Der grüne Rausch
01.10.2026 BaselbietPraktisch über Nacht hat der grüne Rausch die Scheinbuchen erfasst. Allenthalben spriesst’s und blüht’s, selbst die Erbsen, die der Chnöpperli vor zwei Wochen grosszügig in der Erde verteilt hat, strecken schon ihre Köpfe aus dem Boden. Offenbar hat der ...
Praktisch über Nacht hat der grüne Rausch die Scheinbuchen erfasst. Allenthalben spriesst’s und blüht’s, selbst die Erbsen, die der Chnöpperli vor zwei Wochen grosszügig in der Erde verteilt hat, strecken schon ihre Köpfe aus dem Boden. Offenbar hat der Rausch auch die Tiere angesteckt: Hühner und Enten brüten, die Kühe sehen aus, als würden sie gleich platzen.
Wie immer, wenn ich ausnahmsweise einmal die alleinige Hüterin von Haus und Hof bin, läuft alles aus dem Ruder. Der Rest der Familie ist zum nationalfeiertäglichen Schaf auf dem Grill bei Danilo eingeladen. Bei der abendlichen Fütterungsrunde stelle ich fest, dass die Pferde ausgebüxt sind. Der junge Hengst probiert offenbar seine Kraft aus, hat versucht, das Tor zu überspringen und es dabei umgerissen. Die Mama ist ihrem Sohn hinterher. Mit frischem Heu und gutem Zureden kann ich die beiden schliesslich auf die Nachbarweide locken.
Dann sind die Kühe an der Reihe. Alle sind da, nur Frau Moser (sie hat ihren Namen vom Schweizer Stabhochsprungwunder, weil auch sie die höchsten Zäune überwindet) fehlt. Ich steige ein Stück den Berg hoch, bis mir ein frisch geborenes Kalb entgegenpurzelt. Ausgerechnet im steilsten Hang, mitten im Brombeergestrüpp, hat sie es eben erst zur Welt gebracht. Ich zerbreche mir noch den Kopf, wie ich das Kleine aus seiner ungemütlichen Lage befreien kann, als Johnny und Yvonne früher als erwartet den Weg hochkommen. Er habe da so etwas geahnt, meint mein Sohn, nimmt das Kalb kurzerhand auf den Arm und trägt es auf die untere flache Weide. Yvonne, Chnöpperli und ich treiben den Rest der Herde hinterher. So können die übrigen Kühe, die ebenfalls bald so weit sind, ihre Kälber auf ungefährlicherem Terrain gebären.
Wir haben uns in den ersten warmen und sonnigen Tagen des Frühlings sofort wieder aufs Draussenleben eingestellt. Ich habe mich ausgiebig meiner Lieblingsbeschäftigung hingegeben: Hacken und Jäten, Jäten und Hacken. Dabei habe ich tatkräftige Hilfe von meinem Enkel. Auch er hackt und schaufelt mit Hingabe. Nur nicht immer dort, wo er sollte. Er begreift noch nicht wirklich, dass das frisch angesäte Spinatbeet kein Ort für Ausgrabungen ist, und protestiert lautstark, wenn ich ihn fortscheuche.
Die Erde ist jetzt schon warm, und sie ist erfüllt von Leben. Und wieder einmal frage ich mich, warum so viele von uns diesem einzigartigen Wunder mit Achtlosigkeit oder gar mit Verachtung begegnen. Angeboren ist das jedenfalls nicht. Arturo entgeht kein Käfer, kein Wurm, kein Springschwanz, keine Spinne im Boden. Er ist entzückt und begeistert von allem, was da kreucht und fleucht. Er nimmt in die Hand, betrachtet, befingert das pralle Leben und bringt mir seine Funde, damit wir sie gemeinsam wertschätzen können. Nur die Engerlinge, die lassen wir beide in Ruhe oder verfüttern sie als Leckerbissen an die Hühner.
Die Journalistin Christa Dettwiler ist 2022 gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Ehefrau von Rünenberg nach Chile ausgewandert. Sie erzählt regelmässig von ihrem Alltag.

