Dankbar für ein Leben in Geborgenheit und Frieden
13.02.2026 GelterkindenIm Andenken an die Schriftstellerin Vreni Weber-Thommen (1933-2026)
Heute Freitag nehmen Familie, Freunde und Bekannte auf dem Friedhof von Gelterkinden Abschied von Vreni Weber-Thommen. Die Schriftstellerin erzählte 2022 im Buch «Baselbieterinnen – 33 Porträts» ...
Im Andenken an die Schriftstellerin Vreni Weber-Thommen (1933-2026)
Heute Freitag nehmen Familie, Freunde und Bekannte auf dem Friedhof von Gelterkinden Abschied von Vreni Weber-Thommen. Die Schriftstellerin erzählte 2022 im Buch «Baselbieterinnen – 33 Porträts» ihre Lebensgeschichte, die wir im Andenken an die glänzende Erzählerin hier im Original wiedergeben.
«Als Kind schrieb und zeichnete ich ausgesprochen gerne. In der Schule Aufsätze schreiben gefiel mir sehr gut, und Deutschstunden liebte ich. Meine Liebe zur Sprache hat vielleicht etwas damit zu tun, dass meine Eltern uns Kindern gerne und oft Geschichten erzählten oder vorlasen. Mein Vater war Lehrer in Lauwil, wo ich 1933 geboren wurde. Als ich ungefähr zwei war, nahm mein Vater eine neue Stelle an und wir zogen um nach Lausen, wo mein Bruder zur Welt kam. Lange pflegte unsere Familie weiterhin intensive Beziehungen nach ‹Louel›. Ich kann mich noch heute an die Posamenterinnen erinnern. Vor meinem inneren Auge sehe ich die Frauen an ihren riesigen Webstühlen. Die Primarschulzeit verbrachten wir Kinder in Lausen, wo unser Eigenheim bezugsbereit war, als der Krieg ausbrach. Vierzig Jahre später, als Schreiben zu meiner Berufung geworden war, schilderte ich in einer Radiosendung, wie ich als Kind im Baselbiet die Zeit von 1939 bis 1945 erlebt hatte. Nach meinem zehnten Schuljahr war ich schulmüde und absolvierte, wie es damals noch üblich war, ein Welschlandjahr. Das erwies sich als gute Entscheidung. Keine Schule hätte mir besseres Rüstzeug für mein zukünftiges Leben mitgeben können als dieser Aufenthalt auf einem alten Landgut im Waadtland!
Ich träumte davon, Grafikerin zu werden und bestand in Basel die Aufnahmeprüfung in die Allgemeine Gewerbeschule. Ein Hauch von Bohème-Leben mit begabten Lehrern und ebensolchen Kolleginnen und Mitschülern verzauberte die Zeit nach dem geradezu klösterlichen Dasein im abgelegenen Landgut mit dem alten, hochgebildeten Ehepaar in der Romandie. Ich erkannte aber, dass meine Begabung für das angestrebte Berufsziel nicht gross genug war und ich mich viel lieber mit Kindern beschäftigen würde.
Kindergärtnerin in Lausen
Wahrscheinlich hatte es auch etwas mit dem Beruf meines Vaters zu tun, dass ich später Kindergärtnerin und mein Bruder Lehrer wurde. Und ich habe das Unterrichten sogar ‹weitervererbt›: Heute unterrichten auch meine beiden Töchter. Während ich das Kindergärtnerinnen-Seminar in Klosters besuchte, bekam mein Bruder seine Ausbildung, wie viele andere junge Menschen aus dem Baselbiet, in Schiers. Unser Kanton bot damals diese Möglichkeiten noch nicht an. Meiner Stelle als Kindergärtnerin in Lausen, wo ich bei meinen Eltern wohnte, blieb ich, unterbrochen von zwei halbjährigen Auslandaufenthalten, neun Jahre lang treu. Ich liebte meinen Beruf sehr.
