DER DIREKTOR DER SCHWEIZER DETAILHÄNDLER ÜBER …
27.05.2026 Baselbiet«Temu», «Shein» & Co.
ch. Der Umgang mit Onlinehändlern wie Temu oder Shein (beide aus China) gehört zu den drängendsten Themen für den Schweizer Detailhandel. Die Dimensionen sind beträchtlich: Allein ...
«Temu», «Shein» & Co.
ch. Der Umgang mit Onlinehändlern wie Temu oder Shein (beide aus China) gehört zu den drängendsten Themen für den Schweizer Detailhandel. Die Dimensionen sind beträchtlich: Allein Temu setzte 2025 rund eine Milliarde Franken um, Shein etwa 300 Millionen. Erny kritisiert, dass sich viele dieser Anbieter kaum an hiesige Vorschriften hielten – etwa bei Produktsicherheit und -haftung oder Recyclinggebühren. Die Plattformen würden sich als reine Vermittler darstellen und die Verantwortung an Produzenten im Ausland abschieben. «Aber versuchen Sie einmal, an einen Produzenten in der chinesischen Provinz zu kommen», gibt Erny zu bedenken.
Hier bestünden Gesetzes- und Vollzugslücken, die ausländischen Anbietern einen Wettbewerbsvorteil verschaffen würden. Politisch sei das Problem erkannt, doch konkrete Massnahmen liessen auf sich warten – wohl auch wegen laufender Verhandlungen zum Freihandelsabkommen mit China. Nun komme Bewegung in die Sache, etwa mit überwiesenen Vorstössen in den eidgenössischen Räten. Entscheidend werde die Umsetzung. Diskutiert wird unter anderem eine Paketgebühr zur Finanzierung zusätzlicher Kontrollen. Ziel des Verbands ist es, «Temu» und Konsorten vollständig der Schweizer Gesetzgebung zu unterstellen – inklusive rechtlicher Vertretung im Inland. Abschottung lehnt Erny ab, fordert aber konsequent gleich lange Spiesse für alle Marktteilnehmer.
Digitalisierung und KI
ch. Die Zukunft des Detailhandels sieht Patrick Erny stark von technologischen Entwicklungen geprägt. Digitalisierung und insbesondere Künstliche Intelligenz (KI) dürften den Alltag weiter verändern – bis hin zu Szenarien, in denen ein KI-Agent den gesamten Bestellprozess inklusive Bezahlung übernimmt.
Gleichzeitig bleibt für ihn klar: «Der stationäre Handel wird nicht verschwinden.» Einkaufen habe sich vom reinen Bedürfnis zum Erlebnis entwickelt, verbunden mit Gastronomie, Kultur und sozialer Interaktion. In einer zunehmend komplexen Welt gewinne zudem Einfachheit an Bedeutung – ebenso wie persönliche Beratung, mit der sich ein Händler abheben könne.
Technologisch schreitet die Entwicklung rasch voran. Selfscanning-Kassen sind im Food-Bereich etabliert, autonome Läden mit automatischer Abrechnung könnten als nächster Schritt bevorstehen. Für Erny ist klar: Die Branche steckt mitten in einer KI-Revolution, die er als grösser einschätzt als das Internet. Sorge bereitet ihm eine gewisse Verweigerungshaltung einzelner Betriebe gegenüber neuen Technologien: «Wer die Dynamik unterschätzt, riskiert, den Anschluss zu verlieren.»
Einkaufstourismus und Onlineshopping
ch. Dem Einkaufsverhalten begegnet Patrick Erny mit Pragmatismus. Dass der tiefstmögliche Preis angesichts von Inflation, geopolitischen Unsicherheiten und steigenden Lebenshaltungskosten stark an Bedeutung gewonnen hat, sei nachvollziehbar. Für viele stehe er «an erster, zweiter, dritter und vierter Stelle» – dies sei kein Vorwurf, sondern die Realität. Gleichzeitig gebe es viele Kundinnen und Kunden, die Wert auf Beratung, Sortiment und Zusatzleistungen legten. Unterschiedliche Konzepte könnten nebeneinander erfolgreich sein.
Auch beim Einkaufstourismus fällt Erny keine moralischen Urteile. Dieser existiere seit Jahrzehnten in beiden Richtungen. Die Kundschaft müsse sich aber bewusst sein, dass sich der hiesige Detailhandel mit 50 Prozent höheren Kosten gegenüber den Mitbewerbern im Ausland konfrontiert sieht. Als problematisch erachtet Erny hingegen ungleiche Rahmenbedingungen bei der Mehrwertsteuer-Rückerstattung: Deutsche gewähre diese ab 50 Euro, während die Schweizer Mehrwertsteuer erst ab 150 Franken fällig wird. In der Schweiz bezahlt die Kundschaft auf den gesamten Warenwert die Steuer. Solche Unterschiede würden den Wettbewerb verzerren. Auch hier plädiert er für «faire Bedingungen».
Twint
ch. Mit der elektronischen Zahlungsplattform Twint ist der Detailhandel im Clinch. Ernys Verband hat bei der Wettbewerbskommission eine Eingabe gemacht. Der Vorwurf: Twint werde von Konsumenten häufig wie eine Debitkarte genutzt, doch lägen die Gebühren für Händler auf dem höheren Niveau von Kreditkarten oder sogar darüber – oftmals doppelt so hoch wie bei Debitkarten. Für Erny ist das nicht nachvollziehbar. Aus seiner Sicht müssten sich die Twint-Gebühren eher an Debitkarten orientieren. Das Unternehmen nütze seine Marktmacht aus. Zudem steht laut Erny der Verdacht im Raum, dass unter den beteiligten Akteuren – darunter Banken und Zahlungsabwickler – unzulässige Wettbewerbsabsprachen bestehen könnten.
Das Verfahren ist hängig, die Wettbewerbskommission beobachtet den Markt, so Erny. Er ist zuversichtlich, dass die Gebühren sinken werden. Fraglich sei, wann.
Mehrwertsteuer
ch. Die Mehrwertsteuer entwickle sich zunehmend zu einem politischen «Selbstbedienungsladen», so der Detailhändler-Direktor. Immer neue Projekte – von der AHV über die IV und die Armee bis zum öffentlichen Verkehr – sollen über sie zusätzliche Mittel erhalten. Höhere Mehrwertsteuern verteuern die Produkte, die Rechnung bezahlt letztlich der Konsument. Gleichzeitig leidet die Wettbewerbsfähigkeit der Anbieter gegenüber dem Ausland.
Dem entgegenzuwirken sei eine Daueraufgabe für seinen Verband, sagt Erny. Die Mehrwertsteuer dürfe nicht beliebig als Finanzierungsquelle genutzt werden, weil dadurch Unternehmen wie auch Kunden weiter unter Druck geraten.
