Dachschaden
25.09.2026 PersönlichHabe ich schon erwähnt, dass mein Camper langsam auseinanderfällt? Seit zwei Stunden, drei Espressi und einem Schokoriegel sitze ich in der Lounge einer kleinen Wohnmobilwerkstatt irgendwo im tiefsten Frankreich. Der Familienbetrieb wird vom Ehepaar Paul und Simone geführt. ...
Habe ich schon erwähnt, dass mein Camper langsam auseinanderfällt? Seit zwei Stunden, drei Espressi und einem Schokoriegel sitze ich in der Lounge einer kleinen Wohnmobilwerkstatt irgendwo im tiefsten Frankreich. Der Familienbetrieb wird vom Ehepaar Paul und Simone geführt. Ausserdem sind da noch Sohn Noah, ein schlaksiger Teenager, der im elterlichen Betrieb seine Lehre macht, und Jules, der Mechaniker.
Zwei Tage vorher war ich in Frankreich auf der Autobahn unterwegs, als ein lautes Windgeräusch mich aufschreckte. Im nächsten Moment hörte ich ein Krachen, und zack war die grosse Dachluke weg. Fragen Sie mich nicht, wie so etwas passieren kann. Auf der dringenden Suche nach einer Werkstatt bin ich bei Paul gelandet. Vielleicht nicht meine erste Wahl, wenn ich denn eine Wahl gehabt hätte. Beim Anblick der etwas heruntergekommenen Örtlichkeit versuchte ich alle aufkommenden Vorurteile zu verscheuchen. Paul jedenfalls war nett, auch wenn ich fast kein Wort seines Dialekts verstand.
Er würde den Austausch des Fensters hinkriegen und mich preislich nicht übers Ohr hauen, hoffe ich. Etwa eine Stunde für die Arbeit, sagt er. Allerdings sitze ich nun schon zwei Stunden hier und beginne mir langsam Sorgen zu machen. Habe ich mich in Paul getäuscht? Was berechnet ein Mechaniker in Frankreich für die Arbeitsstunde? Und die arbeiten da draussen ja zu dritt. Warum habe ich keinen Festpreis vereinbart, ich Huhn.
Ich bin kein Kontrollfreak, aber nun jagen mich Bedenken und Espressi doch aus dem Sessel hoch. Ich spähe um die Ecke, wo mein Camper steht. Kein Mechaniker weit und breit. Die neue Dachluke hängt unbefestigt im Rahmen. Super! Muss ich jetzt wirklich zu Simone ins Büro gehen und mit der Faust auf den Tisch hauen? Dafür bin ich zu konfliktscheu. Darum lasse ich mich wieder in meinen Sessel fallen, beisse in einen weiteren Schokoriegel und warte.
Eine halbe Stunde später kommt endlich Bewegung auf. Paul steckt den Kopf zur Türe herein, und ich erwarte, dass er mir verkündet, dass die Arbeit beendet ist. Stattdessen sagt er etwas, das so klingt wie: «Wir müsse schneiden». Ok, sage ich etwas irritiert. Gleich darauf eilt Noah herbei und ruft nach «Maman». Er brauche irgendwelche Tücher. Draussen rennt der Mechaniker Jules mit weissen Laken vorbei. Kaum hat Noah seine Tücher abgeliefert, schreit er schon wieder nach «Maman». Jetzt braucht er Panzertape. Warum hat «Maman» dieses Zeug in ihrem Büro rumliegen? Und warum muss dieser Spargeltarzan für alles nach «Maman» schreien? Meine Nerven! Und wo sind wir hier eigentlich? Im Kreisssaal? Schreit da draussen gleich ein Neugeborenes?
Nach fast vier Stunden fahre ich mit einer neuen Dachluke vom Gelände. Die Dachöffnung hatte vergrössert werden müssen. Daher die Verzögerung. Paul hat mir grosszügigerweise die Extrastunden nicht berechnet. Später finde ich heraus, dass er dafür fast das Doppelte für die Dachluke verlangt hat. Tant pis. C’est la vie!
Yvonne Zollinger ist ehemalige «Volksstimme»- Redaktorin und lebt in ihrem Wohnmobil.

