«Der beste Schutz beginnt lange vor einem Ereignis»
05.06.2026 RegionStarkregen und Überschwemmungen nehmen zu. Spezialist Diego Maegli erklärt, wie sich Gemeinden und Hauseigentümer schützen können. Dabei seien Vorsorge und naturnahe Lösungen entscheidend.
Janis Erne
■ Herr Maegli, Sie ...
Starkregen und Überschwemmungen nehmen zu. Spezialist Diego Maegli erklärt, wie sich Gemeinden und Hauseigentümer schützen können. Dabei seien Vorsorge und naturnahe Lösungen entscheidend.
Janis Erne
■ Herr Maegli, Sie beschreiben sich als «Bauingenieur mit Flair für Wasserprozesse». Was umfasst Ihre Aufgabe beim Kanton?
Diego Maegli: Ich bin schwerpunktmässig für Fragestellungen rund um die Prozesse bei der Naturgefahr «Oberflächenabfluss» zuständig. Darunter versteht man den Regenwasseranteil, der bei intensivem Niederschlag nicht im Boden versickert, sondern an der Oberfläche abfliesst. Als Projektleiter verantworte ich die Planung und Umsetzung von baulichen Massnahmen zum Schutz von Menschen und Infrastruktur. Gleichzeitig berate ich Gemeinden bei der Beurteilung von Gefährdungen und bei der Entwicklung geeigneter Schutzstrategien. Auf kantonaler Ebene leite ich zudem eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe zum Thema Oberflächenabfluss. Dies ist wichtig, da die Herausforderungen und Lösungsansätze zahlreiche Fachbereiche und Akteure betreffen, darunter die Landwirtschaft, die Siedlungsentwässerung, die Raumplanung, die Gebäudeversicherung sowie weitere kantonale und kommunale Stellen.
■ 2025 wurde der Zugverkehr in Buckten durch Schlammstösse unterbrochen. Jüngst gab es starke Regenfälle im Bölchengebiet. Müssen wir jeden Sommer damit rechnen?
Starkregenereignisse hat es schon immer gegeben. Beobachtungen und Modelle zeigen jedoch, dass Niederschläge zunehmend intensiver ausfallen. Ursache dafür ist der Klimawandel: Mit steigenden Temperaturen kann die Atmosphäre mehr Wasserdampf aufnehmen, der sich bei entsprechenden Wetterlagen in Form von heftigen Niederschlägen entlädt. Die Folge sind häufiger auftretende und grössere Schäden durch Oberflächenabfluss und Überschwemmungen. Diese Entwicklung macht sich auch bei den Gebäudeversicherungen bemerkbar, die vermehrt für solche Schadensereignisse aufkommen mussten.
■ Wie sind die Zuständigkeiten im Hochwasserschutz zwischen Bund, Kanton und aufgeteilt?
Der Bund hat das Wasserbaugesetz und die Verordnung über den Wasserbau kürzlich um den Prozess Oberflächenabfluss ergänzt und diesen ausdrücklich als Teil des Hochwasserschutzes definiert. Grundsätzlich fällt die Zuständigkeit in den Aufgabenbereich der Kantone. Auch Baselland arbeitet derzeit an einer Anpassung seiner gesetzlichen Grundlagen, um Fragen der Zuständigkeiten, Finanzierung und Umsetzung zu regeln. Dabei gilt jedoch eine wichtige Einschränkung.
■ Welche?
Der Kanton wird vor allem dort tätig, wo ein flächenhafter Schutz für ganze Quartiere oder mehrere Liegenschaften erforderlich ist und sich die Betroffenen nicht mit verhältnismässigem Aufwand selbst schützen können. Für den Schutz einzelner Liegenschaften bleibt das Prinzip der Eigenverantwortung bestehen. Private Schutzmassnahmen können jedoch von der Basellandschaftlichen Gebäudeversicherung finanziell unterstützt werden.
