Da ist der Wurm dran
23.06.2026 PersönlichMein Vater war passionierter Hobbyfischer.
Hintere Frenke, Ergolz und Rhein waren sein Revier. Und jeder See, den wir in den Ferien ansteuerten. Ferien ohne Fischen: undenkbar!
Auch mein Grossvater fischte leidenschaftlich, vor allem in der Ergolz. Als er nach einer Herzattacke tot ...
Mein Vater war passionierter Hobbyfischer.
Hintere Frenke, Ergolz und Rhein waren sein Revier. Und jeder See, den wir in den Ferien ansteuerten. Ferien ohne Fischen: undenkbar!
Auch mein Grossvater fischte leidenschaftlich, vor allem in der Ergolz. Als er nach einer Herzattacke tot am Ufer seines Bachs gefunden wurde, schwammen noch zwei Bachforellen munter in seinem Logel, dem Hälterungsgefäss.
Und mein Götti erst: Sein Revier waren die Flüsse und Seen dieser Welt. Vor Weihnachten erhielt unsere Familie stets ein Paket mit dunkelrotem, schlicht unglaublichem Lachs! Gefangen in Alaska, mit der Fliegenrute, der Königsdisziplin.
«Ich habe das Fischer-Gen in mir», warnte ich meine liebe Gärtnerin schon früh, als sie noch keine Gärtnerin war. Also vor vielen Jahren. Dominant geworden ist das Gen erst viel später: Wir planten einen Besuch bei unserem Sohn in den USA, mit Abstecher ins ländliche Vermont. Beim Blick auf die Karte sah ich einen mäandrierenden Fluss mit dem schönen Namen Winooski River. «Lass uns dort fischen gehen», sagte ich – zu meiner eigenen Überraschung.
Die Aufregung war gross! Wir suchten eine Ferienwohnung mit richtiger Küche, in der sich ein richtiger Lachs zubereiten liesse. Und buchten einen Guide, der uns in die Geheimnisse der Fliegenrute einweihen sollte. Tatsächlich standen wir später in riesigen Fischerstiefeln fast bis zur Brust im Winooski River, schwangen unsere Ruten und kamen uns vor wie Brad Pitt im wunderbaren Fliegenfischerfilm «Aus der Mitte entspringt ein Fluss». Es war unglaublich! Aus den Fotos hätten sich schönste Poster herstellen lassen.
Lachse, warnte der Guide, seien allerdings nicht zu erwarten. Allenfalls Forellen. Doch selbst dafür sei nun im Indian Summer das Wasser schon zu kalt. Halb so schlimm, er lasse sowieso alles wieder frei: «Ich bin Amerikaner. Ich esse Burger und Pizza. Aber niemals Fisch!»
Wir schon. Bloss blieb unsere Küche so kalt wie das Wasser. Meine liebe Fischerin zog nur eine munzige Forelle aus dem grossen Fluss. Meiner wollte sich kein einziges Fischlein erbarmen.
Nicht ohne Stolz schickte ich meinem Götti ein paar der prächtigen Fotos. Er meldete sich postwendend: Seine Augen hätten nachgelassen, der Umgang mit der feinen Schnur falle ihm schwer. Er überlasse uns gerne zwei seiner Fliegenruten. Bei der feierlichen Übergabe sagte er, es handle sich um den Mercedes-Benz unter den Ruten. Er selber fuhr früher Mercedes-Benz.
Was waren wir gerührt! Wir meldeten uns sogleich zur Fischerprüfung an und bestanden sie auch. Seither sind unsere Fliegen auf drei Seen und drei Flüssen geschwommen. Das Resultat: Viel Gnuusch mit der Schnur und ein einziges Forellelein, das wir wieder springen liessen. Der Prüfungsexperte hatte uns gewarnt: Im Durchschnitt angle man acht (!) Stunden für einen Fisch.
Heute Dienstag sind wir wieder am Wasser. Rein statistisch müsste es nun klappen. Und falls nicht, ist es auch egal. Wir haben ja das Fischer-Gen. Nur der Fisch weiss es offenbar noch nicht.
David Thommen, Chefredaktor «Volksstimme»

