Der Rechenmeister mit Sinn für Poesie
20.10.2026 BaselbietDr. h.c. Justus Stöcklin – der Vater des roten Rechnungsbüchleins
Fast jedes Schulkind kannte das rote Rechnungsbüchlein – doch kaum jemand weiss heute noch, wer dahinterstand. Justus Stöcklin war Primarlehrer, Lehrmittelautor und Literat. In Liestal ...
Dr. h.c. Justus Stöcklin – der Vater des roten Rechnungsbüchleins
Fast jedes Schulkind kannte das rote Rechnungsbüchlein – doch kaum jemand weiss heute noch, wer dahinterstand. Justus Stöcklin war Primarlehrer, Lehrmittelautor und Literat. In Liestal prägte er das Schulwesen, mit seinem Rechnungsbüchlein wurde er über das Baselbiet hinaus bekannt.
Hanspeter Gautschin
Geboren wurde Justus Stöcklin 1860 in Ettingen. Nach seiner Ausbildung am Seminar Kreuzlingen kam er 1884 als Primarlehrer nach Liestal. Dort wirkte er bis zu seiner Pensionierung. Doch er war nie «nur» ein Schulmeister im engen Sinn: Stöcklin dachte über Unterricht nach, entwickelte eigene Lehrmittel und mischte sich in schulische Fragen mit Nachdruck ein. Er war ein Mann mit Arbeitskraft, Ehrgeiz und klaren Vorstellungen.
Seinen festen Platz in der Schweizer Bildungsgeschichte verdankt er dem roten Rechnungsbüchlein. 1887 erschienen die ersten Hefte. Was als Unterrichtsmaterial für die eigene Praxis begann, wurde zu einem eigentlichen Erfolgsmodell. Stöcklin wollte das Rechnen lebensnah vermitteln. Kinder sollten nicht einfach Aufgaben mechanisch lösen, sondern Zusammenhänge verstehen und das Denken üben. Damit traf er einen Nerv: Seine Bücher verbreiteten sich weit über das Baselbiet hinaus und wurden in mehreren Kantonen eingeführt. Um 1912 lernten in der Deutschschweiz Tausende Kinder mit seinen Heften rechnen.
Der Erfolg des Rechnungsbüchleins machte Stöcklin bekannt, aber er erfasst nur einen Teil seiner Persönlichkeit. Er verfasste auch andere Lehrmittel, wirkte bei Rekrutenprüfungen mit und beschäftigte sich mit allgemeinen Schulfragen. Zeitgenossen beschrieben ihn als klug, arbeitsam und streitbar. Er war keiner, der sich still in den Hintergrund stellte. Wenn Stöcklin von einer Sache überzeugt war, vertrat er sie entschieden. Gerade solche Köpfe prägen ihre Zeit oft nachhaltiger als die bequemen.
«Poetennest»
Fast noch überraschender ist seine Nähe zur Literatur. 1922 veröffentlichte er das Buch «Poetennest», in dem er Liestal und mehreren Dichtern und Schriftstellern ein Denkmal setzte. Hier zeigte sich eine andere Seite des Schulmanns: der literarisch wache Beobachter mit Sinn für Landschaft, Geschichte und kulturelle Zusammenhänge. Das macht Justus Stöcklin bis heute bemerkenswert. Er lebte in der Welt der Zahlen, hatte aber auch ein offenes Ohr für Sprache und Poesie.
Diese ungewöhnliche Verbindung von Rechenmeister und Literat macht seine Gestalt besonders. Hier der methodische Pädagoge, der Ordnung und Klarheit suchte, dort der Bildungsbürger mit Liebe zu Dichtern und geistigem Leben. Stöcklin war mehr als der Verfasser eines erfolgreichen Schulbuchs. Er war ein Schulmann mit Format und ein Kulturmensch mit eigener Handschrift.
1937 verlieh ihm die Universität Zürich die Ehrendoktorwürde. Für einen Primarlehrer aus dem Baselbiet war das eine aussergewöhnliche Auszeichnung. Sie zeigt, welche Bedeutung man seinem Wirken damals beimass. Stöcklin hatte das Schulwesen nicht nur in Liestal, sondern weit darüber hinaus geprägt.
Als Justus Stöcklin 1943 starb, war sein Name noch weithin bekannt. Heute ist er fast ganz aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden. Geblieben ist das rote Rechnungsbüchlein als ferne Erinnerung an viele Schulstuben. Doch hinter diesem schlichten Lehrmittel stand ein aussergewöhnlicher Baselbieter: ein Lehrer mit Einfluss, ein streitbarer Kopf und ein Mann, der Zahlen und Poesie zusammenzubringen wusste. Gerade deshalb gehört Justus Stöcklin in die Reihe «Fast vergessen».
Künstler, Dichter, Macher und Visionäre
vs. In unserer Serie stellt Hanspeter Gautschin Menschen aus dem Oberbaselbiet vor, die einst prägend wirkten, heute aber fast vergessen sind. Es sind Künstlerinnen, Dichter, engagierte Macherinnen, stille Visionäre – ebenso wie Unternehmer, Tüftler und Gestalter der Industriewelt, die mit Innovationsgeist und Tatkraft die Entwicklung unserer Region vorantrieben. Persönlichkeiten, die das kulturelle, soziale, geistige oder wirtschaftliche Leben des Oberbaselbiets nachhaltig geprägt haben. Mit erzählerischem Gespür und einem feinen Blick für das Wesentliche lässt Gautschin diese Lebensgeschichten wieder aufleuchten – als Erinnerung, Inspiration und als Beitrag zur regionalen Identität.
Hanspeter Gautschin (1956) lebt in Oberdorf und blickt auf eine facettenreiche Laufbahn im Kulturbereich zurück. Als ehemaliger Impresario, Kulturförderer und Museumsleiter erzählt er mit Vorliebe Geschichten über Menschen, Kultur und das Leben im Alltag.

