Der Postillon und das rostige Stachelschwein
24.04.2026 PersönlichWaren es nicht wunderbare Zeiten, als der Gotthardpass noch mit Postkutschen befahren wurde? Rudolf Kollers Bild mit einem dieser besagten Gespanne hing in manch einheimischer Stube neben dem «Guggerzytli». Dass es kein Original war, tat der Bebilderung keinen Abbruch. «Wie ...
Waren es nicht wunderbare Zeiten, als der Gotthardpass noch mit Postkutschen befahren wurde? Rudolf Kollers Bild mit einem dieser besagten Gespanne hing in manch einheimischer Stube neben dem «Guggerzytli». Dass es kein Original war, tat der Bebilderung keinen Abbruch. «Wie prächtig wand sich die Tremola im güldenen Licht der untergehenden Sonne den hehren Alpengipfeln entgegen.» Natürlich ist dieser Satz vollkommen unsinnig. Genauso wie die Aussage, dass die Schweiz in jenen Zeiten kaum Einwohner hatte und sich auf dem Vierwaldstättersee Dampfboote kreuzten.
Etwas später tauchten in den Dancings (so etwas gab es früher wirklich) Postillond’Amour-Tische auf. Auf jedem der winzigen Tischlein stand ein Telefon. Damit konnte man die schöne Frau am Tisch 37 (die Tische waren angeschrieben) zum Tanz auffordern. Oder derselben einen schmutzigen Witz erzählen.
Die Post war nicht nur Namensgeberin dieser unsäglichen Telefone. Sie war auch Besitzerin der Postautos. Diese waren immer Aushängeschilder und Markenzeichen für Zuverlässigkeit. Gegenüber der unpünktlich werdenden Post haben die Postautos bis in jüngster Vergangenheit ihre Zuverlässigkeit behalten. Bis zum letzten Fahrplanwechsel.
Der Bus 105 der BLT fährt im Auftrag der Post ab Sissach Allmend um 16.52 Uhr. Nach 4 Minuten hält er theoretisch am Bahnhof Sissach. Es wäre somit 16.56 Uhr. Der Schnellzug nach Basel wird um 16.57 Uhr abfahren, die S3 um 17.02 Uhr. Der Vorgang wiederholt sich alle 30 Minuten.
In Tat und Wahrheit wurde der neue Fahrplan wohl unter dem Hintern eines Schreibtischtäters ausgebrütet. Der Bus wird es kaum je in der vorgegebenen Zeit schaffen. Zuerst muss er in Sissachs Westen zwei Kreisel durchfahren. Auf seiner weiteren Fahrt bis zur Allmend und weiter zum Bahnhof werden Baustellen und sture Autofahrer die Durchfahrt des Busses erschweren und manchmal auch blockieren. Der Bus wird also erst etwa um 17.00 Uhr am Bahnhof eintreffen. Genau eine halbe Stunde später erlebt man das gleiche Debakel.
Der Schnellzug ist pünktlich abgefahren. Die S3 ist soeben eingefahren und wartet auf Gleis 3. Sie wird um 17.02 Uhr Richtung Basel weiterfahren. Sie haben also, je nach Ankunft des Busses, 2 bis 4 Minuten Zeit bis zum Einsteigen in den Zug. Der Planer dieses Fahrplans war wohl noch nie in Sissach. Sonst hätte er gewusst, dass man zuerst eine Unterführung passieren muss und anschliessend eine Treppe zu überwinden ist. Mit einem weltmeisterlichen Spurt wird man es vielleicht schaffen. Nicht jedoch, wenn man Senior ist oder sich im Ersatzteillager von Liestal bereits eine neue Hüfte abgeholt hat.
Die Zeitungen sind voll von angeblichen Nachteilen der Jungen – und Vorteilen der Alten. Letztere werden jetzt wohl alle laut auflachen – ein perfektes Thema für jeden Schnitzelbank! Die BLT erhält von mir für diesen fahrplantechnischen Unsinn ein verrostetes Stachelschwein aus Plastik. Sie kann diesen Preis gerne an die Postauto AG weiterleiten.
Der Autor, Kolumnist Hanspeter Gsell, lebt seit mehr als 40 Jahren in Sissach.

