Der Scherenschleifer
06.10.2026 BaselbietAls Messer und Scheren ein zweites Leben erhielten
Der Scherenschleifer zog mit seinem Schleifkarren von Dorf zu Dorf und schärfte Messer und Scheren. Viele dieser Wanderhandwerker gehörten zu den Fahrenden – insbesondere zu den Jenischen. Fast jeder Haushalt und jede ...
Als Messer und Scheren ein zweites Leben erhielten
Der Scherenschleifer zog mit seinem Schleifkarren von Dorf zu Dorf und schärfte Messer und Scheren. Viele dieser Wanderhandwerker gehörten zu den Fahrenden – insbesondere zu den Jenischen. Fast jeder Haushalt und jede Werkstatt war damals auf ihre Dienste angewiesen.
Hanspeter Gautschin
Mein Vater erzählte oft vom Scherenschleifer. Kaum sprach er von seiner Bubenzeit, begann er zu lächeln. Dann machte er das Geräusch nach, das der Schleifstein beim Treten von sich gab: «Adädäfi tschudädäfe … adädäfi tschudädäfe …» Ich musste jedes Mal lachen und bat ihn, es noch einmal zu machen. Er tat es geduldig. Immer wieder. Meine Mutter schüttelte den Kopf und meinte, nun sei es aber genug. Doch mein Vater liess sich nicht beirren. Mit diesem eigenartigen Klang kehrte er jedes Mal in seine Kindheit zurück.
«Wenn der Scherenschleifer in die Hintere Gasse kam», erzählte er, «dann standen wir Buben schon bereit.» In der Hinteren Gasse in Oberdorf lebten damals mehrere Kleinbauern. Sie hielten ein paar Kühe und Schweine, bauten etwas Getreide, Kartoffeln und Gemüse an. Von der Landwirtschaft allein konnte jedoch kaum eine Familie leben. Tagsüber arbeiteten die Männer in den Uhrenfabriken des Waldenburgertals. Erst nach Feierabend warteten Stall, Feld und Wiesen auf sie.
Gerade deshalb wurde jedes Werkzeug sorgfältig gepflegt. Ein stumpfes Küchenmesser erschwerte die Arbeit ebenso wie eine schlecht schneidende Sichel, ein Rebmesser oder eine Schere. Neue Werkzeuge kaufte man nur, wenn sie sich wirklich nicht mehr instand setzen liessen.
Kam der Scherenschleifer ins Dorf, war das deshalb nicht nur für die Kinder ein kleines Ereignis. Die Bauern wussten, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, ihre Werkzeuge wieder scharf machen zu lassen. Auch in den Haushalten warteten Messer und Scheren auf den Scherenschleifer.
Eine Werkstatt auf zwei Rädern
Der Scherenschleifer zog seinen Karren auf einen freien Platz und begann mit ruhigen, geübten Handgriffen seine mobile Werkstatt aufzubauen. Für meinen Vater war diese Maschine ein kleines Wunderwerk. Das grosse Rad diente gleichzeitig als Transportrad und als Antrieb. Mit dem Fuss setzte der Schleifer es in Bewegung. Ein breiter Lederriemen übertrug die Kraft auf den Schleifstein.
Über dem Stein hing ein verbeultes Blechkännchen. Daraus floss Wasser auf den rotierenden Stein. Das Wasser kühlte die Schneide und verhinderte, dass der Stahl beim Schleifen seine Härte verlor.
War alles vorbereitet, befestigte der Scherenschleifer seinen grossen Regenschirm am Schleifkarren. Er schützte ihn vor der Sonne und manchmal auch vor einem kurzen Regenschauer. Oft arbeitete der Schleifer den ganzen Tag am gleichen Platz. Messer und Scheren gingen unablässig durch seine Hände.
Die Dorfkinder standen in respektvollem Abstand daneben und beobachteten aufmerksam jeden Handgriff. Niemand wollte den Mann bei seiner Arbeit stören. Besonders beeindruckte die ruhige Art, mit der der Schleifer arbeitete. Kein Griff wirkte hastig. Jeder sass.
Der Scherenschleifer nahm das erste Messer in die Hand, prüfte die Schneide mit geübtem Blick und legte die Klinge in einem ganz bestimmten Winkel an den nassen Schleifstein. Nun begann die eigentliche Kunst seines Handwerks.
Mit ruhiger Hand führte er die Klinge über den rotierenden Stein. Nie blieb sie lange an derselben Stelle. Der richtige Winkel entschied über einen sauberen Schliff. War er zu steil oder zu flach, wurde das Messer nicht richtig scharf. Ein guter Scherenschleifer arbeitete nicht nach Augenmass allein. Mit geübter Hand erkannte er, ob die Schneide bereits den richtigen Schliff hatte oder nochmals über den Stein geführt werden musste. Nach jedem Schleifgang prüfte er das Ergebnis gegen das Licht. Zeigte sich irgendwo noch ein feiner Grat, begann die Arbeit von Neuem.
Bei Scheren war das Schleifen noch anspruchsvoller. Beide Schneiden mussten exakt aufeinander abgestimmt sein. Schliesslich ölte der Schleifer das Gelenk. Erst wenn sie wieder leichtgängig lief und sauber schnitt, war die Arbeit beendet.
Während der Scherenschleifer arbeitete, kamen immer mehr Dorfbewohner mit ihren Werkzeugen. Küchenmesser, Scheren, Sicheln, Rebmesser oder Beile – fast alles liess sich wieder instand setzen.
Scharfe Werkzeuge waren unverzichtbar. Deshalb pflegte man, was man besass. Ein gutes Messer oder eine Schere begleitete ihren Besitzer oft viele Jahre. Wegwerfen kam kaum infrage. Was sich reparieren liess, wurde repariert. Die Dorfkinder hielten sich stundenlang beim Schleifkarren auf. Manchmal durften sie das Wasserkännchen nachfüllen oder frisch geschliffene Messer zu ihren Besitzern zurückbringen. Darauf waren sie besonders stolz.
Wenn die Arbeit gegen Abend beendet war, löste der Scherenschleifer den Lederriemen, klappte seine Schleifvorrichtung zusammen und verwandelte sie wieder in einen einfachen Handkarren. Dann zog er weiter.
Ein Handwerk lebt weiter
Mit der Zeit wurden die fahrenden Scherenschleifer in den Dörfern immer seltener. Industriell gefertigte Messer und Scheren waren günstig zu kaufen, und vieles wurde ersetzt, statt nachgeschliffen. Was früher selbstverständlich gepflegt und instand gesetzt wurde, landete nun oft im Abfall.
Ganz verschwunden ist das alte Wanderhandwerk jedoch nicht. Noch heute ziehen vereinzelt Scherenschleifer mit ihren mobilen Werkstätten durchs Land. Sie erinnern daran, dass ein gutes Werkzeug oft nur einen neuen Schliff braucht – und bewahren damit eine jahrhundertealte Handwerkstradition.
In unserer Rubrik «Von Hand gemacht» erinnert Autor Hanspeter Gautschin an (fast) verschwundene Handwerke im Oberbaselbiet. Die Serie wird fortgesetzt.