■ Im Naturschutzgebiet am Chrintelbach bei Sommerau hat der Kanton mehrere Dämme aus Astmaterial errichtet, die an Biberdämme erinnern. Weshalb?
«Beaver Dam Analogs» (BDA) sind künstlich angelegte, einfache Holzund Aststrukturen in Bächen, welche die Wirkung von Biberdämmen nachahmen. Sie bremsen den Wasserabfluss, fördern die Wasserspeicherung in der Landschaft und schaffen zugleich vielfältige Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Bei Hochwasser können sie dazu beitragen, Abflussspitzen zu reduzieren, während in Trockenzeiten mehr Wasser in der Umgebung verfügbar bleibt. Die Methode gilt als naturnahe und vergleichsweise kostengünstige Möglichkeit, Gewässer ökologisch aufzuwerten und die Klimaresilienz von Landschaften zu stärken. Im Rahmen eines Pilotprojekts wurden die BDA erstmals im Baselbiet erstellt. Mit Monitorings wird die Veränderung der Vegetation untersucht.
■ Bei den Überschwemmungen 2021 in Tenniken und Zunzgen entstand ein Schaden von rund 5 Millionen Franken. Gleichzeitig stossen grosse Schutzbauten nicht überall auf Freude, etwa in Rothenfl uh. Wie gelingt es, den Schutz von Menschen und Infrastruktur mit den Anliegen des Natur- und Landschaftsschutzes in Einklang zu bringen?
Diese Schutzinteressen müssen gemeinsam gedacht werden. Dies gelingt, indem man naturnahe Hochwasserschutzmassnahmen umsetzt, die Gewässern mehr Raum geben, natürliche Rückhalteräume schafft und ökologische Aufwertungen ermöglicht. So können Hochwasserrisiken reduziert und gleichzeitig Lebensräume für Tiere und Pflanzen verbessert werden. Eine sorgfältige Planung unter Einbezug aller Interessen hilft, nachhaltige und breit abgestützte Lösungen zu entwickeln.
■ Gefährdungskarten zeigen, dass viele Gemeinden im Oberbaselbiet von Überschwemmungen betroffen sein können.
Welche Empfehlungen geben Sie privaten Hausbesitzern, um sich möglichst gut zu schützen?
Der beste Schutz beginnt lange vor einem Starkregenereignis. Zentral ist, die Gefährdung des eigenen Grundstücks zu kennen und mögliche Risiken bereits bei Neu- oder Umbauten zu berücksichtigen. Ein Blick auf die Gefährdungskarten liefert erste wichtige Erkenntnisse. Umfangreiche Fachinformationen, spezifische Checklisten für das eigene Gebäude sowie konkrete Planungshilfen finden Eigentümerinnen und Eigentümer auf der offiziellen Plattform www.schutz-vor-naturgefahren.ch. Für die ersten Abklärungen und die Orientierung bietet die Basellandschaftliche Gebäudeversicherung (BGV) eine unverbindliche und kostenfreie Erstberatung an. Eine frühzeitige Kontaktaufnahme mit der BGV lohnt sich, um Kernpunkte rechtzeitig zu klären. Schutzmassnahmen dürfen zum Beispiel Nachbargrundstücke oder öffentliche Verkehrswege nicht gefährden. Zudem sollten die rechtlichen und finanziellen Aspekte besprochen werden.
Zur Person
je. Diego Maegli hat an der Fachhochschule Rapperswil Bauingenieurwesen studiert. Nach dem Abschluss sammelte er bei zwei Ingenieurbüros erste Berufserfahrungen, hauptsächlich im Wasser- und Tiefbau. Dabei begleitete er Projekte von der Planung bis zur Umsetzung. Später trieb er als Projektleiter bei der Stadtgärtnerei Basel-Stadt das Thema Schwammstadt voran. Seit August 2025 ist er beim Tiefbauamt des Kantons Baselland tätig.
Das Interview wurde schriftlich geführt.


