Der Fotzli und der Hinterars
08.05.2026 PersönlichIn meinem Beruf als Schreiberling habe ich tagtäglich mit Wörtern zu tun, also verwundert es nicht weiter, dass sie mich interessieren. Vor allem mag ich jene Wörter, die selten sind – und schön oder speziell klingen. Privat interessiert mich die Natur, denn dort ist mir ...
In meinem Beruf als Schreiberling habe ich tagtäglich mit Wörtern zu tun, also verwundert es nicht weiter, dass sie mich interessieren. Vor allem mag ich jene Wörter, die selten sind – und schön oder speziell klingen. Privat interessiert mich die Natur, denn dort ist mir wohl – sie ist eine gute Ergänzung zu meinem kleinen Büro an einer vielbefahrenen Strasse in Zürich, wo ich stundenlang am Schreibtisch hocke. Dann gibt es noch die Liebe zu einer absolut genialen Erfindung namens Velo. Und nun habe ich etwas gefunden, das diese drei Leidenschaften auf wunderbare Weise vereint: Flurnamenfahrten.
Bevor ich mich jeweils mit dem Velo aufmache, um die Gegend zu erkunden, mache ich mich auf der Karte schlau, wo es hingehen könnte. Früher wählte ich gerne mehr oder weniger steile Pässe, denn die geben immer gute Ziele ab. Allerdings ziehen Pässe auch andere an: Rowdys auf Töffs etwa, oder solche in Cabrios mit getunten Auspuffanlagen. Beim Kartenstudium aber stolperte ich immer wieder über bestimmte Orts- und Flurnamen.
Es sind Namen, bei denen man sogleich denkt, dass man unbedingt mal nachsehen sollte, wie es dort ausschaut. So kam ich etwa an einen Fleck namens «Angst und Not» – und ich radelte an Orte, die «Chnebel» heissen oder «Zweibollen», auch an der «Ellenbogenstrasse» fuhr ich vorbei. Als ich auf der Landeskarte «Furz» entdeckte, war klar, dass ich unbedingt dorthin musste. Also stieg ich aufs Velo und radelte gen Aargau und nach Teufenthal, wo der «Furz» liegt. Der Ort ist nicht gerade spektakulär: eine Wiese, darauf Kühe, ein Waldrand. Keine Tafel, kein Gedenkstein, noch nicht einmal eine Aussicht, die diesen Namen verdient.
Aber die Fahrt war wunderbar, denn ich fuhr auf Wegen, auf denen ich niemals gefahren wäre, hätte ich nicht das Ziel «Furz» gehabt – und ich kam auch beim «Chüzihübel» vorbei sowie zwei weiteren Hügeln: «Schweini» heisst der eine, «Chlützelmütz» der andere. Allesamt unspektakuläre Orte, Ecken und Flecken, aber gerade in der Sensation des Gewöhnlichen liegt der besondere Reiz.
Nun habe ich eine Liste jener Orte im Kanton Basel-Landschaft erstellt, die in diesem Jahr angefahren werden wollen. Da wäre etwa ein Kulturlandstreifen namens «Fotzli» am Händschemattbächli bei Häfelfingen. Auch lockend: Der «Chlapfe» bei Oltingen, in der Nähe vom «Rumpelhof» und gleich links vom «Schnäpfenflüeli» gelegen. Und bei Wintersingen gibt’s den «Hinterars», bei Gelterkinden den «Honig» – und ganz in der Nähe davon das ideale Ziel für eine Ausfahrt an diesem Sonntag, an dem ja Muttertag ist: ein steiler, bewaldeter Hügelsporn namens «Mutti». Ich bin mir ziemlich sicher: Es ist wunderschön dort – bald werde ich es wissen.
Max Küng wurde 1969 geboren und ist auf einem Bauernhof in Maisprach aufgewachsen. Heute lebt er mit seiner Familie in Zürich und ist ein landesweit bekannter Kolumnenschreiber.