In einem Spanischkurs, den ich, wie andere Kurse auch, abends im KV in Liestal besuchte, lernte ich Willy kennen, meinen Mann. Wir heirateten, und ich zog zu ihm nach Gelterkinden. Seit 1962 lebe ich in unserem gemeinsamen Haus am Kirchrain mit einem grossen Garten mitten im Dorfkern. Nach der Geburt unserer beiden Töchter machte ich noch wenige Stellvertretungen in Kindergärten. In meiner neuen Aufgabe als Familienfrau und Mutter fand ich grosse Befriedigung. Meiner Leidenschaft fürs Kochen und Gärtnern konnte ich frönen und daneben auch die alten und neuen Freundschaften pflegen. Dank meiner Erfahrungen im Welschlandjahr gingen mir die Hausarbeiten leicht von der Hand. Wie schon in meinem Elternhaus gefiel es mir, ein Haus der offenen Tür zu haben. Auch für ein paar ehrenamtliche Engagements konnte ich mir noch Zeit nehmen. Zeit für das gelegentliche Schreiben von Beiträgen in Zeitschriften und für das Malen fand ich nur noch selten. Besonders geschätzt habe ich, dass ich in unserem Dreigenerationenhaus nicht nur unsere Kinder, sondern später auch die vier Grosskinder intensiv an unserem Alltagsleben teilhaben lassen konnte. Kürzlich sind wir jetzt noch Urgrosseltern geworden.
Zu Beginn der 1970er-Jahre wagte ich es, an einem anonymen Kurzgeschichtenwettbewerb der Baselbieter Literaturkommission teilzunehmen, die damals noch existierte. Ich setzte mich also hin und schrieb meine allererste Kurzgeschichte. Sie hiess ‹Die Predigt›. Diesem Wettbewerb schenkte ich nicht allzu viel Beachtung und vergass meine Teilnahme wieder – bis zu dem Moment, als ich einen Anruf bekam mit der freudigen Nachricht, meine Geschichte sei prämiert worden und würde mit den anderen prämierten Texten als Buch herausgegeben. Das freute mich natürlich sehr. Bald danach meldete sich der damalige Radio-DRS-Moderator Marcel Wunderlin bei mir. Die Geschichte gefalle ihm so gut, sagte er, dass er sie gerne in seinem Ressort ausstrahlen würde – und sein Ressort sei halt Mundart. Ob ich die Geschichte ins Baselbieterdeutsch übertragen und so wiedergeben könne, wie ich in meinem Alltag rede, fragte er. Ganz erschrocken lehnte ich sein Ansinnen ab. Mundart? Das würde ich nie und nimmer schreiben wollen und das könne ich auch gar nicht, antwortete ich.
Im Radiostudio
Er bedauerte es, dass ich seinen Wunsch im Hinblick auf diese ‹Predigt› nicht erfüllen konnte. Er regte aber an, dass ich das Mundart-Schreiben an neuen Texten ausprobieren solle. Sobald ich ein paar kurze Geschichten aufgeschrieben hätte, solle ich sie ihm schicken. Er freue sich jetzt schon darauf. ‹Probieren geht über studieren›, dachte ich und spürte schon beim Schreiben meines ersten Mundarttextes ‹Mys Läberblüemli›, wie unmittelbar ein Text auch auf mich selber wirkte, wenn ich so schrieb, wie ich redete.
So ‹noodisnoo› kamen vier weitere Geschichten zum ersten Versuch, und mit diesen fünfen wollte Marcel Wunderlin eine seiner beliebten Nachmittags-Sendungen füllen. Ich fuhr also nach Basel ins Radiostudio, das mir ein wenig vorkam wie ein Sicherheitsgefängnis. In einem Kämmerchen sprach ich die Geschichten ein. Anfänglich war ich etwas unsicher, aber weil der Moderator immer wieder schmunzelte, begann es mir Freude zu machen. Nachdem die Sendung ausgestrahlt worden war, kamen viele Anrufe ins Radiostudio: Die Zuhörerinnen wünschten noch mehr solche Geschichten. Auch mich selber riefen viele Leute an – unter anderem Karl Tschudin-Dill, Korrektor bei der Basellandschaftlichen Zeitung und Herausgeber eines Baselbieterdeutsch-Büchleins. So kam eins zum anderen. Ich schrieb weiter, und es machte mir immer mehr Spass. Bald wurde ich für Lesungen angefragt, und meine Texte fanden in mehreren Anthologien Platz.
Der Verlag Lüdin AG in Liestal hiess mich als Autorin willkommen. Dort erschien 1984 mein erstes eigenes Buch ‹Deheim und underwägs› mit neunzehn Geschichten in Oberbaselbieter Mundart. Auch fünf weitere meiner Bücher wurden vom gleichen Verlag herausgegeben. Ich schrieb also und schrieb und schrieb. Natürlich hatte ich dafür nicht viel Zeit übrig, denn ich war ja auch Mutter und Hausfrau und arbeitete auch gelegentlich mit in der ‹Rahmdäfelifabrik›, die mein Mann von seinem Vater übernommen hatte und in der die bekannten Basel-
bieter Rahmdäfeli hergestellt wurden. So nach und nach entstanden nicht nur weitere Texte, sondern es kamen auch weitere Aufgaben, die mit meinem Schreiben zusammenhingen, auf mich zu. Jahrelang war ich Mitglied des Teams, das im Auftrag der Bibelgesellschaft Baselland Bibeltexte in unsere Mundart übersetzt. Noch heute, über vierzig Jahre später, setzen engagierte Nachfolgerinnen und Nachfolger die Arbeit am ‹Guete Bricht› fort. Auch bei der Neu-Herausgabe der Werke des Baselbieter Schriftstellers Traugott Meyer durch den Kanton war ich als eines der vier dafür verantwortlichen Redaktions-Mitglieder viereinhalb Jahre lang beschäftigt.
