Das letzte Mosaik von Walter Eglin gibt Rätsel auf
Walter Eglins letztes Mosaik, das der Künstler 1964 schwer krank schuf und unvollendet hinterliess, wirft Fragen nach seiner Bedeutung auf. Weder Familie noch Kenner können erklären, weshalb der Stein seinen Platz ...
Das letzte Mosaik von Walter Eglin gibt Rätsel auf
Walter Eglins letztes Mosaik, das der Künstler 1964 schwer krank schuf und unvollendet hinterliess, wirft Fragen nach seiner Bedeutung auf. Weder Familie noch Kenner können erklären, weshalb der Stein seinen Platz fand.
Lorenz Degen
Oberhalb der Holzkistchen im Walter Eglin-Museum in Känerkinden, worin sich noch immer die Steinchen für die Mosaike befinden, liegt eine gerahmte Zementplatte auf zwei Holzständern. Es handelt sich um das letzte Mosaik, das Walter Eglin erschaffen hatte, im Jahre 1964. Er rang das letzte Werk seinem Körper förmlich ab: «Mit fortschreitendem Magenkrebs hatte mein Vater keine Kraft mehr, die Steine zu behauen, weshalb er von den Mosaiken zu den Holzmonotypien überging», berichtet der Sohn Toni Eglin (89).
Das letzte Mosaik zeigt einen Mädchenkopf aus orange-grünweisslichen Steinchen, umrahmt von dunklen, unbearbeiteten Flusssteinen. «Diese Anordnung ist ungewöhnlich, mein Vater hat derart wuchtige Steine sonst nie in solcher Grösse einfach in einem Mosaik eingesetzt. Geradezu geheimnisvoll ist ein kleiner, runder Kiesel, der sich freistehend links oberhalb des Mädchenkopfs befindet und wie eine Insel aus dem Zement herausragt. «Niemand weiss, was mein Vater damit bezwecken wollte. Sollte dies ein Ausgangspunkt für eine Form sein, die er nicht mehr weiterführen konnte? Oder markiert der Stein eine Grenze, bis wohin er Steine legen wollte?», fragt sich Toni Eglin.
Auch für Eglin-Kenner Thomas Schweizer (86) gibt der kleine Stein Rätsel auf. «Ich erkenne keinen Sinn darin, den Stein dort zu platzieren. Das ganze Mosaik macht ja einen unfertigen Eindruck, weil ja über die Hälfte der Fläche aus blossem Zement besteht. Der Mädchenkopf blickt zudem skeptisch, geradezu unsicher, gerade so, als sei das Bevorstehende nicht erfreulich.» Thomas Schweizer wagt eine Interpretation: «Zeigt der Blick des Mädchens etwa Walter Eglins innere Stimmung, drückt sich hier die Präsenz seiner Krankheit aus? Es könnte sein, dass sich die Ängstlichkeit im Blick auf den Künstler selbst bezieht.»
Eine junge Diegterin?
Möglich wäre dies, obschon sich Walter Eglin sonst bei Mosaiken nicht von eigenen Stimmungen leiten liess, sondern Geschautes umsetzte. «Der Titel des Werks lautet ‹junges Mädchen mit lockigem Haar›», bemerkt Toni Eglin. «Wir können nicht sagen, was mein Vater auf der restlichen Fläche abbilden wollte, vielleicht würde sich dann ganz ein anderer Titel ergeben.» Unklar ist auch, was für ein Mädchen hier dargestellt ist. Vielleicht eine junge Diegterin? «Leider haben wir hier keine Anhaltspunkte über die Hintergründe», bedauert Toni Eglin.
Den Kreis mit den dunklen Steinen findet Thomas Schweizer nicht ansprechend: «Es entsteht dadurch eine bedrohliche Atmosphäre um den Kopf herum, die Flusssteine erdrücken den Mädchenkopf geradezu. Für mich ist es eindeutig nicht das beste Werk von Walter Eglin, sondern ein unfertiger Torso.» Doch verändert wird an diesem Mosaik nichts mehr. «Das letzte Mosaik meines Vaters bleibt ein Rätsel», stellt Toni Eglin fest. Thomas Schweizer pflichtet ihm bei: «Es hat seine Berechtigung, als letztes Werk erhalten zu werden, und markiert den letzten künstlerischen Übergang, den Walter Eglin vollzogen hat.»
Zu besichtigen sind das letzte Mosaik wie auch die übrigen Werke im Walter-Eglin-Museum in Känerkinden, geöffnet jeden 1. Sonntag im Monat von 10 bis 12 Uhr.