Der malende Wanderer
05.03.2026 Porträt, BaselbietAlbert Schweizer (1885–1948) und sein Blick auf den Jura
Ein Bärenwiler, dem das Bauernleben zu schwer war, fand spät zur Malerei – und hielt dem Baselbieter Jura bis zuletzt die Treue. Noch heute hängen seine Bilder in privaten Stuben der Nordwestschweiz.
...Albert Schweizer (1885–1948) und sein Blick auf den Jura
Ein Bärenwiler, dem das Bauernleben zu schwer war, fand spät zur Malerei – und hielt dem Baselbieter Jura bis zuletzt die Treue. Noch heute hängen seine Bilder in privaten Stuben der Nordwestschweiz.
Hanspeter Gautschin
Als Kind einer Bauersfamilie kam Albert Schweizer am 19. März 1885 im abgelegenen Bärenwil zur Welt, auf der Wasserscheide zwischen Hägendorf und Langenbruck. Matten, Wälder, Wetterwechsel: Für einen stillen Beobachter war das ein Reichtum. Für die harte Feldarbeit fehlten ihm Kraft und Gesundheit. Schweizer blieb ein empfindliches Kind, mehr mit Blick und Ohr unterwegs als mit der Heugabel.
Sein Wissenshunger trug ihn hinaus. In Waldenburg besuchte er die Bezirksschule, später die Realschule in Basel. Er dachte an ein Studium, zuerst an Tiermedizin, dann an Altfranzösisch und Kunstgeschichte. Doch Krankheiten warfen ihn wiederholt zurück. Aus dem geplanten Akademiker wurde ein Heimkehrer, der nach einer eigenen Form suchte.
Erst 1912 begann Schweizer zu malen, ohne akademische Ausbildung. Er eignete sich Technik und Bildaufbau im Selbststudium an, draussen im Gelände, mit dem Jura als Lehrmeister. 1914 zeigte die Kunsthalle Basel sechs seiner Landschaften, 1916 nahm ihn der Kunstverein Olten auf. Es waren frühe Zeichen, dass hier einer mehr suchte als «hübsche Ansichten».
Schweizer schrieb, er habe sich bewusst von der strengen Formensprache alter Schulen gelöst. Vorrang sollten Stimmung, Licht und Eindruck haben. Darin liegt die Kraft seiner Bilder: im warmen Braun frisch gepflügter Äcker, im jungen Grün der Vorfrühlingshänge, im violetten Dunst der Herbsttage. «Der Jura ist die Landschaft der Licht- und Luftstimmungen …», hielt er fest – und meinte die feinen Übergänge, das Dämmerige, das plötzliche Klarwerden.
Er arbeitete meist in Öl, oft direkt im Freien. Er bevorzugte körnige Leinwand, die den pastosen Farbauftrag trug. Sein Pinselstrich wirkt locker, stellenweise fast impressionistisch. Schweizer war kein Flaneur. Er ging zu Fuss, suchte Bachläufe, Höhenzüge, Dörfer wie Liedertswil, Hänge bei Langenbruck. Die Szenen sind still, tragen aber Wetter und Jahreszeit in sich.
Trotz körperlicher Einschränkungen reiste er: Paris, Florenz, Rom, die Toskana. In Museen holte er sich Anregung, kehrte jedoch immer wieder ins Baselbiet zurück. Rom nannte er die «Stadt der tausend Gesichter», seine eigentlichen Motive fand er an den Rändern, dort, wo das Vertraute geheimnisvoll bleibt.
Hoffnung und Melancholie
Immer wieder malte er den Herbst. Ihn reizten die gedämpften Töne, das Licht zwischen Hoffnung und Melancholie. In einem Brief steht: «Es ist der Ton zwischen den Tönen, der mich reizt.» Er las Schopenhauer, verehrte Hermann Hesse, besonders «Klingsors letzter Sommer».
Berühmt wurde Albert Schweizer nie, doch er war präsent: Ausstellungen in Olten, Solothurn, Liestal, Balsthal und Basel, Verkäufe an Private, Werke in öffentlichem Besitz, etwa im Martin-Disteli-Museum Olten (heute: Kunstmuseum Olten) und beim Kanton Baselland. Schweizer starb im Juli 1948 nach langer Krankheit.
Heute hängen seine Bilder oft in privaten Stuben der Nordwestschweiz, tauchen in Nachlässen oder auf Kunstmärkten auf. Wer innehält, erkennt darin wenig Effekthascherei, dafür Hingabe: ein Maler, der Landschaft als Seelenraum verstand – und dem Baselbieter Licht eine stille Form gab.
Künstler, Dichter, Macher und Visionäre
vs. In unserer Serie stellt Hanspeter Gautschin Menschen aus dem Oberbaselbiet vor, die einst prägend wirkten, heute aber fast vergessen sind. Es sind Künstlerinnen, Dichter, engagierte Macherinnen, stille Visionäre – ebenso wie Unternehmer, Tüftler und Gestalter der Industriewelt, die mit Innovationsgeist und Tatkraft die Entwicklung unserer Region vorantrieben. Persönlichkeiten, die das kulturelle, soziale, geistige oder wirtschaftliche Leben des Oberbaselbiets nachhaltig geprägt haben. Mit erzählerischem Gespür und einem feinen Blick für das Wesentliche lässt Gautschin diese Lebensgeschichten wieder aufleuchten – als Erinnerung, Inspiration und als Beitrag zur regionalen Identität.
Hanspeter Gautschin (1956) lebt in Oberdorf und blickt auf eine facettenreiche Laufbahn im Kulturbereich zurück. Als ehemaliger Impresario, Kulturförderer und Museumsleiter erzählt er mit Vorliebe Geschichten über Menschen, Kultur und das Leben im Alltag.

