«Das Wetter ist der Chef»
16.01.2026 Sport, Weitere SportartenLauberhorn-Rennleiter Thomas Molitor wohnt in Sissach
Heute, morgen und am Sonntag fahren die Ski-Profis am Lauberhorn um Weltcuppunkte. Nach Jahren in anderen Funktionen steht der Sissacher Thomas Molitor in Wengen erstmals als Rennleiter in der Verantwortung.
Sebastian ...
Lauberhorn-Rennleiter Thomas Molitor wohnt in Sissach
Heute, morgen und am Sonntag fahren die Ski-Profis am Lauberhorn um Weltcuppunkte. Nach Jahren in anderen Funktionen steht der Sissacher Thomas Molitor in Wengen erstmals als Rennleiter in der Verantwortung.
Sebastian Wirz
Herr Molitor, Ihr Grossvater Karl Molitor ist mit elf Erfolgen Rekordsieger am Lauberhorn. Wer hat die bessere Rekordzeit: Er auf Holzlatten oder Sie mit modernerer Ausrüstung?
Thomas Molitor: Mit der heutigen Pistenpräparation, Ausrüstung und so weiter wären noch viele schneller als mein Grossvater damals. Aber er war einer der erfolgreichsten Skifahrer seiner Zeit. Könnte er unter den heutigen Bedingungen fahren, würde er gegen mich sicher gewinnen.
Sie sind dieses Jahr erstmals Rennleiter. Was sind Ihre Aufgaben?
Ich bin für alles zuständig, was den Rennbetrieb betrifft. Im Vorfeld sind das sehr viele planerische, koordinative und administrative Aufgaben. Von Dienstag bis Sonntag haben wir dann sechs Tage lang Trainings und Rennen. Ich bin als Vertreter der Lauberhornrennen Teil einer Jury mit mehreren Vertretern der FIS. Wir haben die Aufgabe, die Reglemente einzuhalten: von den Materialbestimmungen über die Sicherheit, die Auslosung der Startnummern bis hin zur Zeitmessung und allfälligen Disqualifikationen. Während des Rennens verteilen wir uns auf der ganzen Strecke, damit wir jeden Meter im Blick haben, und sind per Funk verbunden. Hier kommen zur Jury weitere Personen hinzu, weil die Strecke so lang ist. Zu diesem erweiterten Team gehöre ich seit Jahren. Wir schauen zum Beispiel bei Stürzen, ob Sicherheitsinstallationen noch in Ordnung sind, oder verfügen einen Unterbruch, bis die Sicherheit gewährleistet ist.
Sie sind seit gut 20 Jahren dabei.
Verspüren Sie in der neuen Rolle Nervosität?
Bisher nicht, aber fragen Sie mich das nach diesem Wochenende noch einmal (lacht). Ich habe schon viele Hüte getragen und hatte vor allem als Assistent der Rennleitung sowie Personalplaner Einblick in sehr viele Bereiche. Während der Rennen ist mir wie gesagt seit Jahren ein Sektor zugeteilt. Das ist an sich also nicht neu für mich. Wie es dann ist, am Berg zu stehen und zu entscheiden, werde ich sehen. Aber es ist so ein cooles und eingespieltes Team, das ich seit Jahren kenne, sodass ich zu mir selber sagen kann: «Es würde wohl auch ohne mich gehen.»
Sie wohnen in Sissach.
Ab wann sind Sie in Wengen vor Ort?
Wir gehen mit der Familie jeweils vor Weihnachten nach Wengen. Es gibt dann zwar das eine oder andere «Terminchen» für mich, aber ich geniesse die Skitage mit der Familie. Dann kehren meine Frau und die Kinder im neuen Jahr ins Baselbiet zurück, bevor die Schule wieder beginnt. Ich bleibe in Wengen und bin ab dann «im Film», könnte man sagen. In der Abräumwoche nach den Rennen – das ist logistisch eine Riesensache – bin ich bereits wieder in Sissach und meine Kollegen übernehmen. Dann beginnt bei mir der geordnete Rhythmus des Jahres – ich gehe aus dieser Parallelwelt Lauberhorn wieder in die Arbeitswelt zurück. Und die Familie muss dann auch nicht mehr auf mich verzichten. Auf das Jahr gerechnet entspricht mein Engagement etwa einem 20-Prozent-Pensum. Die OK-Mitglieder werden entschädigt, ich bin aber nicht angestellt.
Ist das Wetter jeweils der grösste Unsicherheitsfaktor für die Durchführung?
Das Wetter können wir nicht beeinflussen. Zudem ist das Wetter in der Jungfrauregion sehr speziell, da reichen Meteo-Apps nicht aus. Aber wir haben einen Meteorologen, der gute Prognosen extra für das Lauberhorn liefert. So können wir frühzeitig agieren, richten alle Arbeiten auf diese Prognosen aus. Aber ja: Das Wetter ist der Chef. Es muss ein Mindestmass mitspielen, damit wir Weltcuprennen veranstalten können.
