«Den ersten Hund vergisst man nie»
21.08.2026 PersönlichBereits seit vier Jahrzehnten bildet «Blindenhunde Liestal» Begleiter für Personen mit Sehbehinderung aus. Anlässlich des Jubiläums erzählt Geschäftsführer Peter Kaufmann von der Ausbildung, welche die Hunde durchlaufen, und rekapituliert die vergangenen ...
Bereits seit vier Jahrzehnten bildet «Blindenhunde Liestal» Begleiter für Personen mit Sehbehinderung aus. Anlässlich des Jubiläums erzählt Geschäftsführer Peter Kaufmann von der Ausbildung, welche die Hunde durchlaufen, und rekapituliert die vergangenen Jahre.
Lea Wieser
■ Die Blindenhundeschule Liestal wird 40 Jahre alt.
Was bedeutet dieses Jubiläum für Sie, Herr Kaufmann?
Peter Kaufmann: Ich arbeite seit 30 Jahren mit Unterbrüchen für «Blindenhunde Liestal», deshalb ist dieses Jubiläum für mich ein wahnsinniger Meilenstein. Besonders beeindruckend finde ich, dass wir als Non-Profit-Organisation so weit gekommen sind. Ohne die Unterstützung so vieler Menschen wäre das niemals möglich gewesen.
■ «Blindenhunde Liestal» hat keine eigene Zucht. Woher haben Sie die Hunde, die bei Ihnen ausgebildet werden?
Richtig, das ist ein Alleinstellungsmerkmal von «Blindenhunde Liestal». Die anderen Schulen, die es in der Schweiz gibt, züchten ihre eigenen Hunde. Hier hat man sich dagegen entschieden, um statt einer Rasse verschiedene Hunderassen ausbilden zu können. Für Interessierte, die einen Hund mit spezifischem Charakter möchten, oder für Menschen mit Unverträglichkeiten ist das ein Vorteil. Grundsätzlich arbeiten wir mit Schweizer Züchtern, die wir auch kennen.
■ Und woran erkennen Sie, ob ein Hund geeignet ist?
Wir haben ein Team von zwei Mitarbeitenden, das genau dafür zuständig ist. Sie gehen zu den Züchtern und sehen sich den Wurf an. Anhand eines kleinen Wesenstests entscheiden sie sich für einen Welpen. Mit neun oder zehn Wochen platzieren wir diesen bei der Familie, die ihn als Junghund-Trainer aufzieht, bis er die Reife für die Ausbildung erreicht hat.
■ Wie läuft diese ab?
In der Regel beginnen die Hunde frühestens im Alter von 18 Monaten mit der Ausbildung. Wir haben auf dem Gelände in Liestal keine Zwinger, stattdessen sind sie in das Familienleben ihres Instruktors integriert. Die Instruktoren sind überall in der Schweiz verteilt und trainieren die Hunde bei sich vor Ort. Am Ende wird der Hund von einem Experten der IV bei einer Prüfung evaluiert. Im zweiten Teil der Ausbildung werden der Hund und der Mensch, der ihn am Schluss erhält, für etwa sechs Monate gemeinsam geschult.
■ Hat sich bei der Ausbildung der Blindenführhunde in den vergangenen 40 Jahren vieles verändert?
Tatsächlich gab es da eine 180-Grad-Wende. Ich kann mich noch erinnern: Früher hat man dem Hund bei allem, was falsch war, «gesagt», dass das nicht geht, bis er dann irgendwann das Richtige gemacht hat. Heute fokussiert man sich vielmehr auf kleine, anfangs sehr simple Erfolge, um zum Ziel zu gelangen. Auf diese Weise ist die Freude auf beiden Seiten viel grösser.
■ Gibt es einen Hund, den Sie nie vergessen werden?
