Das fehlende Tram und ein «Tolggen»
03.09.2026 BaselbietRegierungsrat Isaac Reber (Grüne) blickt vor seinem Abschied auf seine Amtszeit zurück
Nach 15 Jahren in der Baselbieter Exekutive verabschiedet sich Baudirektor Isaac Reber aus der Politik. Der 65-jährige Sissacher spricht über fehlende Windräder, seine ...
Regierungsrat Isaac Reber (Grüne) blickt vor seinem Abschied auf seine Amtszeit zurück
Nach 15 Jahren in der Baselbieter Exekutive verabschiedet sich Baudirektor Isaac Reber aus der Politik. Der 65-jährige Sissacher spricht über fehlende Windräder, seine grösste Niederlage und Kritik an seiner Arbeit – und darüber, worauf er besonders stolz ist.
Pascal Kamber
In rund einem Monat tritt Isaac Reber aus dem Baselbieter Regierungsrat zurück und verabschiedet sich in den Ruhestand. Als eine der letzten Amtshandlungen nahm sich der 65-jährige Sissacher gestern Zeit für einen ausführlichen Rückblick auf sein Wirken in der kantonalen Exekutive – zuerst als Vorsteher der Sicherheitsdirektion, seit 2019 als Bau- und Umweltschutzdirektor. «Ich war gerne Regierungsrat. Es war mir eine Ehre, das für die Baselbieter Bevölkerung zu machen», sagte Reber zum Schluss seiner Präsentation. Zuvor stand der erste grüne Regierungsrat in der Geschichte des Baselbiets Red und Antwort zu folgenden Themen:
● Zum Zeitpunkt des Rücktritts:
Ich bin 2011 etwas überraschend gewählt worden und durfte während 15 Jahren Teil der Baselbieter Regierung sein. Letzten Monat bin ich 65 Jahre alt geworden, seit 2019 bin ich der amtsälteste Regierungsrat. Deshalb bin ich der Meinung, dass es jetzt an der Zeit ist. Man muss aufhören, wenn man noch mag und Freude hat. Irgendwann kommt die Zeit, um Platz zu machen für die nächste Generation.
● Zu dem, was in Erinnerung bleibt:
Als ich frisch ins Amt gewählt wurde, waren im Regierungsrat alle ein bisschen für sich selber unterwegs. Finanziell waren wir nicht gut aufgestellt, unter anderem mit der Pensionskasse als grosser Hypothek. Wir mussten Sparpakete schnüren und kamen nicht richtig vorwärts. In der Regierung haben wir dann aber gemeinsam den Willen entwickelt, den Kanton stabil aufzustellen. Das ist uns gelungen: Heute stehen wir finanziell solide da. Dass wir im Regierungsrat miteinander gearbeitet und darauf geachtet haben, dass das Baselbiet gemeinsam unterwegs ist, freut mich sehr.
● Zum grössten Erfolg:
Ich war bei unterschiedlichen Konstellationen in der Regierung dabei. Trotzdem haben wir immer wieder zusammen am Karren gezogen. Das ist eine wichtige Basis. In der Sicherheitsdirektion haben wir von 2013 bis 2019 die hohe Zahl an Einbrüchen mehr als halbiert. Als Bau- und Umweltschutzdirektor war es mir ein Anliegen, dass wir zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen und diese ermöglichen. Gleichzeitig wollte ich, dass wir Sorge tragen zu dem, was wir haben. Der Verein Birsstadt, der 2024 mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet wurde, ist für mich ein gutes Beispiel: Hier sind zehn Gemeinden gemeinsam unterwegs. Mich freut es, dass dieser Gedanke ins Oberbaselbiet getragen wurde und 22 Gemeinden das Regionale Entwicklungskonzept verabschiedet haben.
● Zu Entscheiden, die er heute anders treffen würde:
Was mich bis heute schmerzt, ist das Referendum 2021 zur Verlängerung der Tramlinie 14. Wir wollten diese Linie bis zum Bahnhof und weiter nach Augst führen. Wenn man sieht, wie der Bahnhof in Pratteln mit sechs S-Bahn-Linien pro Stunde «brummt», wäre das eine gute Idee gewesen. Deshalb würde ich mir heute zutrauen, dass wir die Leute von diesem sinnvollen Projekt überzeugen könnten.
● Zur Tatsache, dass im Baselbiet auch nach sieben Jahren unter dem «Grünen» Reber als Baudirektor noch immer kein Windrad steht:
Das ist wirklich ein arger «Tolggen» im Reinheft. Bei der Photovoltaik haben wir extrem viel gemacht, bei der Windkraft hingegen sind wir stark im Verzug. Allerdings ist das ein schweizweites Problem. Wir haben hierzulande eine gestörte Beziehung zur Windkraft entwickelt. Natürlich kann man es mit grossen Windparks auch übertreiben, dagegen gibt es zu Recht Widerstand. Ich hätte mir aber gewünscht, dass wir weiterkommen, wenn wir die Sache vernünftig und pragmatisch angehen. Denn wenn wir weniger abhängig von Ländern sein wollen, aus denen wir Gas und Erdöl beziehen, werden wir künftig auch auf Windkraft setzen müssen.
