Debatte über neue AKW
29.10.2026 Bezirk LiestalNeue Atomkraftwerke kommen zu spät und kosten zu viel: Zu diesem Schluss gelangte eine Podiumsrunde in Liestal. Im Hinblick auf die voraussichtlich 2027 anstehende Abstimmung über das AKW-Neubauverbot diskutierten Fachleute und Politiker über die künftige Stromversorgung.
...Neue Atomkraftwerke kommen zu spät und kosten zu viel: Zu diesem Schluss gelangte eine Podiumsrunde in Liestal. Im Hinblick auf die voraussichtlich 2027 anstehende Abstimmung über das AKW-Neubauverbot diskutierten Fachleute und Politiker über die künftige Stromversorgung.
Jo Krebs
Ende Februar des kommenden Jahres stimmt die Schweizer Stimmbevölkerung über den indirekten Gegenvorschlag zur «Blackout-Initiative» ab. Im Kern steht die Frage, ob das im Energiegesetz verankerte Neubauverbot für Atomkraftwerke (AKW) aufgehoben werden soll. Während die Befürworter um den Bundesrat die Versorgungssicherheit im Winter stärken wollen, steht die Aufhebung des AKW-Neubauverbots im Zentrum der Kritik. Gegen diese Pläne hat unter anderem die GLP das Referendum ergriffen. Gemeinsam mit der «aeesuisse» beider Basel, den «Mitte»-Frauen Baselland und der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) lud die Partei zu einer Podiumsdiskussion ins «Elefantehuus» Liestal ein.
Für das Baselbiet hat die Debatte eine historische Dimension. Die Region ist geprägt vom Widerstand gegen das Kernkraftwerk Kaiseraugst in den 1970er-Jahren. Bis heute verpflichtet die Kantonsverfassung die Behörden dazu, sich aktiv gegen den Bau neuer Atomkraftwerke auf eigenem Kantonsgebiet sowie in der unmittelbaren Nachbarschaft einzusetzen.
Unter der Moderation der Politologin Petra Huth debattierte ein Fachund Politikpodium über die Machbarkeit neuer Kernkraftwerke. Es diskutierten Regina Betz (ZHAW), Thomas Tribelhorn (GLP BL / aeesuisse), Robert Vogt (FDP-Landrat / aeesuisse), Manuel Ballmer (GLP-Fraktionspräsident), Beatrice Borio (Präsidentin «Mitte»- Frauen BL) und Hannes Hänggi (Landrat «Mitte»).
Milliardenkosten und Zeitnot
Da dezidierte Befürworter eines Atomkraftwerk-Neubaus auf dem Podium fehlten, fiel das Urteil der Runde einheitlich aus: Neue Kernkraftwerke stellen für die Schweiz weder eine rechtzeitige noch eine finanziell tragbare Lösung dar. Regina Betz, Professorin für Energie- und Umweltökonomie, legte dar, dass die realen Investitionskosten für einen Reaktorneubau nach aktuellen Erfahrungen zwischen 14 und 43 Milliarden Franken liegen. Wegen der hohen Kosten und Risiken fänden sich kaum noch private Investoren, weshalb Neubauten nur mit massiven staatlichen Subventionen möglich wären.
Neben den Kosten spreche auch der Faktor Zeit gegen Nuklear-Pläne. Von der Planung über die Bewilligungsverfahren bis zur Fertigstellung vergingen erfahrungsgemäss rund 20 Jahre. Selbst in einem optimistischen Szenario könne ein neues Werk erst kurz vor dem Jahr 2050 ans Netz gehen. Um die drohenden Stromlücken in den Wintermonaten der nahen Zukunft zu schliessen, kämen Reaktoren schlichtweg Jahrzehnte zu spät.
Auch die als Hoffnungsträger genannten kleinen modularen Reaktoren («Small Modular Reactors», SMR) wurden auf dem Podium skeptisch beurteilt. Diese Mini-Reaktoren befänden sich in der Entwicklungsphase und seien hinsichtlich ihrer Realisierungszeit ebenfalls unsicher, da sie dieselben komplexen Bewilligungsprozesse wie ein Grosskraftwerk durchlaufen müssten.
Erneuerbare als Sicherheit
Die Zustimmung der Bevölkerung zu neuen AKW wurde auf dem Podium als gering eingestuft. Vorangegangene Abstimmungen (Energiestrategie 2017, Klimaschutzgesetz 2023, Stromgesetz 2024) zeigten die Präferenz des Stimmvolks für erneuerbare Lösungen.
Neben der ungeklärten Entsorgungsfrage der radioaktiven Abfälle und der geopolitischen Abhängigkeit von Uran-Importen spielt auch die Europapolitik eine zentrale Rolle. Ein Stromabkommen mit der EU gilt als essenziell für die Netzstabilität und Winterimporte. Ohne ein solches Abkommen müsste die Schweiz teure Kraftwerke als reine Reservekapazität im Inland aufbauen.
Die Versorgungssicherheit muss laut Podium stattdessen durch den beschleunigten Ausbau von Solar-, Windund Wasserkraft, Speichersystemen, Energieeffizienz und intelligenten Netzen sichergestellt werden. Um die Übergangszeit zu überbrücken, sprach sich das Podium dafür aus, die Laufzeiten bestehender Schweizer Kernkraftwerke unter strengen Sicherheitsauflagen zu verlängern.