Ich glaube, den ersten Hund, den man trainiert hat, vergisst man nie. Bei mir war das «Cheenuk», ein Schäfermischling. Ich weiss noch, dass er wirklich ein sehr schlauer, williger Hund war und sich total Mühe gegeben hat. Nur war ich so unbegabt und habe nicht verstanden, wie ich ihm etwas beibringen kann. Mit den heutigen Methoden wäre das gewiss weniger frustrierend gewesen. Irgendwann hat es dann aber Klick gemacht und wir sind ein richtig gutes Team geworden.
■ Was entgegnen Sie Kritik oder Vorbehalten gegenüber der Ausbildung und dem Einsatz von Blindenführhunden?
Grundsätzlich ist es nicht falsch, das zu hinterfragen. Es ist allerdings auch so, dass man sehr schnell merkt, wenn ein Hund nicht führen will. Er hat ja 100 Möglichkeiten, um uns das zu zeigen. Viele Hunde sind extrem gelangweilt, wenn sie keine Aufgabe zu erfüllen haben. Für solche Hunde, die willig sind, bietet der Job des Blindenführhunds genau das. Natürlich trifft das nicht auf alle zu, das kommt sehr auf den Charakter, aber auch auf die Rasse an.
■ Ist «Blindenhunde Liestal» in den vergangenen 40 Jahren gewachsen?
Unser grösster Zuwachs, den ich in die Wege leiten durfte, sind unsere Vertrauenshunde für Menschen mit Autismus. Während meiner Zeit im Ausland habe ich das Konzept kennengelernt. Ich wollte das Konzept von Vertrauenshunden in die Schweiz bringen, um wirklich etwas beitragen zu können. Gerade im Bereich Autismus gibt es viele interessierte Leute, da es in der Schweiz im Gegensatz zu anderen Ländern lange kein solch spezielles Hundetraining gegeben hat. Im Jahr 2020 konnte ich das Konzept hier in Liestal gemeinsam mit vielen Partnern und Helfenden umsetzen. Seitdem bilden wir Vertrauenshunde für autistische Menschen aus.
■ Was sind die grössten Herausforderungen für Ihre Institution?
Wie erwähnt, sind wir eine Non-Profit-Organisation. Daher ist es immer ein wenig schwierig, überhaupt genügend finanzielle Mittel aufzutreiben, um die Schule führen zu können. Es gibt uns allerdings seit 40 Jahren, was ein schöner Vertrauensbeweis der Stiftungen ist, die immer wieder an uns glauben, und der vielen Leute, die uns über Jahrzehnte unterstützt haben und dies weiterhin tun. Eine zusätzliche Herausforderung ist es, Menschen zu finden, die sich als Junghunde-Trainer zur Verfügung stellen und den Hund, sobald er pensioniert wird, vielleicht auch wieder bei sich aufnehmen wollen. In beiden Fällen sind wir immer froh über Anfragen.
■ Gibt es etwas, das Sie bis zum 50-Jahre-Jubiläum erreichen wollen?
Gerne möchte ich das Angebot von Vertrauenshunden für autistische Menschen noch weiter ausbauen. Und ich will noch viele weitere Male ermöglichen, dass ein Mensch nach der Kennenlernphase, in der alles ungewohnt ist, den Moment erleben kann, in dem er oder sie dem Hund wirklich blind vertraut.
Zur Person lwi.
Der 56-jährige Peter Kaufmann hat 1997 bei «Blindenhunde Liestal» mit seiner Ausbildung zum Blindenführhundeinstruktor begonnen. Von 2002 bis 2009 war er beruflich in Neuseeland, wo er das Konzept des Autismus-Begleithundes kennenlernte. Für die Schweizerische Stiftung für Blindenhunde in Allschwil baute er von 2012 bis 2019 den Bereich Autismus-Begleithunde auf. Als er 2020 in Liestal die Geschäftsleitung übernahm, war es ihm ein wichtiges Anliegen, auch dort die Ausbildung zum Vertrauenshund zu etablieren.
Morgen Samstag findet von 10 bis 16 Uhr der Tag der offenen Tür und das 40-Jahre-Jubiläum von «Blindenhunde Liestal» statt. Mehr Informationen sind auf www.blindenhund.ch zu finden.

