«Das Wichtigste ist, über die Probleme zu reden»
06.11.2026 PersönlichRea Ammann wird an der Herbsttagung des Bäuerinnen- und Landfrauenvereins beider Basel vom 12. November in Sissach ihr Wissen und ihre Erfahrungen zum Thema «Soziale Medien – Fluch oder Segen?» mit dem Publikum teilen.
Elmar Gächter
...Rea Ammann wird an der Herbsttagung des Bäuerinnen- und Landfrauenvereins beider Basel vom 12. November in Sissach ihr Wissen und ihre Erfahrungen zum Thema «Soziale Medien – Fluch oder Segen?» mit dem Publikum teilen.
Elmar Gächter
Frau Ammann, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Anfrage der Bäuerinnen und Landfrauen erhielten?
Rea Ammann: Die Anfrage hat mich überrascht und sehr gefreut. Es ist schön zu sehen, dass sich auch die Bäuerinnen und Landfrauen mit diesem Thema auseinandersetzen. Dies entspricht ganz dem Zeitgeist.
Was fasziniert die Menschen an Plattformen wie «Instagram», «Tiktok» oder «Facebook» vor allem?
Die Plattformen sprechen grundlegende menschliche Bedürfnisse an. Wir möchten gesehen werden, uns unterhalten und Anerkennung erfahren. Sie vermitteln uns das Gefühl, jederzeit für uns da zu sein. Ein Klick auf die App genügt – und schon beginnt die Unterhaltung. Dabei werden im Hirn Prozesse ausgelöst, die ein Glücksgefühl hervorrufen können. Und es geht immer weiter – schnell, scheinbar grenzenlos und ohne Ende. Hinter den Plattformen steckt eine ganze Industrie, die genau weiss, was ihre Nutzerinnen und Nutzer anspricht und fasziniert.
Wo sehen Sie die grössten Probleme bei der Nutzung Sozialer?
Konflikte in der Familie, überforderte Eltern, das Gefühl, nicht dazuzugehören oder Leistungsdruck können dazu führen, dass Jugendliche immer häufiger zu Sozialen Medien greifen. Sie konsumieren Inhalte teilweise bis in die Nacht hinein. Das beeinträchtigt ihren Schlaf und wirkt sich wiederum negativ auf die schulischen Leistungen aus. Zudem können bestimmte Inhalte bestehende psychische Probleme verstärken und den ohnehin schon geringen Selbstwert oder ein negatives Körperbild zusätzlich beeinträchtigen.
Welchen Gefahren sind besonders junge Menschen ausgesetzt?
Die Problematik ist meist sehr komplex. Gerade Menschen, die sich bereits in einer psychisch belasteten oder verletzlichen Situation befinden, können durch die aktuelle Weltlage, den gesellschaftlichen Leistungsdruck oder den digitalen Druck zusätzlich belastet werden. Kommen dann noch die Algorithmen der Sozialen Medien hinzu, besteht die Gefahr, dass Betroffene immer tiefer in problematische Inhalte hineingezogen werden. Besonders kritisch wird es, wenn keine Unterstützung gesucht wird. Tragische Folgen kann dies beispielsweise haben, wenn eine junge Frau mit geringem Selbstwertgefühl auf Empfehlungen zum Abnehmen stösst und diesen unkritisch folgt.
Machen wir nicht alle Fehler im Umgang mit Sozialen Medien?
Ich denke, wir sollten uns viel bewusster damit auseinandersetzen, weshalb wir Soziale Medien nutzen und welches Bedürfnis dahinter steckt. Es macht einen Unterschied, ob mir beim Warten auf den Bus langweilig ist oder ob ich nach schlechten Schulnoten Ablenkung suche. Soziale Medien sind nicht grundsätzlich schlecht. Entscheidend ist, dass wir uns immer wieder fragen: Was brauche ich gerade? Und was bewirken die Sozialen Medien bei mir?
Wie können wir uns gegen einen problematischen Umgang mit Sozialen Medien schützen?
