Der Garten Eden, Folge 2
27.02.2025 BaselbietZwischen Biodiversität und traditioneller Ordnung
Ein kürzlicher Zeitungsartikel in der «bz Basel» unter dem Titel «Familiengärtner schmeissen Pächter raus» löste einen Sturm der Entrüstung aus. Grund war, dass dieser Pächter ...
Zwischen Biodiversität und traditioneller Ordnung
Ein kürzlicher Zeitungsartikel in der «bz Basel» unter dem Titel «Familiengärtner schmeissen Pächter raus» löste einen Sturm der Entrüstung aus. Grund war, dass dieser Pächter zugunsten von mehr Biodiversität die «Ordnung» im Garten vernachlässigte.
Heinz Döbeli
Die Geschichte spielt in Aesch, hat aber grosse Ähnlichkeiten mit dem Film «Der Garten Eden», der in Bümpliz-Bottigenmoos gedreht wurde und 2012 den Civis-Fernsehpreis gewann. Der Film erzählt, wie in einem typischen schweizerischen Familiengarten Menschen verschiedener Kulturen aufeinandertreffen und sich mächtig zoffen, weil einige das Gartenreglement buchstabengetreu, andere eher kreativ umsetzen. Am Schluss kommt es zu einem Happy End.
Die Leserbriefschreiberinnen im Fall der «bz» waren sich einig, dass das Verhalten des Familiengartenpräsidenten aus der Zeit gefallen ist und dass der zur unerwünschten Person erklärte Pächter Lob verdient hätte. Ich habe selber diesbezügliche Erfahrungen gemacht. Vor mehr als 40 Jahren begann ich, eine Wiese, die gegüllt und mehrmals pro Jahr gemäht wurde, Stück um Stück in einen Naturgarten umzuwandeln. Das Unverständnis und die Kritik an meinem Vorgehen waren gross, aber niemand konnte mir kündigen, weil ich Eigentümer der Parzelle bin. Wer solche Konflikte verstehen will, muss sich in das Wertesystem der anderen Seite hineindenken.
Schmetterlinge und Kartoffeln
Ich fragte einen Ökonomen, welchen Wert ein Schmetterling hat. Das sei nicht so einfach, man müsse das differenziert betrachten. Da gäbe es den Materialwert, der sei gering – kaum 1 Gramm Protein. Dann gäbe es den Beschaffungswert: Wie gross ist der Aufwand, um eine bestimmte Schmetterlingsart zu beschaffen, zum Beispiel für eine Ausstellung in einem Museum. Und schliesslich gebe es den emotionalen Wert: Einmal ausgestorben heisst für immer ausgestorben.
Einfacher verhält es sich bei Kartoffeln. Von einer Kartoffel lässt sich einfach der Nährwert bestimmen. Auch der Beschaffungswert ist einfach bestimmbar. Wenn der Eigenanbau misslingt, etwa weil Coloradokäfer die Stauden kahl gefressen haben, bekommt man im Lebensmittelladen 1 Kilo für etwa 2 Franken. Weniger exakt in Zahlen lässt sich der emotionale Wert beziffern. Für die einen bleibt eine Kartoffel eine Kartoffel, egal, wer sie angebaut hat. Für andere ist es ein Genuss, etwas selber Produziertes zu verspeisen.
Um die Gartenphilosophie, die in vielen Familiengärten herrscht, zu verstehen, blätterte ich im Buch «Der erfolgreiche Pflanzer» von Johann Isidor Kunz. Erstmals gedruckt 1942. Mir liegt die 10. Auflage von 1952 vor. Der Untertitel lautet: «Wir Schweizer als Selbstversorger». 1942 herrschte Lebensmittelknappheit, viele Esswaren waren rationiert. Wer ein Stück Land hatte, nutzte es für die vom Bundesrat angeordnete Anbauschlacht. Unkraut verringerte den Ertrag und Schmetterlinge gab es noch viele.
Diese Gartenphilosophie wurde von Grosseltern auf Eltern und von diesen auf jetzige Gärtner und Gärtnerinnen vererbt. Heute haben wir in Europa nicht eine Ernährungskrise, sondern eine Biodiversitätskrise. Das scheinen noch nicht alle begriffen zu haben.

