. Die Arbeit wurde aufgeteilt, spezialisiert und organisiert. Doch am Anfang standen junge Männer, die ein fremdes Handwerk lernen mussten – mit Augenmass, Geduld und ruhiger Hand.
Sie bauten nicht bloss Uhren. Sie halfen mit, einem ganzen Tal eine neue Zeit zu geben.
In unserer Rubrik «Von Hand gemacht» erinnert Autor Hanspeter Gautschin an (fast) verschwundene Handwerke im Oberbaselbiet. Die Serie wird fortgesetzt.

