Der Elefant im Schlafzimmer
29.09.2026 PersönlichIch bin – wie die meisten Wissensarbeiter – komplett fasziniert von der Künstlichen Intelligenz. Und natürlich als Science-Fiction-Anhänger nicht erst seit Filmen wie «Terminator» und «Matrix» oder Büchern wie «Newromancer» und ...
Ich bin – wie die meisten Wissensarbeiter – komplett fasziniert von der Künstlichen Intelligenz. Und natürlich als Science-Fiction-Anhänger nicht erst seit Filmen wie «Terminator» und «Matrix» oder Büchern wie «Newromancer» und «Snowcrash» davon überzeugt, dass uns intelligente Maschinen über kurz oder lang als ineffiziente Platzverschwendung vom Angesicht der Erde wegputzen werden. Inzwischen warnen auch die Chefs der weltgrössen KI-Konzerne in den USA vor genau diesem Szenario, wie mein zweitliebstes Lokalblatt, die «New York Times», ausführlich berichtet.
Ob die KI-Industrie allenfalls aus wirschaftlichen Gründen eine Mücke zum Elefanten mache, wollte die «NYT» im Interview von ihren eigenen Technologie-Journalisten wissen. Und natürlich, wie gefährlich die Technologie denn wirklich sei. Es folgen kluge Antworten, differenziert und abgewogen. Und zum Schluss die Frage an die drei: «Was raubt Ihnen nachts den Schlaf?». Zwei sagen: «Nichts.» Der Dritte sagt: «Die Mücken in meinem Schlafzimmer.»
Ich habe mitten in der Lektüre laut lachen müssen. Und mich dabei am Knöchel gekratzt. Denn in meiner realen, kleinen Lebenswelt in Pratteln, wo ich wohne, beschäftigt mich tatsächlich eine Mücke, die man nicht zum Elefanten machen muss. Die Tigermücke, die jetzt auch in Sissach gefunden worden ist. Bei uns in Pratteln muss man sie nicht mehr suchen – sie findet einen. Und zwar wenige Sekunden nachdem man den Gartensitzplatz betreten hat. Tags ebenso wie in der Dämmerung oder nachts. Inzwischen trinke ich meinen Kaffee drinnen. Der Grill steht verwaist, die Geranien blühen für niemanden.
Nachts wird es persönlich. Im Schlafzimmer surren die gestreiften Einwanderer in einer Tonlage um meinen Kopf, die exakt darauf abgestimmt scheint, das Einschlafen zu verunmöglichen. Abhilfe verspreche ich mir mit gelegentlichen selbst verabreichten Ohrfeigen – immer in der Hoffnung, den soeben vorbeisurrenden Plagegeist zu erwischen. Getroffen habe ich bisher zuverlässig nur einen: mich. Meine Frau hält das für eine späte Form der Selbsterkenntnis.
Dabei hatte ich die Meldungen über die Tigermücken-Invasion lange als Bio-Hysterie abgetan. Wir haben die Ankunft der Nosferatu-Spinne überlebt und den Kirschlorbeer, der uns angeblich die Artenvielfalt wegwuchert. Was sollte da ein Insekt ausrichten, das kleiner ist als ein Reiskorn?
Nun, es sticht. Jederzeit. Und es ist kaum zu sehen, ausser vor einem weissen Hintergrund oder dann, wenn es sich auf dem Knöchel niederglassen und bereits seinen Rüssel in meine Blutbahnen gesteckt hat.
Irgendwie ist das ja aber auch bemerkenswert. Denn das Tierchen hat mir eine Lektion in Proportionen erteilt. Die grossen Themen – Künstliche Intelligenz, Kriege, der Klimawandel – beschäftigen mich, beunruhigen mich, lassen mich grübeln. Aber sie sitzen nicht auf meinem Unterarm. Die Weltlage hält mich nur wach, wenn ich sie lasse. Die Tigermücke fragt nicht.
Peter Sennhauser, Redaktor «Volksstimme»

