Der Dichter-Stress
23.10.2026 PersönlichÜber den langsamen Untergang der deutschen Sprache, und damit auch des «Schwyzertütsch», wurde schon viel geschrieben. Soll ich auch noch meinen Sermon dazu geben? Oder ist es der missglückte Versuch, einer Schreibblockade zu entkommen?
Eine Standpauke, ein ...
Über den langsamen Untergang der deutschen Sprache, und damit auch des «Schwyzertütsch», wurde schon viel geschrieben. Soll ich auch noch meinen Sermon dazu geben? Oder ist es der missglückte Versuch, einer Schreibblockade zu entkommen?
Eine Standpauke, ein Sermon, für Werbetexter etwa? Vielleicht. Aber schon wird es schwierig. Ein Sermon kann nämlich auch die Predigt eines Pfarrers sein. Und da halte ich mich lieber raus.
Als ich die Zeitung heute Morgen öffnete, war mir klar: Ja. Ich muss. Hits, Tops und Stars waren die Schlagzeilen, die mir ins Gesicht sprangen.
Das Lied «Hit the Road Jack» von Percy Mayfield wurde 1961 von Ray Charles aufgenommen. Es handelt von einem bösen und lauten Streit zwischen dem Sänger und seiner Frau. Irgendwann während des Liedes gibt er auf, packt seine Sachen und verlässt wutentbrannt das Haus.
«Hit der Woche», trompetete ein Discounter kürzlich laut und deutlich in seinem Prospekt. Er meinte wohl einen Schlag gegen das Hirni seiner Kunden. Wollen Sie wirklich in einem Laden einkaufen, der seinen Kunden rät, seine Sachen zu packen und schleunigst zu verschwinden? Nein. Wollen Sie nicht. Denn ein Hit ist immer ein Schlag ins Gesicht!
Das Top-Angebot der Woche soll sogar das Höchste aller Gefühle sein. Ein Top-Hit wäre somit ein unglaublich gutes Angebot.
Oder doch besser ein Knaller zum Wochenende, wird sich der Werbetexter gesagt haben. Und schon war das nächste Unwort geboren: der Knaller. Natürlich gibt es auch den Knaller zum Wochenstart, den Samstag-Oberknaller; bald werden wir vom Adventsknaller hören. Kurz vor Weihnachten wird ein Bomben-Angebot im Briefkasten liegen. Auf das passende Atombomben-Angebot (knallt noch mehr) warten wir noch. Auch auf sensationelle Bummsböller-Bestseller warten wir sehnlichst. Das Wort «Bombe» stammt vom griechisch-lateinischen «bombus» ab. Es bedeutet auch Getöse. Damit ist wohl fast alles zu den Bomben-Angeboten gesagt.
Der Begriff «Star» hat nicht nur eine oder zwei Bedeutungen, sondern gleich mehrere. Ein Star kann ein berühmter und manchmal auch bewunderter Mensch sein. Oder ein eleganter Vogel oder eine Augenkrankheit. Abstammen tut das vermaledeite Wort vom englischen Star und heisst Stern. Es gibt heute neben den unsäglichen Fussballstars und Startrainern auch Starcoiffeure und weiss der Gugger was noch.
Und natürlich gibt’s auch Starköche. Ich bin mir nicht sicher, ob man dort bei einer beginnenden Augenkrankheit essen soll. Oder brät der Starkoch etwa Star am Spiess? Ich finde das Wort Star nicht nur bis zum Stängel abgelutscht, sondern scheusslich, nichtssagend und verhunzend.
Eine Schlussfolgerung gibt es nicht. Nur dies: Mark Twain wäre wohl ein Star der schönen Worte und bösen Sätze gewesen. In einem Aufsatz hat er 1880 über die «schreckliche deutsche Sprache» geschrieben: «Zum Erlernen des Englischen braucht man 30 Stunden, des Französischen 30 Tage, des Deutschen 30 Jahre.»
Der Autor, Kolumnist Hanspeter Gsell, lebt seit mehr als 40 Jahren in Sissach.

