Das Gegenüber
08.04.2025 PersönlichRecht unverfroren schaut mir mein Gegenüber zu früher Morgenstunde in die Augen und sagt dabei kein Wort. Vielleicht ein Meter liegt zwischen uns. Da verschätzt man sich gerne. Altersmässig dürfte er ein paar Jährchen mehr auf dem Tacho haben als ich. Er reibt sich ...
Recht unverfroren schaut mir mein Gegenüber zu früher Morgenstunde in die Augen und sagt dabei kein Wort. Vielleicht ein Meter liegt zwischen uns. Da verschätzt man sich gerne. Altersmässig dürfte er ein paar Jährchen mehr auf dem Tacho haben als ich. Er reibt sich kurz die Augen, und sein Blick verrät, dass er heute liebend gerne mehr als das berühmte Viertelstündchen länger in den Federn geblieben wäre. Nein, gereizt wirkt er nicht auf mich, abweisend vielleicht ein bisschen.
Unterdessen nehme ich auch die Duftwolke wahr, die ihn umweht. Er hat heute eindeutig zu deftig auf die Deo-Dose gedrückt. Zudem könnte er sich angesichts seines zweifellos fortgeschrittenen Alters mal eine dezentere Duftnote zulegen anstelle dieses hippen Tropic-Zeugs. Wir allen kennen diese Männer, die sich von der Seite her eine Haarsträhne über ihre hohe Stirn legen und diese dort fortwährend «zurechtbüscheln», um so verzweifelt ihre Halbglatze zu kaschieren. Wer als AHV-Teenager, das ist mein Gegenüber garantiert, ein solches Deo unter seine leicht wabbligen Oberarme pfeffert, wandelt auf ähnlichen Pfaden.
Mit seinen Haaren kann er ja halbwegs zufrieden sein. Sie sind in Ehren ergraut, aber nicht in Ehren ausgefallen. Obwohl: Bei genauerem Hinsehen lichtet sich das Haar da und dort. Und da. Und dort. Im Gegensatz zu mir trägt er seinen Scheitel links. Beim Kämmen ist rechts doch praktischer. Solange der rechte Scheitel die einzige Gemeinsamkeit mit Hitler bleibt, werde ich diese Gewohnheit jedenfalls beibehalten. Meine Gedanken wandern kurz zu Ruth, meiner Coiffeuse, bei der ich mich wieder mal blicken lassen müsste. Jedes Mal legt sie meinen Scheitel zuerst falsch. Dieses Problem bliebe ihr bei meinem Gegenüber jedenfalls erspart.
Bei ihm wäre, ganz unter uns, ein Besuch beim Coiffeur wieder mal angezeigt. Hat mein Gegenüber mit seiner aktuellen Haarpracht wohl Shakespeare zu seiner Komödie «Der Widerspenstigen Zähmung» inspiriert, frage ich mich. Diesen Spruch verwurstle ich in meiner nächsten Kolumne. Hoffentlich bemerkt er meine Ansätze von Zuckungen um die Mundwinkel nicht und versteht sie am Ende noch falsch. Das Lachen zu unterdrücken, ist mir schon vorher schwergefallen, als ich realisierte, dass er sein zerknülltes Hemd nicht richtig zugeknöpft hat. Doch er schaut mir noch immer ohne die kleinste Regung und ziemlich gelangweilt ins Gesicht. Erst als ich an seinem Kinn auf seiner linken Seite eine Narbe entdecke und mich frage, ob sie von einer Verunreinigung oder einer Verletzung herrührt, kommt etwas Leben in sein Antlitz.
Antlitz? Wer hat übrigens dieses altbackene Wort überhaupt erfunden? Sicher wieder die Bibel. Den ersten Teil kennen wir von der Antwort, er bedeutet wohl «entgegen». Es passt aber nicht zu meinem Vis-àvis, der noch die gesammelten Stoppeln eines Wochenendes trägt. Darauf werde ich ihn jetzt ansprechen: «So, Schluss mit philosophieren! Jetzt rasieren wir uns endlich!»
Jürg Gohl, Autor «Volksstimme»


