Der Moment, in dem alles stimmt
06.10.2026 BaselbietWann waren Sie das letzte Mal so richtig glücklich? Damit meine ich nicht die solide Basis: Die Schweiz ist sicher, die AHV halbwegs planbar, das Dach über dem Kopf dicht. Die Beziehung funktioniert, die Kinder sind gesund, man versteht sich mit den Nachbarn. Das sind alles sehr gute ...
Wann waren Sie das letzte Mal so richtig glücklich? Damit meine ich nicht die solide Basis: Die Schweiz ist sicher, die AHV halbwegs planbar, das Dach über dem Kopf dicht. Die Beziehung funktioniert, die Kinder sind gesund, man versteht sich mit den Nachbarn. Das sind alles sehr gute Gründe, glücklich zu sein.
Ich meine eine ganz andere Liga von Glück. Eine, die man nicht planen kann. Die Forschung nennt es hochgestochen «Gipfelerlebnis». Im Osten gibt es dafür das viel schönere Wort «Satori», das seltene Höchstglück. Es beschreibt einen Moment der plötzlichen, vollkommenen Klarheit. Keinen lauten Dopamin-Rausch, sondern ein tiefes Aufwachen im Hier und Jetzt. Die Momente, in denen dir das Leben den Teppich unter den Füssen wegzieht – im besten Sinne. Vier- bis fünfmal hatte ich dieses Satori bisher. Ich rede nicht vom Alltags-Flow beim Einparkieren, sondern von einer absoluten geistigen Freiheit, die sich tief in die Seele brennt.
Zweimal ist es mir beim Bergwandern passiert. Wenn man sich hocharbeitet, die Waden brennen und stur denkt: Immer weiter nach oben, kein Umkehren. Und dann stehst du oben, und dieses Panorama raubt dir fast den Atem. Eine Aussicht bis weit hinter den Horizont, die dich riesengross und gleichzeitig winzig klein vor Ehrfurcht und Staunen werden lässt. Beim zweiten Berg kam der Moment beim Abstieg, als das Abendrot über den Gipfeln zu brennen anfing. Da waren nur noch absoluter Frieden, Freude und leises Glück.
Das dritte Mal war beim Tai-Chi mit vier Kolleginnen. Eine knifflige Übung. Und plötzlich war da diese gemeinsame Schwingung im Raum. Alles floss wie von selbst, völlig schwerelos, als ob die Luft uns tragen würde, und doch waren wir total fokussiert. Und das vierte Mal? Diesen August. Im Auto der italienischen Uferstrasse am Lago Maggiore entlang Richtung Gotthardpass. Kein Stau, kein Stress, das Wasser ein einziges Glitzermeer, die Kulisse zieht unbeschreiblich leicht vorbei. Ich war vollkommen wach, friedlich und eins mit dem Moment. Dieses Gefühl hat mich unbeschwert bis nach Hause getragen.
Wenn ich das jemandem erzähle, nicken viele schnell und sagen, sie kennen das auch und erleben es häufig. Aber wer behauptet, dieses vollkommene Höchstglück ständig zu erleben, verwechselt das Satori mit der normalen Zufriedenheit oder dem Glücksgefühl, das man erlebt, wenn sich etwas richtig gut anfühlt und wunschgemäss funktioniert.
Ich habe versucht, das Ganze zu wiederholen, und bin dafür extra erwartungsfrei auf den nächsten Berg gestiegen. Aber so funktioniert das nicht. Dieses Höchstglück lässt sich nicht jagen wie ein Schnäppchen im Ausverkauf. Aber wissen Sie was? Das macht nichts. Ich bin einfach nur unendlich dankbar, dass ich diese Geschenke erleben durfte. Sie hängen wie kostbare, unverkäufliche Gemälde in meiner inneren Galerie, geschützt vor dem Alltagslärm. Und wenn es im Leben einmal wieder drunter und drüber geht, gehe ich in meine Galerie und geniesse die Aussicht. Bis weit hinter den Horizont.