Neue Freundschaften
Von 1991 bis 2000 durfte ich aus dem Oberbaselbiet Mundart-Kolumnen für die Beilage ‹Dreiland› der Basler Zeitung schreiben. Autorinnen und Autoren aus der Nachbarschaft aller drei an die Stadt Basel angrenzenden Länder waren mit ihren Dialekten vertreten. Es war ein wunderbar bunter Mix von Sprachen. Dank dieser Kolumnen, die eine treue Leserschaft genossen, erlebte ich viel Schönes. Einmal rief mich zum Beispiel ein Basler Fährimann an und sagte, er habe grosse Freude an meinen Texten: Wenn ich mal in die Stadt käme, solle ich ihn doch auf der Fähre besuchen.
So entstanden ‹glungeni› Kontakte und sogar Freundschaften. Auch unter uns Kolumnisten hatten wir es gut. Ich bekam nun auch Einladungen für Lesungen im Elsass und in Baden-Württemberg. Dass ich 1993 Preisträgerin des neu geschaffenen Kulturpreises der Jubiläumsstiftung der Basellandschaftlichen Kantonalbank wurde, freute mich sehr.
Im Auftrag der Volkshochschule erteilte ich zweimal einen Kurs zum Schreiben von Mundart-Texten. Zuletzt schrieb ich noch fast zehn Jahre lang Kolumnen für die ‹Volksstimme›. Mit zunehmendem Alter belastete es mich aber, Beiträge immer auf Termin abgeben zu müssen. Manchmal klemmte ich mich erst richtig hinter die Arbeit, wenn mir das Wasser bis zum Hals stand. Das passte mir nicht. Denn ich möchte Freude haben am Schreiben, und ich schreibe nicht nur für meine Leserschaft, sondern auch für mich. Während meiner Kolumnenzeit gingen mir die Ideen nie aus, denn mir passieren immer wieder unglaubliche Zufälle, aus denen sich kleine Geschichten machen lassen. All diese Erlebnisse in Texten zu verarbeiten, finde ich schön. Denn das Leben ist so spannend! Jeder der vielen Menschen auf der Welt hat wieder eine andere Geschichte. Lebensgeschichten haben mich immer wieder inspiriert – nicht nur meine eigene, sondern auch die von anderen Leuten. 2018 publizierte der IL-Verlag mein kleines Buch ‹gnadenlos religiös›, in welchem ich die gesammelten Berichte über kirchliches, aber unchristliches Verhalten dokumentierte. 2020 gab der Verlag des Kantons Basel-Landschaft meine vergnügliche unkonventionelle Schreibanleitung ‹Wie zum Gugger schrybt me Baselbieterdütsch?› heraus. Es ist eine einfache, handliche Anleitung zur Mundartschreibung, so ähnlich, wie es das früher Karl Tschudin mit seinem beliebten ‹Baselbieterdütsch› gemacht hatte. Meine eigenen guten Erfahrungen konnte ich darin einbringen und all jenen zur Verfügung stellen, die darüber froh waren. Das rote Büchlein musste schon nach einem Monat nachgedruckt werden, um der grossen Nachfrage zu genügen. Das war für mich ebenso erfreulich wie die Tatsache, dass es auch bei Jugendlichen grossen Anklang fand.
Am Grab von Helene Bossert
Der Austausch mit anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern war mir stets wichtig, egal ob als Mitglied des AdS, bei ‹femscript›, dem Netzwerk schreibender Frauen, oder beim PEN-Club. Ich war auch befreundet mit der Mundart-Dichterin Helene Bossert. Einige Jahre vor ihrem Tod im Jahr 1999 fragte sie mich, ob ich an ihrer Beerdigung Texte lesen würde. Sie wollte keinen Pfarrer an der Ab-
dankung. Es war mir eine Ehre, ihre Texte auf dem Friedhof lesen zu dürfen, und noch heute berührt es mich, wenn ich daran denke.