Eine zentrale Rolle spielt die Vorbildfunktion der Eltern. Wie gehen sie selbst mit den Sozialen Medien um? Wie leben sie den Umgang damit ihren Kindern und Jugendlichen vor? Und wie kritisch hinterfragen sie ihr eigenes Nutzungsverhalten? Ebenso wichtig ist die Medienkompetenz. Wir müssen lernen, Inhalte kritisch zu beurteilen, zu hinterfragen und zu reflektieren. Das sollte genauso selbstverständlich vermittelt werden wie ein Schulfach.
Welche konkreten Empfehlungen geben Sie für einen gesunden Umgang mit Sozialen Medien?
Als Eltern spürt man meist relativ schnell, wenn die Balance zwischen dem realen und dem digitalen Leben aus dem Gleichgewicht fällt. Das Wichtigste ist dann, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das gilt übrigens nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern genauso für Erwachsene. Und wenn Probleme auftreten, sollte man sich professionelle Hilfe holen – lieber zu früh als zu spät. Unser Beratungsteam ist niederschwellig erreichbar. Ein Anruf oder eine Nachricht per «Whatsapp» genügt, um einen ersten Kontakt mit unseren Fachstellen zu vereinbaren.
Wie gross ist die Hoffnung, dass die Plattformbetreiber künftig verantwortungsvoller mit ihrer Rolle umgehen?
Ich wünsche mir, dass es künftig vermehrt Soziale Medien gibt, die menschliche Bedürfnisse und die damit verbundenen Chancen berücksichtigen, aber endlose Manipulation und schädliche Inhalte weitgehend unterbinden. Allerdings bin ich wenig optimistisch, dass sich grundlegend etwas ändern wird. Dahinter steckt sehr viel Geld, und die Entwicklung dürfte sich eher noch beschleunigen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Fachstelle?
Unsere Finanzierung setzt sich aus Beiträgen der beiden Kantone, Spenden sowie finanziellen Beiträgen der Schulen zusammen, an denen wir tätig sind. Ich würde mir wünschen, dass wir unsere finanzielle Basis weiter stärken können. Zusätzliche Mittel würden uns ermöglichen, unsere Reichweite zu vergrössern, noch mehr Menschen zu erreichen und insbesondere Kinder, Jugendliche, Eltern und Fachpersonen für die Risiken der Sozialen Medien sowie für einen bewussten und verantwortungsvollen Umgang damit zu sensibilisieren. Die Suchtberatung und Prävention beim Blauen Kreuz Baselland und Basel-Stadt einschliesslich der Multikulturellen Suchtberatungsstelle ist für Personen mit Wohnsitz in den Kantonen Baselland und Basel-Stadt grundsätzlich kostenlos.
Herbsttagung Bäuerinnen- und Landfrauen beider Basel
emg. Der Verein der Baselbieter Bäuerinnen und Landfrauen lädt am kommenden Donnerstag, 12. November, um 19.30 Uhr, zu einer Veranstaltung zum Thema «Soziale Medien – Fluch oder Segen?» ein. Bringen die Sozialen Medien einen Mehrwert? Wenn ja, was muss ich dafür investieren? Oder sind sie nicht mehr Fluch als Segen? Diesen und weiteren Fragen geht die Herbsttagung in der Aula des Ebenrain-Zentrums in Form einer Podiumsdiskussion auf den Grund. Willkommen sind auch Nichtmitglieder des Vereins und alle weiteren interessierten Personen.
Zur Person
emg. Rea Ammann ist 36 Jahre alt und Mutter einer neunjährigen Tochter. Durch ihre langjährige Erfahrung in der Präventionsarbeit und ihr Studium der Sozialen Arbeit bringt sie sowohl fachliches Wissen als auch ein breites Verständnis für unterschiedliche Herausforderungen mit. Sie ist seit mehr als zehn Jahren bei der Stiftung Blaues Kreuz/Musub beider Basel tätig und leitet den Bereich Prävention für Baselland und Basel-Stadt.

