Der heisse Sommer 1947
20.08.2026 BaselbietMit meinem Jahrgang 1937 kann ich mich noch ganz gut an den Hitzesommer 1947 erinnern, der bis Mitte September andauerte. Es war zwei Jahre nach Kriegsende, und der Friedenswille trieb alle zu Höchstleistungen mit einem Zwölf-Stunden-Tag an.
Diese Dürrezeit mit ...
Mit meinem Jahrgang 1937 kann ich mich noch ganz gut an den Hitzesommer 1947 erinnern, der bis Mitte September andauerte. Es war zwei Jahre nach Kriegsende, und der Friedenswille trieb alle zu Höchstleistungen mit einem Zwölf-Stunden-Tag an.
Diese Dürrezeit mit Hochtemperaturen, wie wir sie nun ähnlich im heutigen Jahr 2026 erleben, war aber schwieriger. Viele meist kleinere Bauernbetriebe hatten keinen Traktor und arbeiteten noch mit den Pferden. Die Futtermittel waren sehr begrenzt, und viele Kühe mussten zum Metzger.
Die meisten Familien und Bürger verfügten über ein «Pflanzplätzli» und waren im Normalfall grösstenteils Selbstversorger, was aber nun beim Wassermangel ebenso zu Notfällen führte. Kartoffeln, Salate, Rüben, Erbsen, Zwiebeln und Rhabarber und vielleicht noch einen Apfelbaum sah man fast bei jedem Wohnhaus – jedenfalls da, wo Platz war neben Hühnern und Kaninchen. 1 Kilogramm Brot kostete 42 Rappen, ein Wohnhaus etwa 30 000 bis 60 000 Franken. Der Stundenlohn eines ausgebildeten Arbeiters betrug etwa 2.30 Franken bei einer Sechs-Tage-Woche.
Das Wort Ferien existierte, aber niemand ausser einigen «Reichen» hatte Geld dafür. Und so spannte man die Jungen in den Landdienst ein oder sandte sie oft auch zu einem Bauern im Welschland. Mein Vater sagte: «Ihr müsst wissen, wo das Brot herkommt.» So war ich einige Jahre lang in den Ferien jeweils bei einem Bauern in Maisprach.
Als mein Vater mit einer schlimmen Viruserkrankung in einem Basler Spital lag, war meine Mutter mit vier Kindern «Tätschmeisterin» in unserem Spengler-Sanitär- und Heizungsbetrieb in Neu-Arlesheim. So kam am Abend der weibliche Befehl: «Urs, du gehst mit unseren Spenglern zum Grossgaragen-Neubau ‹Agence americaine› im Dreispitz. Nimm das Velo und sorge dafür, dass alle Mitarbeiter stets genug trinken.» Und das als 9,5 Jahre alter Junge. Sie gab mir Geld und Esswaren mit. Die «Eptinger»-Flaschen schleppte ich nun einhändig jeweils Sprosse für Sprosse der senkrechten Holzleiter auf das neue Aluminiumdach hoch. Den Nachschub holte ich im Restaurant «Dreispitz», wo sich auch eine Tramhaltestelle der damaligen «BEB» befand. Hier hielten die offenen Sommerwagen mit Vorhängen an, was Kinder sehr liebten.
Was mir nie aus dem Kopf ging, war, wie unsere Alu-Schweisser enorm schwitzten und manchmal auch fürchterlich fluchten. Denn unter ihrer blauen Spezial-Schweisserbrille tropfte der Hitzeschweiss nur so munter hinunter. Das zu bearbeitende Aluminiumblech hat neben seiner Eigenwärme eine grosse Rückstrahlkraft, und so war alles eine unvorstellbare Hitze-Tortur.
Es erstaunt den Kenner deswegen nicht, dass die Bauspengler ihr ganzes Handwerkzeug wie Blechscheren, Falzzangen und Eisenhämmer in einem Wasserbecken lagerten, um keine Blasen an den Händen zu bekommen – was im Normalfall eine «Todsünde» wäre. Heute müsste man solche Arbeiten sicher einstellen, aber das war damals eine viel härtere Zeit für alle.
Diese mutigen und fleissigen Mitarbeiter, die trotz dieser Strapazen durchhielten, gewannen meine grosse Sympathie und meinen herzlichsten Dank. Als mein Vater wieder gesund im Geschäft war, hat er den Beteiligten als Anerkennung ihrer grossartigen Leistung gedankt und sie zu einer Pässefahrt über den neuen Sustenpass und zu einem guten Mittagessen eingeladen.
Dies geschah in einem neuen grossen dunkelblauen «Amiwagen» Marke Chevrolet aus den damaligen Bieler-GM-Montagewerken. Welche Sensation im Freundeskreis! Diesen Kauf musste mein Vater als Gegengeschäft für den oben beschriebenen Spengler-Grossauftrag im Dreispitz tätigen. Er hatte danach oft ein schlechtes Gewissen, dass er als bescheidener Handwerksmeister ein solch grosses Auto fuhr!
Urs Herrli, Wenslingen