Durch meine Schreibtätigkeit entstanden viele wunderbare Freundschaften und Kontakte, die ich sonst nicht gehabt hätte. Das Schreiben wurde für mich zu einem grossen inneren Reichtum. Ich hatte das Glück, dass das Schreiben nie ein Müssen war für mich, sondern stets ein Dürfen – ausser beim Abgabestress für die regelmässigen Kolumnen. Deshalb war ich froh, als ich diesen Zeitdruck los war. Heute schreibe ich nur noch wenig. Nur wenn ein Thema an mich ‹aanegheit› oder ich etwas ‹Glungnigs› höre, bedauere ich es fast ein wenig, dass ich keine Kolumnen mehr habe, in denen ich alle diese Dinge mit den Menschen teilen kann.
Noch immer ist mir die Arbeit in meinem geliebten Garten eine Quelle der Lebensfreude und Kraft. Den grössten Teil davon habe ich mittlerweile meiner Tochter Eva abgetreten, die eine ebenso begeisterte Gartenfrau ist. Nur den Vorgarten und die Rabatten bearbeite ich noch selber. Bei mir war alles stets biologisch, und ich pflege ein ganz eigenes Gemisch aus einheimischen Wildpflanzen und Kulturpflanzen. Früher rümpften die Leute noch die Nase über Gärten wie meinen, der halt nicht pingelig gejätet ist. Ich mochte diese sterilen Gärten, die so aussehen, als dürfte nichts darin leben, nämlich nie. Mein Mann und ich lieben ihn. Oft sitzen wir einfach da, geniessen die Pflanzen mit ihrer Schönheit und ihren Düften und sagen uns: Hier ist es wie im Paradies. Ein anderes Hobby von mir ist das Kochen. Auch jetzt im hohen Alter probiere ich immer noch gerne neue Rezepte aus. Früher reiste ich viel und gern. Allerdings mochte ich das Fliegen nie. Meine weiteste Reise war auf eine kleine Insel in Thailand. Auf der Heimreise war ich eingeklemmt in einer Fünferreihe zwischen Männern, die alle laut schnarchten. Das war so fürchterlich, dass ich dachte: Wenn das Flugzeug nun abstürzt, ist es mir egal, dann ist diese Tortur wenigstens vorbei.
Heute reise ich kaum mehr. Unser Küchentisch ist jetzt zum Zentrum meiner Welt geworden, von wo aus ich zurückblicke auf eine geradezu schwindelerregend rasche Entwicklung von wunderbarem technischem Fortschritt in eine Welt hinein, in die ich als analog denkendes Menschenkind längst nicht mehr hineinpasse. Dankbar für ein Leben in Geborgenheit und Frieden habe ich keinen grösseren Wunsch als den, dass möglichst vielen anderen Menschen solches Glück auch zuteil werden dürfe.
Dieser Beitrag zu Vreni Weber-Thommen ist 2022 im Buch «Baselbieterinnen – 33 Porträts» des Verlags Baselland erschienen.
Die 33 Geschichten von Baselbieterinnen mit interessanten Werdegängen und Lebenswegen, starken Persönlichkeiten und spannenden Biografien wurden von den Autorinnen Barbara Saladin und Marianne Ingold jeweils in Ich-Form aus Sicht der Porträtierten aufgezeichnet.
Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorinnen und des Verlags Baselland, wo das Buch seit Frühling 2025 in 2. Auflage weiterhin erhältlich ist.