● Zur grössten Niederlage:
Die verlorene Abstimmung im Juni 2021 zur Ausgabenbewilligung für das Projekt und den Landerwerb zur Verlängerung der Tramlinie 14. Damals sind wir vielleicht auf dem falschen Fuss erwischt worden. Denn ob VCS, ACS oder die Parteien: Alle waren dafür, so etwas hat es wahrscheinlich noch nie gegeben. Deshalb dachten wir, dass gehe gut über die Bühne. Das haben wir unterschätzt.
● Zum S-Bahn-Ausbau Basel:
Obschon wir das Herzstück zu einer Durchmesserlinie redimensionieren mussten, betrachte ich das Projekt als Erfolg. Was uns in der Region fehlt, ist eine sinnvolle Verbindung durch das Zentrum und die Agglomeration zwischen den drei Ländern. Alle Züge machen heute eine Spitzkehre in Basel, das macht den öffentlichen Verkehr unattraktiv. Durch die Überarbeitung hat das Projekt nun eine Chance, dereinst realisiert werden zu können. Ob das gelingt, dafür muss die nächste Generation sorgen.
● Zum Ausbau des öffentlichen Verkehrs im Oberbaselbiet:
Wenn wir schauen, wo wir vor acht Jahren standen, ist seither enorm viel passiert. Wir haben einen Viertelstundentakt im Ergolztal, im Laufental wurde die Doppelspur ausgebaut. Vor den Sommerferien haben wir mit den SBB vereinbart, dass 2028 auch im Birsstal der Viertelstundentakt kommt. Das ÖV-Angebot im Baselbiet ist so gross wie noch nie. Doch wenn man an diesem engmaschigen Netz an einer Stelle etwas verändert, sind viele Menschen betroffen. Uns ist bewusst, dass nicht überall alle glücklich sind mit dem, was wir gemacht haben. Wir sind bereit, Korrekturen vorzunehmen – aber auf der Grundlage von Fakten und Zahlen. Deshalb lassen wir den Fahrplan mindestens ein Jahr laufen, um ein genaues Bild der Situation zu erhalten. So können wir beurteilen, was eine Verbesserung tatsächlich bedeuten würde. Ich habe Verständnis für die Kritik, aber diese Geduld braucht es.
● Zum Umgang mit der Kritik von bürgerlicher Seite und der Wirtschaftskammer an der Bauund Umweltschutzdirektion:
Als Bau- und Umweltschutzdirektor ist man exponiert. Das gehört ein Stück weit zur Aufgabe. Es zeigt mir aber auch, dass unsere Arbeit wichtig ist – sonst würde nicht so viel Energie in diese Themen gesteckt. Wo es uns wirklich wichtig war, wollten wir unserer Linie treu bleiben, etwa beim erneuerbaren Heizen. Dafür braucht es eine dicke Haut. Manchmal fühlt man sich zu Unrecht kritisiert, manchmal zu Recht – schliesslich machen auch wir nicht alles richtig. Die Wirtschaft ist ein wichtiges Element unserer Gesellschaft und vertritt ihre Positionen. Diese Kritik müssen wir ertragen können. Mühe habe ich aber, wenn sie nicht konstruktiv ist. Das behindert eher, als dass es hilft, gemeinsame Interessen zu verfolgen.
● Zum Vorwurf, er werde gegen Ende seiner Amtszeit mehr zum Verwalter:
Da steckt wohl eine Portion Frust dahinter. Ich habe auch gelesen, dass die BUD nicht vorwärts macht – zum Beispiel mit dem Rheintunnel. Das ist aber ein Projekt, das dem Bund gehört. Darüber haben wir abgestimmt. Wir haben uns klar positioniert und das gemacht, was wir können. Uns aber für etwas verantwortlich machen, was nicht in unserer Hoheit liegt, finde ich nicht konstruktiv.
● Zu seinen Zukunftsplänen:
Konkrete Projekte gibt es noch keine. Ich freue mich einfach, wieder mehr Zeit mit Familie und Freunden verbringen zu dürfen. Und dass ich wieder öfters Schach spielen kann.
Zur Person
Am 27. März 2011 wurde Isaac Reber als erstes Mitglied der Grünen Partei in den Baselbieter Regierungsrat gewählt. Der Sissacher verdrängte dabei Jörg Krähenbühl (SVP) aus der Exekutive. Es war die erste Nicht-Wiederwahl eines Bisherigen seit 1950. Reber übernahm die Sicherheitsdirektion und amtete 2014/15, 2019/20 sowie 2024/25 jeweils als Regierungspräsident. 2019 wechselte er in die Bau- und Umweltschutzdirektion, für die er bereits von 1995 bis 1997 gearbeitet hatte und zum Bauinspektor ausgebildet wurde. Reber ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Töchter.



