Den Knopf aufmachen
02.06.2026 PersönlichIch war ein Spätzünder. Meine Schulzeit bis 14 Jahren eine Qual. Ein stiller Träumer, mit Konzentrationsschwäche unterwegs. Die Lehrer haben mich mitgezogen und in Ruhe gelassen. Meine Eltern haben an mich geglaubt, mich dort gefördert, wo es schon möglich war. Mir ...
Ich war ein Spätzünder. Meine Schulzeit bis 14 Jahren eine Qual. Ein stiller Träumer, mit Konzentrationsschwäche unterwegs. Die Lehrer haben mich mitgezogen und in Ruhe gelassen. Meine Eltern haben an mich geglaubt, mich dort gefördert, wo es schon möglich war. Mir Zeit gelassen, viel Zeit. Mit der Pubertät und dem richtigen sozialen Umfeld hat es spät «Klick» gemacht und ich den Knopf auf: Lehrerpatent mit 22, Hochschulabschluss mit 30.
Das geflügelte Wort vom «den Knopf aufmachen» kommt von der Menschen Erfahrung mit Blumen. Irgendwann sind sie reif, um zu blühen. Die Bauernfrau, der Hobbygärtner lässt ihnen die Zeit, welche sie brauchen. Zuletzt kann man fast zuschauen, wie sich die Blütenblätter auftun und – wörtlich – innert weniger Stunden entwickeln! Leben ist eine Entwicklung.
Nicht alle Blumen öffnen sich zur selben Zeit, sogar aus derselben Sorte, am selben Tag ausgesät! Das sieht man schön bei Tulpen auf dem Pflückfeld hinter dem Ebenrain. Niemand käme auf die Idee, an den Knospen herumzuzerren oder sie mit dem Föhn zu wärmen, damit es schneller geht. Der nächsten und übernächsten Generation Zeit lassen, um den Knopf aufzumachen, ist wichtig. Ich schreibe das aus ureigenster Erfahrung, später auch mit eigenen Kindern.
Ein Berufsleben lang beobachte ich, wie Gesellschaft, Eltern und Schule Kindern und Jugendlichen diese innere Zeit, Freiheit, Musse zum Reifen und Entwickeln im eigenen Tempo zunehmend vorenthalten und stehlen. Zeit ist Geld – und Bildung der einzige Rohstoff in der Schweiz, rufen die Bürgerlichen, Chancengleichheit die ideologische Prämisse der Linken. Repetitionen sind nicht mehr vorgesehen, zu teuer, auch ein Stigma – mehr für Eltern als Kinder selbst. Für mich war die Repetition ein Segen.
Stattdessen werden jedes Jahr mehr Kinder, schon im Kindergarten, Schulpsychologen zur Abklärung zugeführt. Mehr als jedes Dritte im Land hat inzwischen eine Diagnose, eine «Krankheit» – und bezieht teure individuelle Förderung. Das entlastet vor allem Lehrpersonen, es beruhigt Eltern – ob es den Kindern wirklich dient, ist in der Fachwelt heiss umstritten. Es hängt ihnen nämlich ein neues Stigma des Ungenügens und Nicht-recht-Seins an. Schlimmer als bei uns die Repetition. Und es kostet Kantone und Gemeinden sehr viel Geld, abgesehen davon, dass es an qualifiziertem heilpädagogischem Personal fehlt.
Förderung ist manchmal einfach Überforderung, eine stille Vergewaltigung von Kinderseelen. Mich erstaunt nicht, dass kleine Menschen zwischen 10 und 20 Jahren grosse psychische Probleme haben. Daran ist nicht nur Covid schuld.
Wir schulden Kindern und Jugendlichen, dass wir ihnen wieder jene Zeit zugestehen, um sich im eigenen Tempo zu entwickeln und zu blühenden, gesunden, motivierten
Menschen mit Rückgrat und Arbeitskraft werden: Spätzündern – und unbedingt auch Frühreifen.
Matthias Plattner wurde 1962 geboren und ist Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Sissach-Wintersingen.