Werke
tho. Die am 3. Februar verstorbene Vreni Weber-Thommen hinterlässt ein reichhaltiges literarisches Werk. Seit 1974 trat die Gelterkinderin mit Publikationen in Standardsprache und Oberbaselbieter Mundart in Erscheinung; unter anderem mit Beiträgen in zahlreichen Anthologien, dazu war sie eine gefragte Mundartkolumnistin, unter anderem in der «BaZ-Beilage» fürs Dreiland und natürlich bei uns in der «Volksstimme», wo ihre viel beachteten, geistreichen und engagierten Beiträge zwischen den Jahren 2000 und 2010 erschienen. Die Stimme der Gelterkinderin mit dem Oberbaselbieter Dialekt wurde dank Sendungen im Schweizer Radio DRS und auf Radio Raurach weitherum bekannt, dazu absolvierte die Autorin eine Vielzahl von Lesungen. 1993 erhielt sie den Preis der Jubiläumsstiftung der Basellandschaftlichen Kantonalbank. Ihre wichtigsten Publikationen:
1983 «Deheim und underwägs» Kurzgeschichten, Verlag Lüdin AG Liestal
1985 «S Wältschlandjohr», Verlag Lüdin AG Liestal
1993 «Duss und dinn» Kurzgeschichten, Verlag Lüdin AG Liestal
1994 «Rabenschwarze Gedanken», Kurztexte und Aphorismen, illustriert von Ruedi Pfirter, Verlag Lüdin AG Liestal
1996 «Ein Sommer in Wales», Eigenverlag
1999 «Churz und bündig», Kolumnen aus der Beilage «3» der Basler Zeitung, Verlag Lüdin AG Liestal
2008 «Mitem Bajonett im Bett», Verlag Lüdin AG Liestal
2018 «gnadenlos religiös» Sammlung, IL Verlag Basel
2020 «Wie zum Gugger schrybt me Baselbieterdütsch?», Verlag Baselland
Steinmesser
Eine bislang unveröffentlichte Geschichte über Ewigkeit und Vergänglichkeit
Mit unermüdlicher Ausdauer braust der Föhn über die Anhöhe, nimmt Anlauf auf den weiten Flächen der Matten, reibt nasse Felswände trocken, heult durch das Geäst der Bäume und saust mit ungebrochener Kraft fernen Horizonten zu. Er treibt Wolken zusammen und jagt sie wieder auseinander, ganz so, als treibe ein junger Hund sein mutwilliges und ausgelassenes Spiel mit einer kopflos gewordenen Schafherde.
Die spärlichen Schneereste auf dem Acker, dünn und glasig geworden, werden unter meinen Stiefelsohlen breitgequetscht, unansehnlich und wässrig. Nichts erinnert an ihre flockenleichte Herkunft, ihren wirbelnden Tanz vom Himmel zur Erde. Erdenschwer geworden, mischen sie sich mit der Farbe des Ackers, werden von den braunen Schollen und vom Wind aufgesogen.
Der Frost hat das kleine Steinmesser, nach dem ich mich bücke, aus der Erde gesprengt. Ich betrachte die feinen Schlagstellen am Silex und dann den sattroten Blutstropfen, der aus meiner Hand quillt, als ich, um die Schärfe der Klinge zu prüfen, meine Haut ritze.
Ein Steinzeitmensch hat mich verwundet. Vor zehntausend Jahren hat er das Werkzeug geschaffen, das heute, um 14 Uhr fünfunddreissig mitteleuropäischer Zeit, an einem Februarnachmittag des ausgehenden Zwanzigsten Jahrhunderts, kalt und gelblichmattglänzend in meiner Hand liegt.
Ich bin eingeholt vom Magdalénien. Ende der Eiszeit. Dieser Wald ist noch nicht da und nicht meine Sprache. Rom ist noch nicht erbaut, die Gedanken von Sokrates sind noch nicht gedacht. Christus ist nicht geboren und keine Kathedrale errichtet. Wo wartet die Musik von Mozart und Bach darauf, in dieser Welt zu erklingen? Grosse Namen wie jener von Goethe sind wie unbekannte Sterne, noch Lichtjahre weit weg.
Noch ist kein Buch gedruckt.
In unvorstellbar ferner Zeit wird man Amerika entdecken.
Vor sechs Millionen Jahren wurde der Jura gefaltet, über dessen Anhöhe unser Weg uns beide geführt hat, den Steinzeitmenschen und mich. Salzig wie das Meer, das die Muschelschalen im Kalk dieser Felsen hinterlassen hat, schmeckt der Blutstropfen auf meinem Handrücken. Salzig wie Tränen.
Das Werkzeug, das heute wieder ans Licht gekommen ist, kann meine Waffe werden im Kampf gegen meine Resignation und Verzweiflung darüber, wie lieblos Menschen mit andern Menschen und mit der Natur umgehen.
Wenn so viel Vergangenheit möglich ist, kann auch so viel Zukunft wahr werden. Noch unvorstellbare Veränderung.
«Denn tausend Jahre sind vor Dir wie ein Tag.»
Ich spüre den Wind auf meinem Gesicht. Über mir kreisen Gabelweih und Flugzeug.
Ein paar Atemzüge lang scheint mir, dass Ewigkeit und Vergänglichkeit ein und dasselbe sein könnten.
Meine beim Stehen kalt gewordenen Füsse tragen mich Schritt für Schritt weg von der felsgestützten Anhöhe. Der Wind, inzwischen zahm geworden, hat sich den Bäumen zu Füssen gelegt. Leise hüllt die Abenddämmerung die noch winterkahlen Buchenwipfel in den Schlaf und gibt den Tieren der Nacht das Signal zum Erwachen.
Vreni Weber-Thommen (2007)

