Der Mann am schwarzen Meiler
15.10.2026 BaselbietWie Köhler in den steilen Waldhängen Holz zu Holzkohle verwandelten
In den Wäldern bei Lauwil gewannen Köhler einst Holzkohle in rauchenden Meilern. Flurnamen wie «Cholereren» und «Kohledobel» erinnern bis heute an dieses traditionelle Handwerk.
...Wie Köhler in den steilen Waldhängen Holz zu Holzkohle verwandelten
In den Wäldern bei Lauwil gewannen Köhler einst Holzkohle in rauchenden Meilern. Flurnamen wie «Cholereren» und «Kohledobel» erinnern bis heute an dieses traditionelle Handwerk.
Hanspeter Gautschin
Wenn die Kinder von Lauwil früher im Wald spielten, wussten sie meist genau, wo der Köhler arbeitete. Sie brauchten nur dem Rauch zu folgen, der zwischen Buchen und Tannen emporstieg. An manchen Tagen lag sein Geruch über den bewaldeten Jurahängen oberhalb des Dorfes – vom Bogental bis gegen den Vogelberg und die Wasserfallen.
Die Kinder besuchten den Köhler gerne. Ganz geheuer war er ihnen allerdings nicht. Sein Gesicht war vom Russ geschwärzt, ebenso seine Hände und Kleider. Wenn er zwischen den Bäumen hervortrat, sah er aus wie eine Gestalt aus einer alten Sage. Meist beobachteten ihn die Kinder zuerst aus sicherer Entfernung. Der Köhler wusste längst, dass sie da waren. Er liess sie gewähren, solange sie Abstand zum Meiler hielten.
Ein Hügel aus Holz
Bei jedem Besuch sah der Platz anders aus. Anfangs stand dort nur ein hoher Pfahl. Rundherum hatte der Köhler die ersten Scheite aufgestellt. Einige Tage später war daraus ein mächtiger Holzstoss geworden. Scheit um Scheit stand dicht aneinander gereiht. Über der ersten Lage folgte eine zweite, dann eine dritte. So wuchs ein breiter, oben abgeflachter Kegel heran.
Das Holz war während des Winters gefällt, zersägt und gespalten worden. Jedes Scheit musste richtig stehen. Grössere Zwischenräume hätten später zu viel Luft in den Meiler gelassen.
Beim nächsten Besuch erkannten die Kinder den Holzstoss kaum wieder. Der Köhler hatte ihn mit Tannenreisig und feinen Ästen bedeckt. Darüber verteilte er die «Löschi», eine feuchte Mischung aus Erde, Asche und Kohlenstaub. Mit der Schaufel klopfte er diese schwarze Haut fest. Sie sollte verhindern, dass zu viel Sauerstoff ins Innere gelangte.
Nachdem der Pfahl in der Mitte herausgezogen worden war, blieb ein Schacht zurück. Durch ihn setzte der Köhler den Meiler mit glühender Holzkohle und trockenem Kleinholz in Brand. Nun begann die gefährlichste Zeit seiner Arbeit.
Wenn der Meiler atmete
Aus kleinen Öffnungen stiegen Rauchfäden. Manchmal waren sie weiss, dann gelblich und später bläulich. Im Innern knackte und rumorte es. Der Meiler schien zu atmen. Im Meiler glühte das Holz, obwohl nirgends offene Flammen zu sehen waren. Es musste langsam verkohlen und durfte dabei nicht zu Asche verbrennen.
Zehn Tage, manchmal zwei Wochen, musste der Köhler den Meiler bewachen. In einer einfachen Hütte neben dem Kohlplatz ruhte er nur wenige Stunden. Bei Tag und Nacht prüfte er die Rauchlöcher, besserte Risse aus und regelte die Luftzufuhr. Drang zu viel Sauerstoff ein, konnte das Holz Feuer fangen. Bekam die Glut zu wenig Luft, erlosch sie.
An der Farbe des Rauches erkannte er, wie weit die Verkohlung fortgeschritten war. Dichter, gelblicher Rauch zeigte an, dass im Holz noch Wasser verdampfte. Wurde er dünn und bläulich, war die Kohle an dieser Stelle bald fertig. Dann verschloss der Köhler das Loch und stach weiter unten ein neues.
Eines Nachmittags bildete sich an der Seite des Meilers ein schmaler Riss. Zuerst war nur ein roter Schimmer zu sehen. Dann züngelte eine Flamme aus der schwarzen Decke. Die Kinder sprangen auf und wichen zwischen die Bäume zurück.
Der Köhler griff nach seiner Schaufel, warf feuchte Löschi auf die Stelle und klopfte den Mantel fest. Nach wenigen Augenblicken war die Flamme erstickt. Nun begriffen die Kinder, weshalb der russgeschwärzte Mann seinen Meiler kaum allein liess. Ein einziger Riss konnte die Arbeit vieler Wochen vernichten.
Das schwarze Gut
Nach mehreren Tagen wurden die Rauchfäden dünner. Schliesslich verschloss der Köhler die letzten Öffnungen und liess den Meiler auskühlen. Erst danach brach er die schwarze Decke auf.
Unter Erde, Asche und Kohlenstaub kamen die verkohlten Holzstücke zum Vorschein. Sie hatten ihre Form und Maserung bewahrt, waren jedoch erstaunlich leicht geworden. Die grossen Stücke wurden in Säcke gefüllt. Glimmende Kohlen löschte der Köhler mit Wasser oder erstickte sie unter feuchter Erde. Nun durften die Kinder näherkommen. Der Köhler legte jedem ein Stück Holzkohle in die Hand. Ein Knabe zerbrach seines und hörte ein helles, fast metallisches Klirren. Bald trugen auch die Gesichter der Kinder schwarze Spuren. Auf dem Heimweg sahen sie aus wie kleine Köhler.
Holzkohle war ein wertvolles Gut. Sie wog viel weniger als das Holz, aus dem sie gewonnen wurde, und liess sich leichter aus den steilen Wäldern tragen. Im Feuer erzeugte sie eine starke, gleichmässige Hitze bei wenig Rauch. Vor allem Schmiede und metallverarbeitende Gewerbe waren auf sie angewiesen.
Was die Namen bewahren
Mit besseren Waldwegen verlor die Köhlerei an Bedeutung. Holz konnte nun einfacher abtransportiert werden. Steinkohle, Koks, Gas und Elektrizität verdrängten die Holzkohle aus den Werkstätten. Nach und nach erloschen die Meiler im Oberbaselbiet.
In Lauwil erinnern noch heute Namen wie «Cholereren» und «Kohledobel» an jene Zeit. Der Rauch ist längst verschwunden. Geblieben sind die Flurnamen – und die Erinnerung an den Mann am schwarzen Meiler, der den Kindern unheimlich vorkam und sie doch immer wieder in den Wald lockte. Auch heute werden in der Schweiz hie und da noch Meiler betrieben. Besonders im Entlebuch wird Holzkohle weiterhin nach alter Art hergestellt.
In unserer Rubrik «Von Hand gemacht» erinnert Autor Hanspeter Gautschin an (fast) verschwundene Handwerke im Oberbaselbiet. Die Serie wird fortgesetzt.

