Dabei sein ist … fast alles!
19.02.2026 Sport«Vor 5 Jahren stürzte ich im freien Gelände 14 Meter in die Tiefe und habe mir dabei fast alles gebrochen, was man an Knochen brechen kann», erzählt der Mann am Nebentisch in der Hotellobby. «Wie bitte?! 14 Meter?», durchfährt es mich – und ich ...
«Vor 5 Jahren stürzte ich im freien Gelände 14 Meter in die Tiefe und habe mir dabei fast alles gebrochen, was man an Knochen brechen kann», erzählt der Mann am Nebentisch in der Hotellobby. «Wie bitte?! 14 Meter?», durchfährt es mich – und ich höre genauer hin. Denn im Augenwinkel sehe ich, dass er einen Trainingsanzug mit der Aufschrift «Libanon» trägt. «Ich wollte mir beweisen, dass es möglich ist, und habe es geschafft: Ich stand am Start!» fährt er fort. «Das macht mich sehr stolz.» Samer Tawk heisst der Athlet, der erfolgreich das Langlaufrennen über zehn Kilometer in der freien Technik absolvierte. Dass er dabei 107. von 111 Klassierten wird und fast zehn Minuten auf Seriensieger Klaebo verliert? Völlig egal. Für Tawk zählt einzig der olympische Gedanke: «Dabei sein ist alles.»
Aber trifft dies zu? Lange bleibe ich an dem Abend in der Lobby sitzen und denke darüber nach. Geschichten wie diejenige des Libanesen Tawk machen die Olympischen Spiele aus, gewiss. Aber als das «Whats-App» von Jenny eintrifft, «Wow, das Interview mit Nadine Fähndrich!», samt dreier roter Herzchen, wird mir bewusst, wie sehr das Gespräch mit der Schweizer Teamleaderin auch mich als Reporterin mitgenommen hat. Volle vier Jahre hatte die Luzernerin sich auf diesen einen Tag vorbereitet, den 10. Februar 2026, den Tag des olympischen Sprint-Rennens. Sie wollte eine Medaille – und scheiterte bereits im Viertelfinal. Nach Jahren harter Arbeit zerplatzt der Traum innert Minuten. Brutal! Ratlos und schluchzend erscheint Fähndrich danach zum Interview. Was der Reporterin einiges an Einfühlungsvermögen abverlangt. Denn im Fall der erfolgreichsten Schweizer Langläuferin der Geschichte gilt: Dabei sein ist nicht alles. Nicht für sie.
Für andere schon. In der Interview-Zone des Langlauf-Stadions begegne ich Athletinnen und Athleten aus Haïti, der Türkei und der Mongolei, in deren Ländern der Wintersport null Tradition hat. Die sich aber trotzdem den Wunsch einer Teilnahme erfüllt haben, unermüdlich kämpfen und ausgepumpt im Ziel anlangen – fernab aller Kameras, ohne jegliche Aufmerksamkeit. Wobei … Im 10-Kilometer-Rennen der Frauen standen die drei Medaillengewinnerinnen im Zielbereich und empfingen die im 108. und letzten Rang platzierte Mexikanerin Regina Martinez Lorenzo mit Applaus und Umarmungen. Bronzemedaillen-Gewinnerin Jessie Diggins aus den USA ging gar vor der Letztplatzierten auf die Knie und zog ihr die Skier aus. Wow, welch berührender Moment! Das ist Olympia.
Seraina Degen
Seraina Degen (1986) ist in Niederdorf aufgewachsen. Als Torhüterin spielte sie lange leidenschaftlich Fussball, heute bleibt sie beruflich am Ball – als Redaktorin bei SRF Sport.