Die Europacuprennen am Vor-Wochenende wurden wegen starker Schneefälle und Wind abgesagt. Wie viel Schnee ist für eine präparierte Abfahrtspiste zu viel?
Wir mussten den Europacup schweren Herzens absagen. Er ist für die jungen Fahrer vor allem im Speedbereich, in Abfahrt und Super-G, sehr wichtig. Es gibt wegen des grossen Aufwands nur wenige Veranstalter. Wie viel Schnee zu viel ist, ist schwierig zu sagen. Unser Team am Berg ist es gewohnt, mit Schnee umzugehen, und hat über die Jahre sehr viele schwierige Situationen gemeistert. In erster Linie lautet die entscheidende Frage, wie viel Zeit uns bleibt, um zu reagieren. Müssen wir von Hand ran? Mit der Maschine? Oder beides? Die Schneemenge ist dabei weniger das Problem – der Wind ist viel unberechenbarer. Der Schneefall lässt irgendwann nach, du kannst den Schnee wegschaufeln und etwas mit ihm machen. Dem Wind bist du einfach ausgeliefert und du kannst nur warten, bis er aufhört. Es braucht nur wenig Schnee, damit der Wind mit Verwehungen grosse Probleme schaffen kann. Auf der 4,5 Kilometer langen Strecke gibt es 100 verschiedene Situationen. In einer Kurve kann plötzlich ein halber Meter Schnee liegen, der sich aber leicht bewegen lässt. An einer anderen Stelle hat es wenig Schnee, dafür ist er verklebt und lässt sich kaum bewegen.
Sie sind Teil des OKs und wissen daher um die wirtschaftlichen Verluste bei einer Absage des Rennens. Wie wägen Sie unter diesem Druck ab, ob die Bedingungen für die Fahrer sowohl sicher als auch fair sind?
Für alle in der Jury steht die Sicherheit an erster Stelle. Wenn wir sie nicht gewährleisten können, finden keine Rennen statt. Wir sind alles Leute, die aus dem Skisport kommen, alle sind sich der Konsequenzen bewusst. Aber Skisport findet draussen statt und es ist klar, dass nicht für alle Startnummern dieselben Bedingungen herrschen werden. Es sind nicht einfache Entscheide. Aber man würde nie ein kommerzielles, wirtschaftliches Ziel vor die Sicherheit stellen. Für einen Verlust gäbe es eine Versicherung. Es ist nicht notwendig, hier ein Risiko einzugehen.
Darf sich der Rennleiter freuen, wenn einer seiner Favoriten die Bestzeit realisiert?
Ich weiss normalerweise, wer vorne ist im Rennen. Da darf ich mich schon freuen für die Schweizer, aber ich freue mich auch für alle anderen Athleten. Es ist für jeden «mega», wenn er bei einem Event wie bei uns zuoberst stehen darf.
Was wünschen Sie sich mehr: Einen Schweizer Heim-Sieger oder einen aus Norwegen, dem Land ihrer Mutter?
Ich bin am glücklichsten, wenn sie zeitgleich sind (lacht). Wir tun alles dafür, damit der Beste gewinnt. Wenn das der Fall ist, bin ich als Rennleiter glücklich. Es wird nie für alle gleich fair sein, aber das bleibt unser Ziel.
2030 werden die Lauberhornrennen 100 Jahre alt. Was ist das grössere Risiko für ein erfolgreiches Jubiläum: der Klimawandel, die Expansionspläne der FIS nach China und Saudi-Arabien oder die SRG-Halbierungsinitiative?
Wir sehen kurzfristig die Halbierungsinitiative als Bedrohung für den Schweizer Sport. Und der Klimawandel beschäftigt uns stark. Wir arbeiten intensiv daran, unseren Beitrag mit der Veranstaltung zu leisten. Das ist eine grosse Aufgabe. Wir sind in diesem Prozess und das hat Priorität für uns. Wir sind ja direkt betroffen.
Ein Oberländer in Sissach
wis. Thomas Molitor wurde im Jahr 1979 in eine Wengener Skisport-Familie geboren: Sein Grossvater Karl Molitor ist Rekordsieger am Lauberhorn und gewann 1948 ebenso Medaillen bei den Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften wie seine Frau Antoinette Meyer-Molitor.
Ihr Sohn Rico führte das familieneigene Sportgeschäft mit seiner Frau Lillan – einer ehemaligen Ski-Rennfahrerin aus Norwegen – bis zur Pension im 2012 weiter. Thomas Molitor ist seit mehr als 20 Jahren an der Organisation der Lauberhornrennen beteiligt und steht als Technischer Delegierter der FIS auch bei anderen Rennen in ganz Europa im Einsatz.
Der Berater in den Bereichen Digitalisierung, Innovation und Transformation wohnt mit seiner Frau und den drei Kindern in Sissach.


